Wissen und Gesundheit
22.05.2017

"Der Klimawandel ist eine große Chance"

Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb glaubt daran, dass wir das Schreckgespenst in den Griff bekommen.

"Arktis wird infolge des Klimawandels immer grüner." – „Antarktis: Riss im Schelfeis wächst weiter.“ – "Österreich ist weit davon entfernt, die Klimaziele zu erreichen." – "Europas Wälder kommen als CO2-Speicher immer stärker unter Druck." Alleine die Meldungen der vergangenen Woche zeichnen ein bedenkliches Bild. Österreichs Klimaforscher besprechen bis Mittwoch am "Klimatag", was getan werden kann. Der KURIER hat im Vorfeld mit der renommierten Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb gesprochen.

KURIER: Wo besteht besonderer Forschungsbedarf?

Helga Kromp-Kolb: Wenn man bedenkt, dass wir handeln sollten, besteht besonderer Forschungsbedarf bei der Frage: Warum handeln wir nicht? Oder was wäre notwendig, damit gehandelt wird? Das ist kaum erforscht. Auch die Frage, was wir tun müssen, um unseren Lebensstil so zu verändern, dass er klimafreundlich wird.

Da gibt es ja bereits Antworten...

Richtig, aber wir wissen nicht, wie man eine Gesellschaft dazu bringt, dass sie tatsächlich klimafreundlicher lebt. Zum Beispiel ist die Uneinigkeit groß, ob die Regierung einfach Vorschriften machen soll. Oder, ob das durch Bildung passieren soll. Jugendliche wird man anders ansprechen müssen als Erwachsene, eine gesättigte obere Mittelschicht anders als jemanden, der um den Job bangt.

Wie geht man mit Klimawandelleugnern um?

Das ist eine Frage der Information. Man kann klarmachen, dass der Klimawandel eine große Chance ist. Das, was immer als Verzicht und kostenverursachend dargestellt wird, ist in Wahrheit die Chance, jene Dinge zu verändern, von denen viele ohnedies längst denken, dass sie verändert gehören.

Inwieweit schadet ein Politiker wie Trump dem Klimaschutz?

Vor fünf Jahren wäre Trump eine Katastrophe für das Klima gewesen. Nach dem Pariser Abkommen, das von mehr als 180 Nationen unterzeichnet wurde, ist der Zug auf Schiene. Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse von selbst kommen, aber die Richtung ist eingeschlagen. Die hat China eingeschlagen, die hat Indien eingeschlagen, die haben die Südamerikaner eingeschlagen, Europa sowieso. Österreich ist da sehr hintennach. Aber international tut sich unheimlich viel. Auch in der Wirtschaft. Sie brauchen sich nur die Aktien der Erdöl- und Kohlewirtschaft anzuschauen, die gehen in den Keller. Erneuerbare Energien sind im Kommen. Es ist eine Entwicklung, die meines Erachtens nach nicht mehr aufzuhalten ist. Und was Trump angeht: Er ist natürlich eine Bremse, aber er kann den Zug nicht zum Entgleisen bringen.

Sie glauben also tatsächlich an einen Paradigmenwechsel?

Ich bin hoffnungsfroh und wesentlich zuversichtlicher als vor eineinhalb Jahren. Aber ich bin nicht sicher, dass es schnell genug geht.

Wie schnell müsste es gehen, damit wir die Kurve kriegen?

Ich habe das einmal für Österreich ausgerechnet: Um das 2-Grad-Ziel (die globale Erwärmung soll langfristig auf höchstens zwei Grad Celsius über der Mitteltemperatur vor der Industrialisierung beschränkt werden) einhalten zu können, dürfen wir weltweit insgesamt 3200-Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre einbringen. 2200 Gigatonnen haben wir schon eingebracht. Wir haben also noch einen Spielraum von 1000 Gigatonnen. Wenn wir nun davon ausgehen, dass in Österreich ein Tausendstel der Weltbevölkerung lebt, dann bleibt uns eine Gigatonne, die wir gut haben. Bei unseren derzeitigen Emissionen wird es 14 Jahre dauern, bis dieser Wert erreicht ist. Österreich müsste also bis 2030 CO2-frei sein. Wenn man die Dinge, die leicht gehen, rasch reduziert, hat man vielleicht ein bisschen mehr Zeit. Aber im Moment sehe ich nicht, dass wir sehr rasch sind.

Aber einiges passiert doch?

Ja, man sollte es nicht kleinreden. Es passiert viel in den Regionen und Gemeinden. Es ist auch erstaunlich, was sich seit dem vergangenen Jahr auf dem Verkehrssektor tut. Da ist zum Beispiel unser BOKU-Projekt für nachhaltige Logistik, das von den siebzehn größten Logistik-Unternehmen Österreichs (mit dabei sind u. a. dm, Hofer, Spar, Rewe, die Post und Stiegl) finanziert wird. Gemeinsam haben sie sich bereit erklärt, die großen Lastkraftwagen (26-Tonner) auf Elektro-Lkw umzustellen. Die Firma MAN konnte davon überzeugt werden, diese Fahrzeuge in Österreich (in Steyr) zu erzeugen. Derzeit befinden wir uns in der Testphase, heuer im Herbst werden die ersten Elektro-LKW dieser Größe auf Österreichs Straßen fahren. Zwei Jahre später kommt die große Serie. Da sind wir Vorreiter und natürlich bringt das Arbeitsplätze für Österreich.

Nicht die da oben, sondern wir da unten

Bereits 1965 gab es erste Warnungen: Die mittlere Temperatur auf der Erde könnte sich „um etwa 1 °C erhöhen und dadurch, auf lange Sicht gesehen, das Grönlandeis und die arktischen Eisfelder zum Schmelzen bringen, den Meeresspiegel um fünfzig Meter anheben und alle Häfen und Küsten in der Welt unter Wasser setzen“. Heute zittern Klimaforscher, ob sie die Menschen davon überzeugen können, etwas für das Zwei-Grad-Ziel zu tun.

Klimawandelberichterstattung ist geprägt von Katastrophen-Warnungen, Appellen und Wenn-Dann-Drohungen – Dinge, auf die die meisten Menschen mit dem Verschließen der Ohren reagieren. Wie wohltuend, dass einmal eine Klimaforscherin sagt: Es tut sich was zum Bessere.

Diese ersten Erfolge als Freibrief zum Zurücklehnen im Klimaschutz zu betrachten, könnte sich aber als fatal erweisen: Denn viele Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass das Zwei-Grad-Ziel zu wenig sein wird. Spätestens jetzt sollte jedem klar werden, dass der Übergang in eine postfossile Gesellschaft nicht gelingen wird, wenn nicht jeder bereit ist, seine Alltagsroutine auf klimafreundlich zu trimmen – zuhause, am Arbeitsplatz oder am Weg dorthin. Was aber den Umstieg auf klimafreundliche Lebensstile und Produktionsweisen fördert und was ihn hemmt, weiß noch nicht einmal die Wissenschaft so genau. Der Wandel kann also nicht top down von Experten geplant und von Politikern verordnet werden. Bleibt nur, es von unten zu probieren – getragen, von Ihnen und mir. So gesehen könnte der Klimawandel eine Chance sein, Dinge zu ändern, die wir eigentlich längst ändern wollten.

P.S. Liebe Politiker! Förderungen, Prämien und sonstige Anreize können top down aber sicherlich Wunder wirken.

eMail: susanne.mauthner@kurier.at