Wissen und Gesundheit
18.10.2017

So macht man Kindern Lust aufs Lesen

Selbst Buben kann man zum Lesen dicker Bücher motivieren. Wie das funktioniert, zeigen zwei Projekte.

Egal, ob private Chats im Internet, Anweisungen in der Arbeit oder Formulare auf dem Amt: Texte sind essenzieller Bestandteil unseres Lebens. Um so erschreckender, dass jeder fünfte Jugendliche am Ende der Pflichtschule nicht sinnerfassend lesen kann.

Doch es gibt Wege, Kindern Lust aufs Lesen zu machen. Zwei Projekte zeigen, wie man Schüler jeden Alters motivieren kann: Eine Autorin nimmt die Anregungen der Jugendlichen auf, bevor sie ein Buch schreibt – und sie hält über viele Kanäle Kontakt mit ihren Lesern, etwa mittels eines Kuscheltiers, das selbst "große Kinder" begeistert.

Spielerisch gehen es der Buchklub sowie Verlage an: Mit Brettspielen verleiten sie Schüler zum Lesen. Die merken en passant, wie wichtig sinnerfassendes Lesen ist.

Projekt 1: Leser werden zu einer Gemeinschaft

Als Lehrerin an einer HTL weiß Christina Frommund, wie schwer es ist, junge Menschen für Bücher zu begeistern. Besonders die Burschen sind Lesemuffel. Von ihren Schülern wollte sie wissen, warum das so ist. Erstaunliche Antwort: "Die meisten Bücher auf dem Markt sind Liebesgeschichten, die die Burschen weniger interessieren."

Was lag da also näher, als selbst ein Buch zu schreiben, das den Ansprüchen von Burschen und Mädchen gerecht wird? Für Frommund, die zuvor schon Sachbücher und Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, war das eine schöne Herausforderung. "Ich fragte die Schüler, was denn ein solches Buch beinhalten muss. Ihre Antwort: Es soll um die griechischen Götter sowie um Gut und Böse gehen, wobei das Böse in Form von Epidemien und Naturkatastrophen die Menschen ereilen soll. Auch dass ein Tier eine Rolle in der Geschichte einnimmt, haben sie sich gewünscht. Ganz wichtig war es ihnen auch, dass die Geschichte in der Ich-Form geschrieben ist, sodass sich Schüler besser damit identifizieren können."

Und die Schüler der HTL St. Pölten gaben Crissy Catella – so das Pseudonym der Autorin – noch einen guten Rat. "Nutzen Sie soziale Medien wie Instagram, aber auch Facebook oder eMail, um mit den Lesern in Kontakt zu kommen." Auch diesen Rat hat die Lehrerin befolgt. Daraus entstand der erste Band der Saga: "Arassis." Wie es im zweiten Teil weitergehen soll, können die jungen Leser beeinflussen, indem sie Vorschläge machen.

Damit nicht genug: Die Lehrerin hat sich noch einiges einfallen lassen, um die Leser zu einer "Arassis-Community" werden zu lassen. So gibt es für Lehrer gratis ein E-Book mit Unterrichtsmaterialien, die Bezug aufs Buch nehmen und in vielen Fächern eingesetzt werden können, etwa in Mathematik, Deutsch, Englisch oder Geschichte.

Alle drei Monate informiert eine E-Zeitung die Arassis-Fans über die Hintergründe der Saga, und in Video-Kochkursen werden die Lieblingsrezepte des Protagonisten vorgestellt. Zudem gibt es regelmäßig Wettbewerbe. Hauptpreis ist der handgehäkelte Kuschelhund Argos, der im Buch immer wieder als Lebensretter fungiert.

Buchtipp: Crissy Catella. Das Vermächtnis der Arassis. Familia Verlag, 17,50 €, empfohlen ab 12 Jahren

Projekt 2: Brettspiele verleiten zum Lesen

"Gehe drei Felder zurück" – eine Anweisung, die man von vielen Brettspielen kennt. Das Lesen übt man nebenbei, wie Gerhard Falschlehner, Geschäftsführer des Buchklubs, feststellt: "Das ist besonders für die große Gruppe von Kindern wichtig, die nicht von vornherein gerne liest."
Positiver Nebeneffekt: Kindern wird so bewusst, wie wichtig es ist, nicht nur lesen zu können, sondern die Sätze auch sinnerfassend zu verstehen und in Handlungen umzusetzen: "Das ist die große Kunst", so Falschlehner. Der Buchklub ist deshalb eine "einzigartige Kooperation mit vier Spieleverlagen eingegangen, darunter dem Wiener Unternehmen Piatnik."

Dessen Chef Dieter Strehl hatte die Idee: "Ich habe in Deutschland viele Initiativen gesehen, wo es darum ging, Spiele in die Schulen zu bringen. Da dachte ich mir, dass müsste auch bei uns möglich sein. Das war vor zehn Jahren. Mittlerweile bieten die Verlage Pakete mit je vier Spielen für verschiedene Altersstufen an und haben so viele Spiele in die Schulen hineingetragen."
Das Feedback von den Lehrern sei positiv, berichtet Falschlehner: "Auch weil wir eine Vorauswahl treffen." Dezidierte Lernspiele werden nicht angeboten: "In vielen Spielen ist eh schon so viel drin", sagt Strehl: "Zählen, Farben erkennen, kleine Rechnungen, Sozialkompetenz oder Konzentration – es werden viele Kompetenzen trainiert." Und das schon bei den Jüngsten: "Wer im Kindergarten ein Brettspiel spielt, lernt dabei, sich auf einer Fläche zu orientieren – eine wichtige Voraussetzung fürs spätere Lesen. Anderes, wie Bildkarten, erweitern den Wortschatz." Der Buchklub will jede Möglichkeit nutzen, Kinder lesefit zu machen, indem er Lektüre von der Zeitschrift bis zum Internet anbietet.
Dass Kinder heute beim Spiel eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne hätten als früher, sei ein Gerücht, sagt Strehl: "Wenn ihnen etwas wichtig ist und es darauf ankommt, sind sie bei der Sache, heute wie damals." Die digitale Konkurrenz fürchtet er nicht: "Spielen ist ein Gemeinschaftserlebnis – und ein Computer lacht nicht."

Infos: www.buchklub.at, www.piatnik.com