Wissen und Gesundheit
01.09.2017

"Im Allgemeinen wächst Ungleichheit"

Mathematiker Per Molander hat die Anatomie der Ungleichheit studiert: Handeln wir nicht, geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf.

Als Per Molander noch studierte, stieß er auf die Theorie von John Nash. Der Mathematiker hatte in den 1950er-Jahren gezeigt, dass in Verhandlungen der Stärkere immer mehr als 50 Prozent herausschlägt. "Das bedeutet Instabilität, das kann man so nicht hinnehmen", erboste sich Molander, der in Schweden ein renommierter Verteilungsexperte ist, und begann, sich intensiv mit dem Phänomen der Ungleichheit auseinander zu setzen. Damit sei der Grundstein gelegt, dass im nächsten Verhandlungsschritt, Stärkere stärker, Schwächere schwächer, Reiche reicher, Arme ärmer würden.
„Politisch ist Ungleichheit ein sehr wichtiges Thema, doch es gibt kaum Literatur darüber“, sagt der schwedische Experte für Verteilungsfragen. Molander ging also daran das System Ungleichheit zu verstehen. Heute erscheint das Ergebnis seiner Bemühungen, sein Buch „Die Anatomie der Ungleichheit“ (ein internationaler Bestseller) auf deutsch.

Im Interview mit dem KURIER erklärt der Top-Mathematiker, woher die Ungleichheit kommt und wie wir ihr beikommen können.

KURIER: Österreich ist im Wahlkampf. Die FPÖ plakatiert „Fairness“, die ÖVP „neue Gerechtigkeit“, die SPÖ „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“. Alle heften sich den Kampf gegen Ungleichheit auf die Fahnen. Ist das gerade modern?
Molander:
Es ist ein Faktum, dass die Ungleichheit innerhalb der OECD-Länder gewachsen ist. Das hat die politischen Parteien gezwungen, die Ungleichheit auf die Tagesordnung zu setzen. Gewisse Parteien sind aber nicht wirklich daran interessiert, sich mit diesem Problem zu beschäftigen.

Alle Parteien versprechen uns Verteilung, das ist aber nicht so einfach. Warum?
Weil man zuerst die Ungleichheit ernst nehmen muss, wenn man sie politisch beeinflussen will. Es gibt keine schnelle Lösung. Man muss mit einem breiten Spektrum von Maßnahmen arbeiten und an zwei Rädern drehen: Chancengleichheit herstellen, und ich denke, dass Ausbildung hier vielleicht das wichtigste ist. Aber das reicht nicht. Man muss auch versuchen, das, was hinten rauskommt, möglichst gerecht zu verteilen, etwa durch eine progressive Steuerpolitik. Die wichtigste Botschaft ist, dass man mit vielen Maßnahmen arbeiten muss, denn es gibt auch den Faktor Zufall und Krankheit. Es braucht also Absicherung bei Arbeitslogigkeit, Gesundheitswesen, Sozialversicherungen. Die skandinavischen Staaten waren da lange vorbildlich und zeigten vor: Wohlstand und Gleichheit – das kann funktionieren. Gelungen ist das, weil die Ungleichheit nach dem Zweiten Weltkrieg genau mit diesem breiten Spektrum an Maßnahmen bekämpft wurde. Doch jetzt zeigt sich: Schweden ist das OECD-Land, in dem die Ungleichheit am stärksten wächst.

Warum?
Wir hatten jetzt einige Rechtsregierungen.

Ungleichheit korreliert mit Ideologie?
Die Rechte möchte diese Frage am liebsten von er Tagesordnung haben. Die Liberalen haben die Ungleichheit ernst genommen, aber sie sind ein wenig zu optimistisch. Ein typischer Liberaler glaubt, dass sich jeder Einkommens- oder Vermögensunterschied durch unterschiedliche Fähigkeiten oder unterschiedliche Arbeitswilligkeit erklären lässt. Und dass die Unterschiede damit automatisch legitim sind. Das ist aber falsch, denn es gibt selbstverstärkende Tendenzen, die Reiche reicher und Arme ärmer machen. Die Liberalen sind im allgemeinen auch damit zufrieden, die Chancen auszugleichen. Das ist zu wenig. Denken Sie nur daran, wenn jemand krank wird – das ist keine Frage von Arbeitswilligkeit oder Fähigkeiten.

Und was ist mit den Linken?

Wenn man alle Unterschiede auszugleichen versucht, schafft man auch mehr Probleme als man löst. Man muss also eine angemessene Mischung von politischen Maßnahmen finden.

Sie sagen, Frauen sind ein guter Indikator für den Grad der Ungleichheit einer Gesellschaft.
Ja, denn Frauen wurden in praktisch allen Gesellschaften unterdrückt. Diese Unterdrückung ist ein Spezialfall der allgemeinen Ungleichheit. Wird die Unterdrückung des weiblichen Teils der Bevölkerung akzeptiert oder sogar befürwortet, sagt das viel: Man erkennt, welche Bedeutung eine Gesellschaft der Ungleichheit beimisst.

Gab es je Gleichheit?
Im Grunde ist er Mensch von heute nicht anders als der Mensch vor tausenden Jahren. Unsere Natur hat sich nicht verändert. Jäger- und Sammlergesellschaften gelten als egalitär, das Niveau der Ungleichheit ist niedrig. Das ist einfach erklärt: In einer Gesellschaft, die am Existenzminimum lebt, gibt es nichts zu verteilen. Es muss einen Überschuß geben, damit Ungleichheit entsteht. Je mehr es aber zu verteilen gibt, desto mehr steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die ganze Sache kippt.
Und im Allgemeinen wächst Ungleichheit.

Und das ist um 1970 passiert? Warum?
Wegen der Globalisierung. Bis zum Zweiten Weltkrieg haben viele demokratische Länder allzu starker Ungleichheit entgegengewirkt – jeder für sich. Mit der Globalisierung entwickelten sich starke Kräfte des internationalen Finanzmarktes – für die es keine globalen Instrumente gab, um gegenzusteuern. Innerhalb der EU spricht man von den vier Freiheiten – freie Bewegung der Waren, der Dienste, der Arbeit und des Kapitals. Das klingt gerecht, aber in Wirklichkeit hat das Kapital eine höhere Mobilität als die Arbeitskraft und kann daher seine Macht auf Kosten der Arbeitskraft vergrößern.

Per Molander

Der schwedische Mathematiker (66) ist Experte für Verteilungsfragen. In dieser Eigenschaft beriet er die Weltbank, den IWF und die Europäische Kommission. Für die schwedische Regierung arbeitete er an Reformprojekten in den Bereichen Wohlfahrts- und Haushaltspolitik mit.

Für "Die Anatomie der Ungleichheit" analysierte und sezierte Molander die Hintergründe und die Geschichte. "Als Ingenieur wollte ich zuerst wissen, wie das System funktioniert, um dann herauszufinden wie man es beeinflussen kann." Das Buch über den Ursprung sozialer Ungleichheit und was dagegen getan werden kann, erscheint am 1. September im Westend Verlag, 24,70 €.