Nationalsozialisten versperren den Weg zur Uni Wien.

© Corbis via Getty Images/Historical/Getty Images

Buch
03/17/2017

Vertriebene Studenten und Professoren der TU Wien

Die TU Wien stellt sich ihrer NS-Vergangenheit – mit Erinnerungen an jüdische Studenten und Professoren.

von Sandra Lumetsberger

"Abgelehnt" – ein Wort und gleichzeitig ein Urteil, das über Stefan Tauszigs Zukunft entscheiden sollte. Der 26-jährige Maschinenbaustudent erhielt einen negativen Bescheid, als er im Sommersemester 1938 an der Technischen Hochschule Wien (wie sie bis 1975 hieß) um Erlaubnis zum Weiterstudieren ansuchte. Tauszig war Jude und konnte keinen Arier-Nachweis erbringen – das schloss ihn aus.

Sein Name findet sich nun neben 264 anderen, die die Archivare der TU Wien – Juliane Mikoletzky, Alexandra Wieser und Paulus Ebner – recherchiert und in einem Buch veröffentlicht haben. Es sind Studenten, Bedienstete und Lehrbeauftragte, die nach dem "Anschluss" am 11. März 1938 an der TH aktiv waren. "Alle darin erwähnten Studierenden wurden aus rassistischen Gründen verfolgt, ein Fall war politisch motiviert", erklärt Ebner, der "eine Lücke schließen" will: Bisher gab es keine systematische Aufarbeitung der Geschichte verfolgter TU-Wien-Angehöriger. Gelegenheiten gab es schon: 1965 brachte die Technische Hochschule zu ihrem 150-jährigen Jubiläum ein Ehrenbuch heraus – gedacht wurde darin nur der "Gefallenen und Opfer des Zweiten Weltkriegs". Allerdings, sagt Ebner, gibt es Hinweise, dass in den 1950er-Jahren bei der Israelischen Kultusgemeinde nachgefragt wurde: "Die Datenlage war aber noch schlecht. Später in den 1960ern wurden auch keine Versuche mehr unternommen."

Das ist heute anders. Aber nicht weniger aufwendig. Die Historiker sammelten Informationen zu 1100 Namen, die demnächst in einer Online-Datenbank öffentlich zugänglich sein sollen. Informationen bekamen sie von Angehörigen, Aktenbeständen und genealogischen Datenbanken. In einzelnen Fällen gestaltete sich die Recherche schwierig.

Berühmter Sohn

Zum Beispiel bei Josef Safier, geboren 1915 in Wien. Er studierte Bauingenieurswesen, legte nur wenige Prüfungen ab. Außer dem Vermerk "Studium ohne Abmeldung aufgegeben" gab es keine weiteren Spuren. Bis zu jenem Tag, an dem eine schnelle Internetrecherche ihnen den Namen des deutschen Schriftstellers David Safier ausspuckte ("Mieses Karma"). Ebners Kollegin Alexandra Wieser kontaktierte ihn über den Verlag. Safier bestätigte ihnen, dass er der Sohn von Josef Safier ist. Bei einem Besuch in Wien brachte der Autor auch das Studienbuch seines Vaters mit und erzählte über dessen weiteren Werdegang: Nach einer spektakulären Flucht aus Österreich ging er als Soldat nach Israel, arbeitete als Zahlmeister auf einem Schiff, ehe er Gastwirt in Bremen wurde. "Er hat sich dort sehr für den interkulturellen Austausch zwischen Christen und Juden engagiert", berichtet Ebner.
Die Zusammenarbeit brachte auch Safier neue Erkenntnisse über seinen Vater, der von Übergriffen, aber sonst nur wenig von seiner Studienzeit erzählt hatte. Er wusste etwa nicht, dass sein Vater nur die polnische, nicht aber die österreichische Staatsbürgerschaft besaß. Oder, dass sein ermordeter Großvater als "Agent", also Handelsvertreter, gearbeitet hatte.

Während manche wie Josef Safier ihr Studium nicht fortsetzen konnten, legten andere erfolgreich Einspruch ein. In Ausnahmefällen gestattete man wenigen jüdischen Studenten, fertig zu studieren – "legte ihnen nahe, schnell zu emigrieren". Stefan Tauszig gelang dies nicht. Der 28. Juni 1938 wird in seiner Akte als "Abgangsdatum" vermerkt. Er wurde in seiner Heimat Ungarn zu einem Zwangsarbeiterkommando eingezogen, wo er ermordet wurde.

Buchtipp: "Abgelehnt" ... "Nicht tragbar". Verfolgte Studierende und Angehörige der TH in Wien nach dem "Anschluß" 1938 von P. Ebner, J. Mikoletzky, A. Wieser; Veröffentlichungen des Universitätsarchivs der Technischen Universität Wien, Heft 11

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