Franz Viehböck im Kurier-Interview

© KURIER/Gilbert Novy

25 Jahr-Jubiläum
09/19/2016

Wie sich Franz Viehböck an seinen Weltraumflug erinnert

Er ist Österreichs erster und bis heute einziger Astronaut.

von Sandra Lumetsberger

KURIER: Als Sie 1991 in Kasachstan gelandet sind, haben Sie sofort gesagt, dass Sie wieder rauf wollen. Warum?

Franz Viehböck: Das ist jetzt vielleicht nicht nett, aber, da ging die Luke auf und ich sah einen Haufen Journalisten. Und dachte mir, das gibt es nicht. Da hatte ich das Verlangen, mit dem Hubschrauber zum Startgelände zu fahren und mit der nächsten Rakete raufzufliegen. (lacht)

Wie war es, plötzlich berühmt zu sein?

Damals war mir das alles nicht so bewusst. Während der Kosmonauten-Ausbildung haben wir abgeschieden im Sternenstädtchen nahe Moskau gelebt. Es gab zuvor ein paar Interviews, aber was danach kam, war heftig.

Werden Sie heute noch auf der Straße angesprochen?

Es passiert ab und zu. Ich finde das auch schön. Aber damals war es störend. Wenn ich in ein Restaurant ging, gab es keine Privatsphäre.

Aber Sie haben sich damals auf die Ausschreibung beworben.

Wenn man jung ist, hat man diesen Abenteuergeist in sich. Ich reise gerne und habe als Student jeden Sommer woanders verbracht. Zudem war ich gesund und dachte, das mache ich jetzt.

Zwei Jahre zuvor explodierte das NASA-Space-Shuttle Challenger mit allen Astronauten an Bord. Keine Angst?

Als Techniker versucht man, das Risiko, so gut es möglich ist, abzuschätzen. Deshalb habe ich während der Ausbildung diese Themen hinterfragt. Was ist, wenn der Sauerstoff knapper wird? Welche Escape-Möglichkeiten gibt es? Ich habe Sicherheit gewonnen, weil alles gut durchdacht war. Aber ich habe einen Moment gehabt, vier Minuten vor Start, da war ich alleine in einem Raum und bekam panische Angst. Ich habe gewusst, dass ich Vater werde und dachte, ich sehe meine Tochter nicht mehr. Ich bin dann raus aus dem Zimmer und habe geschaut, dass ich unter Leute komme.

Am 2. Oktober 1991 sind Sie dann doch abgehoben.

Man ist fokussiert, steigt ein und positioniert sich. Ich war angespannt und nervös. Wenn uns damals einer gefragt hätte, wie viel ist zwei plus zwei, hätten wir es nicht gewusst. (lacht) Naja, und dann in der Startphase wird man in die Liegeschale gedrückt und es geht hinauf. Das ist eine dreistufige Rakete. Wenn die erste Stufe ausgebrannt ist, wird sie weggesprengt, da kommt es zu einem schlagartigen Abbruch des Schubes. Dann gibt es ein Sicherheitssystem, das die Kapsel mit der Crew wegsprengt, ein harter Schlag. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Nach weniger als neun Minuten kommt ein Stoß, wie ein Tritt in den Hintern: Dann ist man im Orbit, schwerelos, und umkreist die Erde mit 28.000 Kilometer pro Stunde.

Und wie fühlt sich das an?

Heute würde man sagen: "Cool".

Sie haben auf der Raumstation weder Tag noch Nacht erlebt.

Dadurch, dass man so schnell fliegt, umkreist man die Erde in neunzig Minuten. In 24 Stunden erlebt man 16-mal Tag und Nacht. Das störte nicht, wir haben nach Moskauer Zeit gelebt. Wenn es dunkel sein soll, zieht man die Jalousien runter.

Und wenn man raussieht? Wie ist der Blick auf die Erde?

