Wissen und Gesundheit
26.02.2015

Ein „Orgasmus“ fürs Gehirn

Tiefe Erholung versprechen Youtube-Videos, bei denen mithilfe spezieller Geräusche kribbelnde Gefühle entstehen sollen.

Sie spricht mit sanfter Stimme, bewegt dazu langsam die Hände, streicht dem Zuschauer virtuell mit einem Pinsel über das Gesicht und klappert dann mit ihren Nägeln auf eine Holzbürste. Maria heißt die junge blonde Frau, die via Youtube-Videos für Entspannung bei ihren Fans sorgen will. Die sprechen vom „Orgasmus“ fürs Gehirn, wenn die gebürtige Russin ihnen über Kopfhörer ins Ohr flüstert und ihnen in ihrer Fantasie übers Haar streicht. Das Gefühl, das Marias Videos auslösen, wird von ihren Youtube-Fans als Prickeln am Hinterkopf beschrieben, das sich über den ganzen Körper ausbreitet und für ein angenehmes Kribbeln sorgt.

Autonomous Sensory Meridian Response, kurz ASMR, nennt sich die Methode, die vor allem bei Schlafstörungen und Stress helfen soll. Wissenschaftliche Belege für die Wirkung von ASMR gibt es (noch) nicht. Die Fans stört das wenig. Sie schreiben unter die Videos Kommentare wie „Ich fühle das Kribbeln. Manchmal habe ich Probleme einzuschlafen, aber die Videos helfen“ oder „Ich liebe das über die Haare streichen und den klaren Sound“ oder „Das ist das Großartigste, das ich je erfahren habe“.

Sanftes Flüstern

Maria freut sich über solche Rückmeldungen. Sie hat einen eigenen Youtube-Channel mit dem Namen „Gentle Whispering“ (deutsch: Sanftes Flüstern) und antwortet oft auf Kommentare ihrer Anhänger. Ihre Videos werden Millionen Male angeklickt. Dass die 28-Jährige sehr hübsch ist, ihre Zuschauer mit großen Augen, flüsternder Stimme und grazilen, fast lasziven Bewegungen in den Bann zieht, dürfte den Effekt bei ihrer Fanschar verstärken. Mittlerweile gibt es auch Nachahmer, die ähnliche Videos produzieren. ASMR-„Expertin“ Maria, die im US-Staat Maryland wohnt, sieht die Geräusche und Bewegungen als „die schönen Dinge, denen wir sonst keine Beachtung schenken“.

Tatsächlich reagiert das Gehirn auf Geräusche wie Knistern von Papier, leises Klopfen oder fließendes Wasser. Insbesondere Flüstern sorgt für erhöhte Aufmerksamkeit, bewertet der US-Neurologe Steven Novella die Methode. Die New York Times zitiert einen Schlafstörungsexperten mit den Worten „Menschen mit Schlafstörungen befinden sich in einem Zustand der Erregung“. Den Artikel hat Maria in einem Video bereits verarbeitet – darin liest sie ihn mit leiser Stimme und viel Rascheln ihren Zuschauern vor.

Die Antwort, warum sich so viele für die ASMR-Videos interessieren, steht noch aus. Schlafforscher, Psychologen und Neurologen beobachten das Internet-Phänomen dennoch. Immerhin: Gesundheitliche Risiken können ausgeschlossen werden. Und: Nicht jeder ist für den „Geräusch-Orgasmus“ empfänglich.