Wissen und Gesundheit
20.04.2012

Muttermilch ist schwer zu ersetzen

Neue Studien zeigen großen Einfluss auf das Immunsystem und die Entwicklung von Säuglingen. Auch die Mutter profitiert.

Muttermilch ist für Säuglinge nur schwer zu ersetzen. Neue Forschungsergebnisse unterstreichen ihre Bedeutung für die Entwicklung und die Gesundheit des Kindes. Das reicht von schützenden Effekten gegen schwerste Darmentzündungen bis hin zur Immunologie, heißt es anlässlich eines international hochrangig besetzten Symposiums zu dem Thema, das derzeit in Wien stattfindet. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Umgang mit Medikamenten in der Stillzeit. Der Laktationsexperte Prof. Peter Hartmann von der University of Western Australia betont: „Die Zusammensetzung der Muttermilch ist auf einzigartige Weise dazu gedacht, die unausgereiften Systeme des Säuglings wie Verdauung, Leber, Nerven, Knochenbau, Gefäße und das Immunsystem optimal zu entwickeln.“ Der führende Experte Tom Hale von der Texas Tech University School of Medicine ergänzt: „Gestillte Babys sind immer gesünder. Und auch die Mutter profitiert vom Stillen. Jedes Monat, in dem gestillt wird, reduziert das Brustkrebs-Risiko um 0,9 Prozent.“

Die WHO empfiehlt derzeit eine Stilldauer von mindestens sechs Monaten. Schutzeffekt Die Experten können künstlich hergestellter Babymilch nur wenig abgewinnen. Lars Bode von der University of California erklärt dazu: „Frühgeborene, die mit künstlicher Babymilch ernährt werden, erkranken etwa sechs Mal häufiger an nekrotisierender Darmentzündung als gestillte Frühgeborene.“

Babynahrungs-Hersteller würden versuchen, die Zusammensetzung ihrer Produkte möglichst an jene der natürlichen Muttermilch mit ihren schützenden Effekten anzupassen. „Doch viele Inhaltsstoffe sind so komplex und können nur vom Menschen produziert werden. Man kann sie weder aus der Milch anderer Säugetiere noch aus Pflanzen gewinnen.“ Um auch Säuglinge, deren Mütter nicht stillen können, mit Muttermilch zu versorgen, plädiert Prof. Uwe Ewald von der Uppsala University in Schweden dafür, Programme für Muttermilchspenden zu fördern (wie etwa die Frauenmilchsammelstelle der Stadt Wien, Anm.). Er betont außerdem die Bedeutung des Stillens für die Entwicklung der körperlichen und emotionalen Bindungsfähigkeit bei Säuglingen.

Stammzellen

Stammzellen Neue Forschungsergebnisse präsentiert außerdem Foteini Hassiotou von der University of Western Australia: „Wir haben in der Muttermilch Stammzellen entdeckt, die in ihren Eigenschaften den embryonalen Stammzellen ähneln. Das könnte eine Quelle für Stammzelltherapien sein.“ Zudem soll dies Erkenntnisse zur Entstehung und Verhinderung von Brustkrebs bringen.

Medikamente: „Erkrankungen unbedingt behandeln“

Große Unsicherheit gibt es immer wieder in Bezug auf Medikamenteneinnahme in der Stillzeit. Tom Hale von der Texas Tech University School of Medicine ist der weltweit führende Experte auf dem Gebiet: „Gesunde Mütter haben gesunde Kinder. Daher ist es wichtig, Depressionen, Multiple Sklerose oder andere Erkrankungen zu behandeln.“ Gerade bei speziellen Anforderungen herrsche auch bei Ärzten oft Unsicherheit, welche Medikamente in die Muttermilch übergehen. Bei nur etwa 30 Prozent aller Arzneien seien die Auswirkungen überhaupt bekannt. „Viele Anti-Depressiva und Antibiotika sind sicher. Vorsicht gilt bei Krebsmedikamenten.“ Hale rät außerdem dringend von pflanzlichen Heilmitteln in der Schwangerschaft und Stillzeit ab: „Viele können schwere Nebenwirkungen bei Kindern auslösen.“