Brennende Frage: Wie miteinander tun?

© C.J. Burton/Corbis

Sozialästhetik
03/01/2016

Wie wir besser miteinander umgehen

An der Wiener Sigmund-Freud-Universität beschäftigen sich Experten mit einer brandaktuellen Frage.

von Uwe Mauch

Ab Samstag können sich der Wissenschaftsstandort Wien und die private Sigmund-Freud-Universität im Prater mit einer neuen Attraktion rühmen: dem Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit. Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sollen dort Antworten auf eine zentrale Frage finden: WIE können wir besser und friedlicher zusammenleben?

"Die Ergebnisse unserer Forschung sollen nicht im Elfenbeinturm ad acta gelegt werden", erklärt der bekannte Suchtforscher Michael Musalek. "Wir werden sie im Rahmen von verschiedenen Veranstaltungen der interessierten Öffentlichkeit präsentieren." So ist auch das Eröffnungssymposium am Samstag (von 9 bis 14 Uhr) an der Freud-Uni am Freudplatz 1 bei freiem Eintritt zugänglich. Für den KURIER skizzierten vier Mitarbeiter erste Ideen. Mehr über das Institut hier.

Wie man wertschätzender miteinander arbeitet

„Firmen wenden heute viel Geld und Energie dafür auf, ihre Kunden bestmöglich anzusprechen“, weiß die ArbeitsmedizinerinEva Höltl. „Deutlich weniger Energie widmen sie den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter.“ Für Höltl, die das Gesundheitszentrum der Erste Bank AG leitet, „eine Strategie, die eindeutig zu kurz greift und auch keinen finanziellen Gewinn bringt“. Ihre Rechnung lässt wenig Spielraum für Interpretation: „Wenn Menschen in Führungspositionen wertschätzender mit ihren Mitarbeitern umgehen, wirkt sich das auch auf der Ertragsseite positiv aus.“ Tun sie das nicht, bleibt das den Kunden nicht verborgen. „Auch das wirkt sich auf der Ertragsseite aus, allerdings weniger positiv.“ Auf der anderen Seite dürfen sich Vorgesetzte fragen, wie viel Empathie sie zulassen, ohne dass ihre eigene Leistung darunter leidet.

Die Arbeitsmedizinerin erklärt nach der Analyse etlicher Firmenerfolge: „Je transparenter Geschäftsführungen kommunizieren, umso motivierter sind ihre Mitarbeiter. Nichts hemmt Menschen mehr als eine diffuse Informationslage.“ Höltl betont: „Wenn das offene Gesprächsklima nicht täglich gelebt wird, sorgt das intern für Unsicherheit. Dann finden sich auch immer wieder Menschen, die den Druck erhöhen.“ Was in jedem Fall ablesbar ist: „Wenn Mitarbeiter gerne arbeiten, spüren das auch die Kunden.“

Wie man respektvoller miteinander lebt

Die Rollenbilder von Mann und Frau haben sich in den vergangenen drei Generationen rasant geändert, betont die klinische Psychologin und PsychotherapeutinUte Andorfer. Und sie kann diese Veränderung nicht nur mit Belegen aus ihrer Praxis, sondern auch mit einer Beobachtung aus der eigenen Familie bestätigen: Anders als ihre Großmutter war ihre Mutter berufstätig. Was die Mutter noch mit Schuldgefühlen ringen ließ, sei für sie heute selbstverständlich. „Dass ich arbeite, steht für mich nicht mehr zur Diskussion. Auch wenn wir Frauen im Erwerbsleben noch immer schlechter gestellt sind und die größeren Lasten im Haushalt und in der familiären Pflege tragen.“ Faktum ist, dass Männer und Frauen heute anders miteinander umgehen als noch vor 50, 60 Jahren. Andorfer: „Die neuen Rollenbilder von Mann und Frau erfordern von beiden Seiten Sensibilität. Sie verlangen nicht nur soziale, sondern auch emotionale Kompetenz.“ Davon besäßen die Frauen mehr: „Männer tun sich schwerer, Hilfe in Anspruch zu nehmen, reden weniger über ihre Gefühle, lieber über Autos und Fußball.“

Gleichzeitig würden Frauen von ihren Partnern noch immer zu viel verlangen: „Liebhaber, Ernährer, Macho, Softie – das kann ein Mann nicht alles erfüllen, das muss ihn überfordern. Daher braucht es auch bei uns Frauen mehr Verständnis.“

Wie man sich gemütlicher einrichtet

Die Architektur ist fürHarald Schreiberimmer auch als Gesamtkunstwerk zu sehen. Was der Vielseitigkeit des Kärntners sehr entgegen kommt. Schreiber hat sich als Zeichner, Maler, Fotograf, Bildhauer, Designer und Architekt (etwa für die österreichische Hotelgruppe Arcotel) einen Namen gemacht. Für seine Hotelanlagen in Hamburg und Berlin wurde er ausgezeichnet. Architektur funktioniert für Schreiber wie ein Chor: „Es geht nicht um die besondere Leistung eines Einzelnen, Ziel ist ein möglichst guter Klang des gesamten Orchesters.“ Das größte Kompliment, das ihm ein Hotelgast machen kann: „Wenn er sagt, dass er sich in unserem Hotel wohlgefühlt hat, aber nicht gleich erklären kann, warum. An ein gutes Haus erinnert man sich, wenn es eine Seele hat. Eine Unterkunft mit teuren Designerstücken vollstopfen, das funktioniert hingegen nicht.“

Schreiber folgt bei seiner Arbeit immer dem Prinzip der Demut, auch dann, wenn er eine Arbeitslampe gestaltet: „Das beste Licht ist das Sonnenlicht. Die beste Arbeitslampe ist somit die, die nicht auffällt.“ Von prominenten Kollegen, die sich mit einem auffälligen Neubau in erster Linie ein Denkmal setzen wollen, ohne auf die Bedürfnisse der Bewohner zu achten, hält er wenig. Vor allem dann nicht, wenn ihre Selbstdarstellung auf Kosten der Steuerzahler geht.

Wie man ein anständiger Gastgeber wird

„Das Problem der Fremden geht nie von den Fremden aus, sondern immer von denen, die sie zu Fremden machen“, erklärt ProfessorMichael Musalek, der seit vielen Jahren das Anton-Proksch-Institut leitet. Musalek beschäftigt sich bereits seit Langem mit der Frage, was Sozialästhetik im Allgemeinen und Gastfreundschaft im Speziellen in und auch außerhalb des Gesundheitssystems bedeutet. „Ein paar Meter Zaun an der Grenze als alleinige Lösung ist eine Themenverfehlung“, kritisiert der Professor die österreichische Politik. „Wer Menschen, die ihre Heimat aufgeben mussten, mit Stacheldrähten empfängt, darf sich auch nicht wundern, dass diese irritiert reagieren.“

Und weil in diesen Tagen viel von den Kosten die Rede ist, wirft Musalek ein: „Wie gesagt, es kommt auf das Wie an. Ein Lächeln zur Begrüßung an der Grenze kostet kein Geld. Wenn man jedoch in Flüchtlingen von vornherein Bestien sieht und sie in Lagern wie Tiere zusammenpfercht, kann es passieren, dass diese tatsächlich zu Bestien werden. Was haben sie noch zu verlieren?“ Klar haben sich die neuen Schutzsuchenden an das geltende Recht der Gastgeber zu halten. Der Sozialästhet ist nicht naiv. Dessenungeachtet will er mit seinem Team und dem neuen Institut eine neue Sensibilität schaffen. „Dies nicht nur im Umgang mit Fremden.“

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