Live aus der Knochenwerkstatt

Marknagelentfernung
Foto: Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi Grobmechanik: Ruhige Hände alleine genügen nicht, ein guter Chirurg muss auch zuschlagen können.

OP bei Bewusstsein: Hämmern, bohren, schrauben – wie es sich anfühlt, wenn Ärzte an einem arbeiten wie an einem Gebrauchtwagen.

Yves Schaden schwingt einen Hammer, und seine weißen Latex-Handschuhe färben sich rot von meinem Blut. Der Chirurg holt aus meinem linken Unterschenkel den 37 Zentimeter langen Marknagel, den ich mit mir herumtrage, seit ich unglücklich von einem Barhocker gekippt bin. Das ist gut zweieinhalb Jahre her.

Freitagnachmittag im OP 5 des Lorenz-Böhler-UKH Wien. Ein Kreuzstich ermöglicht es, dass ich den Eingriff bewusst miterlebe. Nicht jedermanns Sache; Frauen dagegen machen diese Erfahrung bei Kaiserschnitt-Geburten öfter. Die Anästhesistin spritzt mir das Betäubungsmittel zwischen den Lendenwirbeln ins Rückenmark. Ein kleiner Stich, kaum wahrnehmbar, doch schon Minuten später verliere ich hüftabwärts jedwedes Gefühl. Meine Beine sind Ballast geworden. Die OP-Gehilfen wuchten mich auf ein Förderband und lassen mich auf den Behandlungstisch rutschen. Kurzzeitig wird mir etwas übel, mit beengtem Brustkorb fällt das Atmen schwer. Ganz kann ich die Nervosität nicht leugnen.

Kleiner Schaden

Marknagelentfernung Foto: Team UKH Lorenz Böhler/Amin Motamedi Sechs Schrauben fixieren den Nagel und müssen entfernt werden.

Das Operationsteam besteht aus acht Personen, drei davon sind Ärzte. Es ist 19 Grad kühl im Raum, ich liege unter einer Heiz­decke. Blut fließt durch einen Schlauch an mir vorbei in einen Behälter. Ein Tuch nimmt mir die direkte Sicht auf die Operationsstelle, ich beobachte einen Bildschirm, der laufend Röntgenbilder zeigt. Ich höre das Warmluft­gebläse und das Schlagen von Metall auf Metall. Die Vibrationen spüre ich, doch keinen Schmerz. Die Anästhesistin zwinkert mir aus braunen Augen zu: Alles in Ordnung.

Derweil drischt Schaden den Hammer von unten nach oben gegen die lange Extraktionsschraube, um den Unterschenkelverriegelungsnagel aus dem Knochen zu ziehen. Ich sehe nur seine Hand auf- und abschwingen, es ist ein bisschen wie in Hitchcocks "Psycho". "Der kleine Schaden" wird der 32-Jährige mitunter genannt. Es hätte schlimmer kommen können, früher hat man "Dr. Damage" zu ihm gesagt. Und Schaden hat Humor: "Ich hab’ schon einen Muskelkater", scherzt er.

Großer Service

Marknagelentfernung Foto: Team UKH Lorenz Böhler/Armin Motamedi Immer im Bilde: Per Fußschalter betätigt der Operateur das Röntgen.

Es rennt der Schmäh, das gibt Sicherheit. Den ganzen Tag schon erledigen alle ihren Job angenehm unaufgeregt und heiter-routiniert: Bei der Aufnahme um 7 Uhr früh genauso wie in der Krankenabteilung, wo ich dann die Wartezeit verbringe. Schwester Erika weist mich dort mit jener Stimme ein, die allen Stationsschwestern zu­eigen scheint: Resolut, aber freundlich. Ihre Ansagen sind unzählige Male erprobt und in Hochdeutsch gehalten, doch ihr Plauderton ist unverkennbar steirisch. "Hier geht es familiär zu", lobt sie das Klima im Lorenz Böhler. Vom Familienessen bin ich trotzdem ausgeschlossen, denn ich muss nüchtern bleiben. Hart, wenn einem der Duft gebackener Kroketten in die Nase steigt.

