Wissen und Gesundheit
27.04.2016

Naher Osten: Kulturerbe von massiver Zerstörung bedroht

Archäologen fordern in Wien mehr internationale Unterstützung.

Wien - Das Kulturerbe im Nahen Osten ist durch die derzeitigen Konflikte in großer Gefahr, warnten Experten am Mittwoch am Rande der größten Tagung von in dieser Region tätigen Archäologen in Wien. Durch mutwillige Zerstörung von Kulturschätzen wie im syrischen Palmyra oder Nimrud (Irak), aber auch Plünderungen, Raubgrabungen und illegalen Kunsthandel würden derzeit massiv Kulturdenkmäler zerstört.

Unwiederbringlicher Verlust von Kulturerbe

Den aktuellen Stand der Zerstörungen diskutieren Experten bei der derzeit in Wien stattfindenden International Conference on the Archaeology of the Ancient Near East (ICAANE). Die mediale Aufmerksamkeit liege derzeit auf Syrien und dem Irak, aber auch im Jemen, in Libyen und Afghanistan führten kriegerische Auseinandersetzungen derzeit zu unwiederbringlichen Verlusten von Kulturerbe, betonte Margarete van Ess, Wissenschaftliche Direktorin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts bei einer Pressekonferenz. Plünderungen seien dabei ein gravierendes Problem.

Neben den eigentlichen Zerstörungen bestürze sie die symbolische Dimension bei den medial inszenierten Zerstörungen durch die Terrormiliz IS in Syrien und Irak, nämlich die dahinterstehende "drastische Aufkündigung menschlicher Werte, die das Zusammenleben so vieler unterschiedlicher Kulturen seit Jahrtausenden möglich machen."

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Raubgrabungen in Syrien

Aus Syrien, wo nun schon seit fünf Jahren Bürgerkrieg herrscht, berichtete der Direktor der Antikenverwaltung Syriens, Maamoun Abdulkarim, in einer Videobotschaft von einer dramatischen Zunahme von Raubgrabungen durch bewaffnete Plünderer. Diese würden gemeinsam mit hunderten angeheuerten Helfern mit Waffengewalt Kulturerbe entwenden, Antiquitäten-Experten aus dem Ausland würden ihnen die besten Stellen für ihre illegalen Grabungen aufzeigen.

Die IS-Terrormiliz setze bei ihren Zerstörungen u.a. Planierraupen ein. Auf Satellitenbildern zeigte Abdulkarim die regelrecht durchlöcherte Erdoberfläche an historischen Stätten wie Apameia, Dura-Europos und Mari. Auch durch Kriegshandlungen sei das historische Erbe in manchen Städten wie Aleppo oder Homs zu einem großen Teil zerstört. Dazu kämen ideologisch motivierte Zerstörungen wie jene der Tempel von Palmyra durch den IS.

Trotz der andauernden Kriegshandlungen wird von Archäologen im Nahen Osten an der Bewahrung des Kulturerbes gearbeitet. So werde etwa im Irak überall außer in den vom IS kontrollierten Gebieten am Erhalt und der Dokumentation von Kulturgütern gearbeitet, sagte van Ess. Die syrische Antikenverwaltung setzt derzeit vor allem auf umfassende Dokumentation von Schäden, für mehr als 450 historische Baudenkmäler seien diese per Foto dokumentiert, auch die Museumsbestände seien digital erfasst. Beim Schutz der Kulturgüter würden die Mitarbeiter dabei teilweise ihr Leben aufs Spiel setzen. So konnten Mitarbeiter der Palmyra-Museums nur wenige Stunden bevor die Stadt vom IS besetzt wurde 800 Objekte und Statuen fortbringen.

Schmuggel illegaler Antiquitäten

Im Kampf gegen den Schmuggel antiker Kunstschätze wird auf internationale Kooperation gesetzt. Dabei konnte die Antikenverwaltung im Libanon wiederholt illegal ins Land gebrachte Kulturgüter konfiszieren und wieder an die Verwaltung in Damaskus übergeben, dasselbe gilt für gestohlene Antiken aus dem Irak, berichtete der Direktor der libanesischn Antikenverwaltung, Sarkis El-Khoury.

Neben dem Libanon sind auch die Türkei und Jordanien wichtige Transitländer beim Schmuggel illegaler Antiquitäten, berichtete der UNESCO-Experte Giovanni Boccardi. Über mit kriminellen Organisationen vernetzte Händler, die etwa falsche Zertifikate für die Kulturgüter auftrieben, landen diese dann in Europa, Nordamerika, in den Golfstaaten oder im Fernen Osten.

Dokumentation der Zerstörung von Kulturerbe

Die UNESCO dokumentiere die Zerstörung von Kulturerbe auf der ganzen Welt - auch in Hinblick auf spätere Prozesse, in denen diese als Kriegsverbrechen nachverfolgt werden könnten. Boccardi verwies auch auf die Rolle kultureller Säuberungen: die Verfolgung ethnischer Gruppen und Wissenschafter oder Bücherverbrennungen würden Gesellschaften nachhaltig verändern.

In einer gemeinsamen Erklärung fordern die ICAANE-Teilnehmer internationale Unterstützung für die betroffenen Regionen, um den Verlust wichtiger historischer Stätten und Objekte zu verhindern. Die Wissenschafter fordern u.a. Hilfe für die nationalen und lokalen Behörden etwa durch Schulungen oder Finanzhilfen, Aufklärungskampagnen und eine Verstärkung des Kampf gegen illegalen Antiquitätenhandel.