Kind erhielt völlig neues Hörimplantat

Magomed
Foto: KURIER/Gruber Als erstes Kind weltweit hat der elfjährige Margomed an der HNO-Universitätsklinik am Wiener AKH ein neues Hörimplantat erhalten.

Großer Erfolg für HNO-Ärzte in Wien: Sie versorgten weltweit erstmals ein Kind mit einem völlig neuen Hörimplantat.

Nur mithilfe eines Gummibandes um den Kopf konnte der elfjährige Margomed bisher hören: Er besitzt keine Ohrmuscheln und auch kein Mittelohr. Das Gummiband drückte einen Schwingkörper in der Größe einer Zündholzschachtel auf seinen Kopf. Durch den aufgenommenen Umgebungsschall begann der Schwingkörper – und damit der gesamte Kopf – zu vibrieren. Auf diese Weise wurden die Schallwellen an das Innenohr übertragen. Doch diese sehr unangenehme Vorrichtung ist für Magomed seit knapp zwei Wochen Geschichte: Als erstes Kind weltweit erhielt er an der Uni-Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten der MedUni Wien / AKH Wien ein sogenanntes Knochenleitungsimplantat. Damit wird der Schall nicht über den natürlichen Weg des Hörens – also über Außen- und Mittelohr –, sondern direkt über den Schädelknochen an das Innenohr weitergegeben.

"Aufgrund einer Fehlbildung hat Magomed auch keine schwingenden Teile im Mittelohr wie Trommelfell, Hammer, Amboss und Steigbügel", sagt Univ.-Prof. Wolf-Dieter Baumgartner.

3-D-Modell  Mittels hochauflösender Computer-Tomografie erstellten die Wissenschaftler der HNO-Klinik unter der Leitung von Univ.-Prof. Wolfgang Gstöttner zunächst ein 3-D-Modell des Schädels. Damit wurde jene Stelle in der Nähe des Ohres festgelegt, an der anschließend Baumgartner in einer knapp einstündigen Operation das Knochenleitungsimplantat einsetze.

"Die bisherige Lösung mit dem Gummiband hatte viele Nachteile", erzählt Baumgartner. "Nahm Margomed die ganze Vorrichtung ab, hörte er kaum etwas. Außerdem vibrierte der gesamte Kopf und die Schallübertragung an das Innenohr war auch nicht optimal."

Spezialschrauben

Grafik Foto: KURIER

Anders ist dies bei dem neuen Implantat: Außen befindet sich nur noch – in der Größe einer Euromünze – der magnetische und dadurch leicht abnehmbare Batterie- und Mikrofonteil. Das Implantat selbst ist in den Schädelknochen eingesetzt. Baumgartner: "Nur über zwei Spezialschrauben werden die Schwingungen letztlich an die Hörschnecke weitergeleitet – dadurch vibriert nicht mehr der gesamte Kopf und auch die Übertragungsqualität ist viel besser.

Schließlich ist das Implantat viel näher am Innenohr als ein außen per Gummiband fixierter Schwingkörper. Der Bub wird jetzt ein ganz normales akustisches Leben führen können."

Das neue Knochenleitungsimplantat eignet sich für zwei Personengruppen: Für Kinder wie Margomed, die aufgrund von angeborener Fehlbildungen kein äußeres und/oder kein Mittelohr haben, deren Innenohr aber intakt ist. Die zweite Gruppe sind Erwachsene etwa mit einer Verknöcherung der Gehörknöchelchen, denen mit der klassischen Ohrchirurgie nicht mehr geholfen werden kann.

Das Implantat stammt von der österreichischen Firma MED-EL Medical Electronics in Innsbruck. "Die Entwicklungsarbeit betrug acht Jahre." Laut Baumgartner kommen jährlich rund 80 Personen in Österreich für ein solches Implantat infrage: "Es gibt Patientinnen und Patienten, die jahrelang auf so etwas gewartet haben."

Weltweit führendes Zentrum

Die HNO-Klinik der MedUni Wien/AKH Wien zählt zu den weltweit führenden Zentren für HNO-Implantate. Viele Innovationen entstehen durch die Kooperation mit der Innsbrucker Firma MED-EL, eine der drei großen Implantat-Firmen weltweit.

Im Herbst wurde am Wiener AKH das Tausendste Cochlea-Implantat eingesetzt: Das sind elektronische Hörprothesen, die bei Taubheit oder hochgradiger Schwerhörigkeit mittels in die Schnecke eingeführter Elektroden das Hörvermögen wiederherstellen können. Ein herkömmliches Hörgerät hingegen kann nur bei einer mittelgradigen Schwerhörigkeit das Resthörvermögen verstärken.

Eine weltweite Premiere gab es auch im September 2011: Weltweit erstmals wurde eine extrem dünne Elektrode zum Erhalt des Restgehörs implantiert. Diese Elektroden sind nur mehr 0,2 statt bisher 0,5 Millimeter dünn. Gleichzeitig entwickelten die Wiener HNO-Chirurgen auch eine neue, sanfte Operationsmethode.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?