Um halb vier geht es endlich los, ich werde ins Vorzimmer zum OP geschoben. Das Bein wird rasiert, die Spinalanästhe­sie vorgenommen, und es gibt eine gute Nachricht: Da die OP nicht lange dauert, muss kein Urinkatheter gesetzt werden. Der Eingriff selbst ist, technisch gesehen, erstaunlich unspektakulär. Die moderne Medizin, die so viele Wunder bewerkstelligen kann, wirkt ganz banal. Der blau gekachelte OP verwandelt sich in eine Werkstatt, das Hämmern erinnert an eine Schmiede, und blutverschmierte Kittel trägt mein Metzger auch.

Desinfizieren, Knie aufschneiden, Gewebe spreizen, Blutstillung, Verriegelungsschrauben entfernen. Patellasehne spalten, Schienbeinkopf per Hohlmeißel freilegen, Nagel heraushämmern, spülen, Wunden mit 19 Stichen schließen. Das Protokoll: "Schnitt 16:02, Naht 16:55". Eine kleine Komplikation gibt es doch, eine Schraube bricht ab. Wir beschließen, den Rest im Knochen zu belassen. Es bleibt ein Stück Titan in mir, unter dem Einfluss der Narkotika begeistert mich das fast.

Pickerl

Im Aufwachraum schlafe ich ein. Als ich munter werde, kann ich die Beine etwas anheben, die Zehen gehorchen noch nicht. Tags darauf stehe ich auf eigenen Füßen, dankbar für das sonst so Selbstverständliche. Heimgehen darf ich nicht, ich muss vier Tage lang warten. Stimmt schon, das Pickerl fürs Auto kriegt man schneller.

Den übelsten Crash im Zimmer hat übrigens mein rechter Bettnachbar Holger hingelegt: Er verbringt acht Wochen im Spital, nachdem er sich beide Beine offen gebrochen hat – beim Rodeln am Semmering. Dann doch lieber wieder in die Milchbar.

Bruch & Böhler: Aus Erfahrung gut

Die Fraktur Wenn Röhren­knochen brechen – in diesem Fall das Schienbein –, wird häufig ein Marknagel als "Schiene von innen" eingesetzt, um den Knochen zu stabilisieren.

Geschichte Lorenz Böhler (1885–1973) gilt als einer der Wegbereiter der modernen Unfallchirurgie. Der Vorarlberger setzte auf Statistiken und Spezialisierung, er revolutionierte die Knochenbruchbehandlung.

Das UKH Das nach Böhler benannte Unfallkrankenhaus in Wien-Brigittenau gehört zur AUVA und steht unter der ärztlichen Leitung von Primarius Univ.-Prof. Dr. Harald Hertz. Es verfügt über 128 Betten, jährlich werden 70.000 Patienten behandelt und 4500 chirurgische Eingriffe durchgeführt.