Faszinierend, aber mit ein paar Macken, die zu denken geben. Man sieht, wie der Mensch den Planeten ruiniert. Ich war nach dem Golfkrieg oben, wo in Kuwait die Ölfelder gebrannt haben. Da sieht man grau-braune Flüsse, die in einen türkisen Ozean fließen. Oder das Abbrennen der Urwälder in Brasilien, wir haben die Flammen wegen des Windes gesehen.

Investoren wie Elon Musk stecken Milliarden in Mars-Missions-Projekte. Musk spricht sogar von einer Kolonie. Brauchen wir eine zweite Erde?

Da sollten wir uns eher den Kopf zerbrechen, wie wir unsere Erde erhalten. Dass man zum Mars fliegt, ist okay.

Wie Astronauten dort leben, wurde erst kürzlich auf Hawaii simuliert. Obwohl wir noch nicht einmal wissen, wie wir zum Mars kommen ...

Je mehr man im Vorfeld von so einer großen Mission simulieren und erproben kann, umso weniger Überraschungen erlebt man oben. Primär geht es um den Menschen, und ob er die Strahlung aushalten würde.

Wann werden die ersten Menschen zum Mars fliegen?

2030, plus oder minus ein paar Jahre. Den Astronauten oder die Astronautin, die hinfliegen, gibt es schon.

Die NASA testet längst, wie sich Langzeitmissionen auf den Körper auswirken. Wie ging es Ihnen nach Ihrem Raumflug?

Es ist eine enorme körperliche und psychische Belastung, aber mir ist es danach gut gegangen. Ich hatte Kopfschmerzen, vier, fünf Tage lang. Manche müssen sich ständig übergeben, weil die Orientierung fehlt.

Oder sie müssen das Gehen wieder lernen.

Das war bei mir nicht so. Bei Langzeitflügen ist das unterschiedlich. Das hat Einfluss auf Körper, Immunsystem und Knochenhärte. Ich habe gegen Ende meines Fluges das Laufband probiert. Dabei hat mir die Fußsohle extrem wehgetan, wie Nadelstiche, denn die ganze Hornhaut war weg.

Bisher sind Sie der erste und einzige Österreicher, der so etwas erlebt hat. Warum gibt es keinen weiteren Astronauten?

Das ist ein politisches Thema. Die bemannte Raumfahrt ist ein freiwilliges Programm. Österreich hat sich entschieden, nicht mitzumachen. Warum, weiß ich nicht.

Apropos Politik. Konflikte zwischen Staaten werden im All scheinbar nicht ausgetragen. Auf der Internationalen Raumstation ISS arbeiten alle friedlich zusammen?

Es gibt einen saudi-arabischen Prinzen, Sohn des jetzigen Königs, der auch einmal mit dem Space-Shuttle geflogen ist und meinte: "In der ersten Stunde schaut jeder auf sein eigenes Land, dann realisieren sie, es geht nicht nur um jeden Einzelnen, sondern um diesen Planeten." So gesehen wäre es gut, wenn man eine Ladung voller Politiker verschiedener Nationen raufschickt, die schnell realisieren würden, was sie in der Welt verursachen.

Zur Person: Franz Viehböck

Geboren am 24. 8. 1960 in Wien, aufgewachsen in Perchtoldsdorf und Mödling. Er ist verheiratet und Vater von drei Söhnen sowie einer Tochter. Sie kommt am Tag des Raketenstarts zur Welt.

Seine Karriere

Viehböck studiert Elektrotechnik und schreibt seine Doktorarbeit, als sie ihn für die Mission auswählen. Danach hält er im Auftrag der österr. Regierung zwei Jahre lang Vorträge. Er heuert als Manager beim Raumfahrtkonzern Rockwell an. Nach der Übernahme durch Boeing wechselt er von den USA nach Österreich. 2002 wird er Geschäftsführer von „Berndorf Band“, seit 2008 ist er im Vorstand der Berndorf AG.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare