Wissen 28.02.2015

Harte Zeiten für die Schmerzmedizin

Personalknappheit könnte zu monatelangen Wartezeiten führen, warnen Spezialisten.

Ein wachsendes Pflänzchen, das eingeht, wenn es nicht bald gegossen wird – so beschreibt Univ.-Prof. Hans Georg Kress, Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie am AKH Wien, den aktuellen Zustand der Schmerzmedizin in Österreich. Denn während andere Länder, wie zum Beispiel Belgien, die Versorgung der Schmerzpatienten intensivieren, wird die Situation in Österreich durch Einsparungen und Personalmangel immer prekärer. Das kritisierte Kress bei einer Pressekonferenz zum Auftakt des 19. Internationalen Schmerzsymposiums, das am Wochenende in Wien stattfindet.

Personalmangel

Eine Untersuchung der Universitätsklinik Graz aus dem vergangenen Jahr lieferte ernüchternde Daten: Von 44 Schmerzambulanzen in Österreich wurden in den vergangenen drei Jahren zehn geschlossen. "Dieses Ergebnis macht bestürzt", so Kress. Der Hauptgrund sei Personal- und Ressourcenmangel. Am Wiener AKH wurde im Jänner 2014 eines von zwei Schmerz-Diensträdern – eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung, auch an Wochenenden und Feiertagen – ersatzlos gestrichen.

Da Ärzte in Zukunft "nur" noch 48 Stunden pro Woche arbeiten dürfen, wisse man nicht, wie und ob das übrig gebliebene Dienstrad am AKH beibehalten werden könne. Kress prognostiziert monatelange Wartezeiten und die Notwendigkeit von fachärztlichen Überweisungen. "Jetzt brechen strukturelle Defizite durch. Es fehlt ein flächendeckendes Versorgungskonzept. Politiker können die Lage nicht mehr schönreden", beklagte der Mediziner. "Es steht schlecht um die Schmerzmedizin in Österreich."

Neue Behandlungsform

Neben Krisen berichteten Hans Georg Kress sowie seine Kollegen Bart Morlion, Präsident der Europäischen Schmerzföderation, und Martin Aigner, Leiter der Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln, aber auch über neue Möglichkeiten in der Behandlung von chronischen Schmerzpatienten.

So werde etwa die epidurale Rückenmarkstimulation (SCS) – ein Verfahren, das hilft, wenn Medikamente nicht mehr wirken – laufend verbessert. Die neue, sogenannte Hochfrequenz- Stimulation arbeitet mit einer Frequenz von 10.000 Hertz statt, wie bisher, mit 30 bis 70 Hertz. Studien haben gezeigt, dass die neuartige Stimulation bei chronischen Bein- und Rückenschmerzen zu einer signifikanten Schmerzreduktion führt – auch bei jenen Patienten, bei denen die herkömmliche Methode keine Schmerzlinderung bewirkt hat.

"Chronische Schmerzpatienten sind schwer zu fassen, es gibt keine Industrie dahinter. Viele Patienten genieren sich und gehen nicht an die Öffentlichkeit", resümiert Kress. "Aber: Es tut sich was in der Schmerzmedizin."

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Sexuelle Störungen oft unterschätzt

Etwa ein Drittel der Allgemeinbevölkerung leidet an sexuellen Funktionsstörungen – chronische Schmerzpatienten sind doppelt so oft betroffen. "Daher ist es wichtig, Sexualmedizin in die Schmerzmedizin zu integrieren", fordert Martin Aigner von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tulln.

Häufige Ursachen für sexuelle Störungen sind Rückenschmerzen, Rheuma und Spannungskopfschmerz bzw. Migräne. "Es gibt jedoch auch Medikamente in der Schmerztherapie, etwa Antidepressiva, die zu einer sexuellen Funktionsstörung führen können", so Aigner.

Sexualität trägt wesentlich zur Lebensqualität bei, allerdings fiele es vielen Patienten schwer, über sexuelle Dysfunktionen zu sprechen. Der Psychiater rät, das Thema Sex in das Erstgespräch miteinzubeziehen. "Spontan berichten nur wenige Patienten über ihre sexuellen Funktionsstörungen, bei direktem Ansprechen geben dann aber vier Mal so viele ihre Probleme an."

( Kurier ) Erstellt am 28.02.2015