Wien, Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus der AUVA, im Vorraum zum Operationssaal. Nach einer hübschen Teilrasur und Verabreichung eines Beruhigungsmittels wird die Spinalanästhesie („Kreuzstich“) vorgenommen. Minuten später spüre ich von der Körpermitte abwärts nichts mehr und kann angeschnitten werden. Die Operationsstellen werden schon bei der Aufnahme am Vormittag wie auf einer Schatzkarte markiert. Dazu immer wieder die Frage nach Namen und Geburtsdatum, schließlich sollen unangenehme Verwechslungen ausgeschlossen werden. Sicherheit ist naturgemäß ein großes Thema: Mein Bein wird vier Mal desinfiziert, und die Chirurgen tragen zwei Paar Handschuhe übereinander. Achtung, es folgen nun etwas blutigere Fotos… Insgesamt schwirren acht Personen um mich herum. Während die Anästhesistin die Vitalfunktionen überwacht, legen zwei Chirurgen direkt Hand an. Dazu kommen die Anästhesieschwester, die Beidienstschwester, die Instrumentenschwester, der Röntgenassistent und der OP-Gehilfe. Zu Beginn werden fünf der sechs Verriegelungsschrauben entfernt, die den Marknagel in seiner Position halten. Eine Schraube wird vorerst nur gelockert, um den Rotationsschutz zu gewährleisten. Das Werkzeug der Chirurgen unterscheidet sich nicht großartig von jenem, das der durchschnittliche Heimwerker zuhause hat. Natürlich ist es aus speziellem Material und kostet ein Vielfaches, aber für mich ist kein Unterschied zu bemerken. Mit einem Fußschalter kann der Operateur laufend neue Röntgenaufnahmen auf den Bildschirm holen, weshalb ich auch eine Bleischürze trage. Durch diese Schnappschüsse kann ich den Eingriff praktisch live mitverfolgen, obwohl mir die Sicht auf die Operationsstelle durch ein Tuch genommen wird. Dieses soll die Gefahr von Infektionen mindern – ich werde aber den Verdacht nicht los, dass es mich auch davon abhalten soll, angesichts des kleinen Gemetzels doch noch in Ohnmacht zu fallen. Der Kopf einer Schraube ist abgebrochen. Titan ist eben ein vergleichsweise weiches Material, wird aber gegenüber dem schlechter verträglichen Stahl für Implantate bevorzugt. Die Ärzte (im Bild: Dr. Yves Schaden) erklären mir zwei Varianten: Der Schraubenrest kann im Knochen belassen werden, weil er dort nicht weiter stört – dafür entscheiden wir uns somit auch. Alternativ wäre es möglich, die Schraube zu überbohren, dabei könnten freilich Knochensplitter Verletzungen verursachen. Schluss mit lustig, jetzt geht’s ans Eingemachte. Das Knie wird an der Unterseite geöffnet. Nach dem Spalten der Patellasehne greifen die Ärzte zum Hohlmeißel, um den Schienbeinkopf und den Weg zum Marknagel freizulegen. Ich empfinde nach wie vor keinen Schmerz, aber die Vibrationen beim Einsatz von Meißel und Hammer bekomme ich durchaus mit. Die Extraktionsschraube wird mit dem Marknagel verbunden. Sie ist das Vehikel, um den Nagel aus dem Knochen zu ziehen. Durch das abgewinkelte Bein kann dieser senkrecht nach oben geholt werden. Dann wird drauflosgehämmert, dass es nur so scheppert. Um mich abzulenken, frage ich die Anästhesistin, ob sie gelegentlich ein paar Glücklichmacher mitgehen lässt. „Damit würde ich meinen Job riskieren, und ich habe hart gearbeitet, um an dieser Stelle zu stehen“, antwortet sie. „Außerdem brauche ich einen klaren Kopf für die Arbeit und die Patienten.“ Irgendwie doch beruhigend. Langsam kommt das gute Stück zum Vorschein, das sich 32 Monate lang als „Schiene von innen“ im Markraum meines linken Unterschenkelknochens befunden hat, um diesen nach einer Fraktur zu stabilisieren. Das Wadenbein ging damals übrigens auch zu Bruch, bedurfte aber keiner operativen Versorgung. Der 37 Zentimeter lange sogenannte Unterschenkverriegelungsnagel kostet etwa 300 Euro und wiegt mit den Schrauben gemeinsam keine 150 Gramm. Sorgfältig gereinigt, darf ich das entfernte Metall später mit nachhause nehmen. Interessant ist auch der Blick auf die Werkzeugkiste der Chirurgen im linken oberen Bildteil. Dann werden die Spuren der Tat mehr oder weniger beseitigt. Die Wunde wird gespült und eine Drainage gelegt. Durch diese fließt einen ganzen Tag lang das Blut ab, das vom verletzten Gewebe des nunmehr hohlen Knochens abgegeben wird. Äußerlich wird noch ein ordentlicher Bluterguss sichtbar werden, der den Unterschenkel für einige Zeit in schillernde Farben kleidet. Nachdem auch die Patellasehne verschlossen ist, werden die Wunden zugenäht und ein Verband angelegt. Nach 19 Stichen bleiben sechs Nähte zurück, die Fäden werden zwei Wochen später gezogen. Der Eingriff hat eine knappe Stunde gedauert. Alles ist gut gegangen, und ich hüpfe mittlerweile wieder wie ein junges Känguru. An dieser Stelle ein herzliches Danke an das medizinische und Pflegepersonal im Lorenz Böhler!
(kurier) Erstellt am
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