Wissen 12.07.2012

Live aus der Knochenwerkstatt

Grobmechanik: Ruhige Hände alleine genügen nicht, ein guter Chirurg muss auch zuschlagen können. © Bild: Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

OP bei Bewusstsein: Hämmern, bohren, schrauben – wie es sich anfühlt, wenn Ärzte an einem arbeiten wie an einem Gebrauchtwagen.

Yves Schaden schwingt einen Hammer, und seine weißen Latex-Handschuhe färben sich rot von meinem Blut. Der Chirurg holt aus meinem linken Unterschenkel den 37 Zentimeter langen Marknagel, den ich mit mir herumtrage, seit ich unglücklich von einem Barhocker gekippt bin. Das ist gut zweieinhalb Jahre her.

Freitagnachmittag im OP 5 des Lorenz-Böhler-UKH Wien. Ein Kreuzstich ermöglicht es, dass ich den Eingriff bewusst miterlebe. Nicht jedermanns Sache; Frauen dagegen machen diese Erfahrung bei Kaiserschnitt-Geburten öfter. Die Anästhesistin spritzt mir das Betäubungsmittel zwischen den Lendenwirbeln ins Rückenmark. Ein kleiner Stich, kaum wahrnehmbar, doch schon Minuten später verliere ich hüftabwärts jedwedes Gefühl. Meine Beine sind Ballast geworden. Die OP-Gehilfen wuchten mich auf ein Förderband und lassen mich auf den Behandlungstisch rutschen. Kurzzeitig wird mir etwas übel, mit beengtem Brustkorb fällt das Atmen schwer. Ganz kann ich die Nervosität nicht leugnen.

Kleiner Schaden

Sechs Schrauben fixieren den Nagel und müssen entfernt werden.
© Bild: Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

Das Operationsteam besteht aus acht Personen, drei davon sind Ärzte. Es ist 19 Grad kühl im Raum, ich liege unter einer Heiz­decke. Blut fließt durch einen Schlauch an mir vorbei in einen Behälter. Ein Tuch nimmt mir die direkte Sicht auf die Operationsstelle, ich beobachte einen Bildschirm, der laufend Röntgenbilder zeigt. Ich höre das Warmluft­gebläse und das Schlagen von Metall auf Metall. Die Vibrationen spüre ich, doch keinen Schmerz. Die Anästhesistin zwinkert mir aus braunen Augen zu: Alles in Ordnung.

Derweil drischt Schaden den Hammer von unten nach oben gegen die lange Extraktionsschraube, um den Unterschenkelverriegelungsnagel aus dem Knochen zu ziehen. Ich sehe nur seine Hand auf- und abschwingen, es ist ein bisschen wie in Hitchcocks "Psycho". "Der kleine Schaden" wird der 32-Jährige mitunter genannt. Es hätte schlimmer kommen können, früher hat man "Dr. Damage" zu ihm gesagt. Und Schaden hat Humor: "Ich hab’ schon einen Muskelkater", scherzt er.

Großer Service

Immer im Bilde: Per Fußschalter betätigt der Operateur das Röntgen.
© Bild: Team UKH Lorenz Böhler/Armin Motamedi

Es rennt der Schmäh, das gibt Sicherheit. Den ganzen Tag schon erledigen alle ihren Job angenehm unaufgeregt und heiter-routiniert: Bei der Aufnahme um 7 Uhr früh genauso wie in der Krankenabteilung, wo ich dann die Wartezeit verbringe. Schwester Erika weist mich dort mit jener Stimme ein, die allen Stationsschwestern zu­eigen scheint: Resolut, aber freundlich. Ihre Ansagen sind unzählige Male erprobt und in Hochdeutsch gehalten, doch ihr Plauderton ist unverkennbar steirisch. "Hier geht es familiär zu", lobt sie das Klima im Lorenz Böhler. Vom Familienessen bin ich trotzdem ausgeschlossen, denn ich muss nüchtern bleiben. Hart, wenn einem der Duft gebackener Kroketten in die Nase steigt.

Um halb vier geht es endlich los, ich werde ins Vorzimmer zum OP geschoben. Das Bein wird rasiert, die Spinalanästhe­sie vorgenommen, und es gibt eine gute Nachricht: Da die OP nicht lange dauert, muss kein Urinkatheter gesetzt werden. Der Eingriff selbst ist, technisch gesehen, erstaunlich unspektakulär. Die moderne Medizin, die so viele Wunder bewerkstelligen kann, wirkt ganz banal. Der blau gekachelte OP verwandelt sich in eine Werkstatt, das Hämmern erinnert an eine Schmiede, und blutverschmierte Kittel trägt mein Metzger auch.

Desinfizieren, Knie aufschneiden, Gewebe spreizen, Blutstillung, Verriegelungsschrauben entfernen. Patellasehne spalten, Schienbeinkopf per Hohlmeißel freilegen, Nagel heraushämmern, spülen, Wunden mit 19 Stichen schließen. Das Protokoll: "Schnitt 16:02, Naht 16:55". Eine kleine Komplikation gibt es doch, eine Schraube bricht ab. Wir beschließen, den Rest im Knochen zu belassen. Es bleibt ein Stück Titan in mir, unter dem Einfluss der Narkotika begeistert mich das fast.

Pickerl

Im Aufwachraum schlafe ich ein. Als ich munter werde, kann ich die Beine etwas anheben, die Zehen gehorchen noch nicht. Tags darauf stehe ich auf eigenen Füßen, dankbar für das sonst so Selbstverständliche. Heimgehen darf ich nicht, ich muss vier Tage lang warten. Stimmt schon, das Pickerl fürs Auto kriegt man schneller.

Den übelsten Crash im Zimmer hat übrigens mein rechter Bettnachbar Holger hingelegt: Er verbringt acht Wochen im Spital, nachdem er sich beide Beine offen gebrochen hat – beim Rodeln am Semmering. Dann doch lieber wieder in die Milchbar.

Bruch & Böhler: Aus Erfahrung gut

Die Fraktur Wenn Röhren­knochen brechen – in diesem Fall das Schienbein –, wird häufig ein Marknagel als "Schiene von innen" eingesetzt, um den Knochen zu stabilisieren.

Geschichte Lorenz Böhler (1885–1973) gilt als einer der Wegbereiter der modernen Unfallchirurgie. Der Vorarlberger setzte auf Statistiken und Spezialisierung, er revolutionierte die Knochenbruchbehandlung.

Das UKH Das nach Böhler benannte Unfallkrankenhaus in Wien-Brigittenau gehört zur AUVA und steht unter der ärztlichen Leitung von Primarius Univ.-Prof. Dr. Harald Hertz. Es verfügt über 128 Betten, jährlich werden 70.000 Patienten behandelt und 4500 chirurgische Eingriffe durchgeführt.

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©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

©Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi

( Kurier ) Erstellt am 12.07.2012