Wer vor dem 50. Lebensjahr mit dem Rauchen aufhört, hat den größten Profit

© /ljubaphoto/iStockphoto

Weltnichtrauchertag
05/31/2016

Mit einem Rauchstopp acht Lebensjahre zurückgewinnen

VAEB-Chefarzt Peter Grabner über die Motivation und Strategien für einen Rauchstopp.

von Ernst Mauritz, Katrin Solomon

Positive Entwicklungen sind das eine: Die Zahl der täglich rauchenden Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren in Österreich zurückgegangen. Das andere: Erst jetzt zeigen sich die Folgen des jahrzehntelangen hohen Nikotinkonsums in Österreich so richtig. "Die höchste Steigerungsrate bei Raucher-Erkrankungen gibt es derzeit bei der Lungenkrankheit COPD", sagt Chefarzt Peter Grabner von der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB) anlässlich des Weltnichtrauchertages (31. 5.). Diese führt in ihrer Gesundheitseinrichtung am Josefhof bei Graz stationäre Entwöhnungsprogramme für mittlere und schwere Raucher durch.

KURIER: Welche Voraussetzungen sind für einen dauerhaften Rauchstopp notwendig?

Peter Grabner: Viele sind in den ersten Jahren ja durchaus zufriedene – konsonante – Raucher. Bei solchen werden sie auch mit den besten Angeboten – vom Rauchfrei Telefon (siehe Artikel unten) über ambulante Beratung sowie Einzel- oder Gruppentherapie bis zu stationären Programmen – keinen momentanen Erfolg haben. Denn ihnen fehlt in dieser Phase jegliche Motivation. Erst wenn sich die Einstellung ändert, wenn aus dem zufriedenen ein innerlich unzufriedener – dissonanter – Raucher wird, haben Angebote zur Entwöhnung einen Sinn. Aber auch dann ist als erster Schritt oft sehr viel Informations- und Aufklärungsarbeit notwendig.

Welche konkret?

Rauchen wird vielfach nur mit Lungenkrebs assoziiert, und auch hier nehmen die Fälle zu. Aber wir sehen derzeit einen unglaublichen Vormarsch der COPD, einer Lungenkrankheit, die zu einer chronischen Verengung der kleinen Atemwege in der Lunge führt – dadurch wird die Atemnot mit den Jahren immer größer. Vor einigen Jahren noch war die COPD die sechsthäufigste Todesursache weltweit, mittlerweile ist sie auf Platz drei vorgerückt. Bei der Diagnose müssen wir den Patienten sagen: "Alle Medikamente, die Sie jetzt bekommen, helfen Ihnen nicht viel, wenn Sie nicht mit dem Rauchen aufhören." Das ist die wichtigste Maßnahme, um einen weiteren Funktionsverlust der Lunge zu verlangsamen. Tatsächlich können bei solchen Diagnosen – auch nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall – viele Menschen den Schalter im Hirn umlegen und erfolgreich aufhören, auch wenn es davor nicht geklappt hat. Nur dann ist es halt schon sehr spät. Dann können wir nur noch versuchen, weitere Verschlechterungen zu verhindern. Deshalb ist es eines unserer wichtigsten Ziele, die Menschen dazu zu bringen, schon früher über einen Rauchstopp nachzudenken.

Und welche "Motivationstricks" haben Sie dafür?

Personen, die vor 50 zum Rauchen aufhören, haben nur ein halb so hohes Risiko, während der nächsten 15 Jahre zu sterben wie Personen, die weiter rauchen. Durch einen Rauchstopp um das 40. Lebensjahr lassen sich etwa acht Lebensjahre zurückgewinnen – im Vergleich zu Personen, die bis ins Alter weiter rauchen (siehe Grafik). Bereits ein Jahr nach der letzten Zigarette ist das Risiko, dass der Herzmuskel mit zu wenig Sauerstoff versorgt wird, nur noch halb so groß wie das eines Rauchers. Nach fünf Jahren ist das Lungenkrebsrisiko um die Hälfte gesunken, nach zehn Jahren ist es auf dem Niveau eines Nierauchers.

Wie kann man das Risiko eines Rückfalls reduzieren?

