Wissen und Gesundheit
18.07.2017

Zähneknirschen gegen Kummer

Bruxismus. Das Aneinanderreiben der Kiefer ist meist ein Zeichen für psychische Belastungen.

Seit Kurzem arbeitet Lisa F., 24, in ihrem neuen Job, außerdem hat sie gerade einen Umzug hinter sich. Nachts wandert der Stress in den Kiefer: Unbewusst reibt sie ihre Zähne so fest aneinander, dass ihr Freund wegen der lauten Mahlgeräusche nicht mehr schlafen kann. Lisa leidet, wie ca. jeder Fünfte, unter nächtlichem Zähneknirschen, von Zahnmedizinern Bruxismus genannt. Bedingt durch Anspannung und Stress im Alltag werden Ober- und Unterkiefer im Schlaf mit einer Kraft aneinandergepresst, die beim normalen Kauen nicht möglich wäre. Der Druck von bis zu mehreren Hundert Kilogramm pro Quadratzentimeter kann zu Schmerzen der Kiefermuskulatur, Kopfweh und Abnützungen der Zahnoberfläche führen.

Doch nicht nur Erwachsene sind von Bruxismus betroffen, zeigt eine aktuelle Studie aus Brasilien, die soeben im Journal of Oral Rehabilitation veröffentlicht wurde: Demnach knirschen Teenager, die in der Schule gemobbt werden, viermal so häufig mit den Zähnen wie andere Jugendliche. Die Studienautoren rufen Eltern dazu auf, das nächtliche Knirschen ihrer Kinder ernst zu nehmen: Es könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie von ihren Mitschülern ausgegrenzt werden oder sie andere Sorgen plagen.

Frauen häufig betroffen

Der Appell der Wissenschaftler sei auf jeden Fall berechtigt, sagt Natalia Ölsböck vom Berufsverband Österreichischer Psychologen. "Stress ist die häufigste Ursache von Bruxismus – dazu gehört vor allem emotionaler Stress, also auch Mobbing."

Obwohl das nächtliche Knirschen bei Jugendlichen zuzunehmen scheint, wie die BBC in ihrer Online-Ausgabe berichtet, sind junge Frauen am häufigsten betroffen, sagt Ölsböck. "Die größte Gruppe sind Frauen zwischen 30 und 35 Jahren. Besonders gefährdet sind Menschen, die dazu neigen, Dinge runterzuschlucken statt auszusprechen. Die sich wenig Zeit für sich selbst, zum Entspannen nehmen. Männer sprechen zwar auch nicht direkt über ihre Probleme, können es aber oft durch Sport kompensieren – im Übrigen eine der besten Maßnahmen, um Zähneknirschen vorzubeugen." Denn beim Sport baut der Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ab – ein Effekt, den Wissenschaftler auch beim Zähneknirschen beobachten konnten.

Die Psychologin erklärt, warum das Phänomen vor allem im Schlaf auftritt: "Nachts hat unser Unterbewusstsein die Möglichkeit, sich Dingen zu stellen, mit denen wir uns tagsüber nicht bewusst auseinandersetzen. Wer regelmäßig reflektiert, sich ganz bewusst mit Dingen, die einem Kopfzerbrechen bereiten, beschäftigt, braucht nachts nicht mit den Zähnen zu knirschen."

Schiene löst Problem nicht

Wie Lisa F. werden die meisten Zähneknirscher erst durch ihren Partner auf das Problem aufmerksam gemacht. "Das ist der Grund, weshalb die meisten Betroffenen einen Zahnarzt aufsuchen", berichtet Claudius Ratschew von der Österreichischen Zahnärztekammer. Auch er weiß, dass in den meisten Fällen psychische Belastungen die Ursache für die abgenützte Zahnoberfläche sind, und verweist viele Patienten an einen Psychologen. Eine individuell angepasste Beißschiene aus Kunststoff sorgt dafür, dass der Zahnschmelz nicht weiter geschädigt wird. Bei starken Knirschern hält die Schiene aber nicht ewig. "Das ist nur ein vorübergehender Schutz", sagt Ratschew. "Die Schiene ändert natürlich nichts an der Ursache des Problems."

Natalia Ölsböck rät daher, die möglichen Stressauslöser zusammen mit einem Psychologen herauszufinden und die eigenen Bewertungen neu zu überdenken – weg von "Ich muss alles perfekt machen". Auf der körperlichen Ebene seien neben Sport, Nacken-Massagen und physiotherapeutischen Maßnahmen Entspannungstechniken wie etwa progressive Muskelentspannung sehr hilfreich. Auch Lisa F. trägt in der Nacht nun eine Beißschiene. Außerdem macht sie am Abend regelmäßig Entspannungsübungen oder Sport. Seitdem schläft nicht nur sie besser – sondern auch ihr Freund.