Ich habe Hochachtung vor allen, die den Entschluss fassen aufzuhören. Ich beneide keinen, weil es kann wirklich schwer werden. Abgesehen von der Motivation ist es enorm wichtig, sich auf Situationen vorzubereiten, in denen ein scheinbar unbeherrschbarer, impulsiver Drang nach einer Zigarette auftritt. Hier braucht man anstelle des gewohnten Griffs zur Zigarette alternative Verhaltensmuster – andernfalls ist man dem Drang wehrlos ausgesetzt. Am besten hilft aus meiner Erfahrung Bewegung. Wobei ich betone: Niemand muss sich als Versager fühlen, wenn es nicht gleich beim ersten Mal klappt. Das ist ganz normal. Dazu sind ja unsere und auch andere Angebote da, um die Menschen auf diesem Weg zu begleiten. Gehen müssen sie allerdings selbst.

Wer benötigt eine stationäre Entwöhnung?

Die wirklich starken Raucher. Manche kommen auf 80 bis 100 Zigaretten am Tag und müssen sogar in der Nacht aufstehen und rauchen, damit der Nikotinspiegel nicht zu stark abfällt. Man sollte aber nicht unterschätzen, dass man von anfangs nur drei, vier Zigaretten am Tag schleichend in eine Abhängigkeit mit viel höherem Konsum schlittern kann.

Sehen Sie hier eine Infografik zum Thema Rauchen und Rauchstopp:

10 Jahre „Rauchfrei Telefon“: Rund ein Drittel der Aufhörwilligen schafft das dauerhaft

„Mein Hausarzt hat mich vor einem Jahr auf Ihre Hotline aufmerksam gemacht“, schreibt Dietmar, 37, in einem Dankesbrief: „Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich aufgrund einer telefonischen Beratung zum Rauchen aufhöre.“ Doch Dietmar griff zum Hörer, mehrere Telefonate mit einer Psychologin folgten – und jetzt hat er die ersten rauchfreien Monate geschafft.

43.000 Anrufe verzeichnete das Team des „Rauchfrei Telefons“ in den vergangenen zehn Jahren. Das Telefon – international als „Quitline“ bezeichnet – wird von der NÖ Gebietskrankenkasse (NÖGKK) betrieben und ist eine Initiative von insgesamt 25 Partnern. Neben den Sozialversicherungsträgern sind dies auch alle Länder und das Gesundheitsministerium. „Der niederschwellige Zugang zu einer professionellen und kostenlosen Beratung ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Gerhard Hutter, Obmann der NÖGKK.

Sieben Psychologinnen

Das Team des Rauchfrei Telefons besteht aus sieben Klinischen und Gesundheitspsychologinnen. Mit ihrer telefonischen Unterstützung schafft es rund ein Drittel der Aufhörwilligen, für immer rauchfrei zu bleiben (Details siehe Grafik oben).
„Rückfallprophylaxe ist eine der drei tragenden Säulen der Arbeit des Rauchfrei Telefons und genauso wichtig wie der Anstoß zum Aufhören und die laufende Unterstützung während der Entwöhnungsphase“, erklärt die Leiterin des Rauchfrei Telefons, Sophie Meingassner. „Ebenso bedeutend ist die persönliche Beratung. Wenn aber jemand auf Anonymität besteht, wird diese selbstverständlich eingehalten.“ Seit 2014 gibt es auch eine „Rauchfrei App“, die interaktiv Unterstützung beim Ausstieg anbietet.

Der Großteil der Anruferinnen und Anrufer (die Geschlechterverteilung ist mit je 50 % genau ausgeglichen) ist mittel bis stark körperlich abhängig. Nur elf Prozent der anrufenden Raucher haben davor noch keinen Aufhörversuch unternommen.
„Raucherinnen und Raucher werden aktiv abgeholt und beim Rauchstopp betreut“, sagt Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser. Sie rechnet mit einer starken Zunahme der Anruferzahlen: „Künftig wird sich auf jeder Zigarettenpackung in Österreich (neben den Schockbildern, Anm.) ein Hinweis auf das Rauchfrei Telefon unter Angab von Telefonnummer und Homepage befinden.“

Das Rauchfrei Telefon ist unter 0800 810 013 Mo. bis Fr. von 10 bis 18 Uhr gebührenfrei erreichbar.

Die Beratung ist kostenlos. Ein Informationspaket und Links zur „Rauchfrei App“ gibt es auf www.rauchfrei.at

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.