Verlernen wir, richtig zu schreiben?

© Bild: KURIER/Manuela Eber

Das neue Jugendwort des Jahres spiegelt auch wider, wie schlampig wir mit unserer Sprache umgehen.

Das österreichische Jugendwort des Jahres besteht aus drei Wörtern: "Hallo, I bims!" Das verstehen Sie nicht? Dann sind Sie vor 1980 geboren – oder nicht in den sozialen Netzwerken aktiv. Dort hat die absichtlich falsch geschriebene Form von "Ich bin’s" Kult-Status – genauso wie die Phrase "vong ... her" und die Ziffer 1 anstelle des unbestimmten Artikels.

Bereits im November hatte der Langenscheidt-Verlag "Hallo, I bims" zum Jugendwort der Deutschen erkoren. Populär wurden die Nonsens-Formulierungen auf der satirischen Facebook-Seite "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" (sic!): Der (anonyme) Betreiber karikiert die vielen Schreibfehler im Internet, indem er absichtlich falsche Sätze auf kitschige Fotos klatscht. 360.000 Usern gefällt das. Es ist zu befürchten, dass nicht alle von ihnen merken, wenn etwas inkorrekt geschrieben wird.

Denn immer mehr Menschen stehen mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß. Für Österreich gibt es dazu keine belegbaren Zahlen, für Deutschland schon – etwa in der Studie von Wolfgang Steinig. Der Germanistikprofessor der Uni Siegen hat Schulaufsätze aus drei Jahrzehnten miteinander verglichen und kommt zum Schluss: Schüler machen heute mehr als doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor vierzig Jahren. Besonders erschütternd ist die Entwicklung bei Kindern aus bildungsfernen Familien – bei ihnen hat sich die Fehlerhäufigkeit sogar verdreifacht. Die pädagogische Mode, Kinder anfangs nach Gehör schreiben zu lassen, könnte eine Ursache sein.

Angehende Lehrer

Dass das nicht nur ein deutsches Phänomen ist, beobachtet Erwin Rauscher, Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Niederösterreich: "Das haben wir bei den Eingangsprüfungen festgestellt, die die Studienbewerber bis vor zwei Jahren ablegen mussten. Da scheiterten die meisten neben Sport und Musik an der Rechtschreibung." Er ortet nicht nur Probleme bei Orthografie und Interpunktion: "Auch die Vielgestaltigkeit des Ausdrucks geht zurück." Doch gerade Lehrer müssten die Rechtschreibung verinnerlichen, fordert Christine Schörg, Fachdidaktikerin an der PH NÖ: "Die Gesellschaft hat ein Recht darauf, dass Pädagogen diese beherrschen – Physik- genauso wie Deutschlehrer." Ein frommer Wunsch. Denn auch sie stellt fest, "dass sich das Schreibbewusstsein verändert hat. Es wird toleriert, dass man Fehler macht".

Eine Ursache sieht Schörg in den zahlreichen Rechtschreibreformen: "Die Regeln wurden sehr oft geändert, etwa für die Schreibweise von Fremdwörtern oder die Getrennt- und Zusammenschreibung. Viele haben sich nicht mehr ausgekannt und gedacht, dass es eh nicht so wichtig ist. Manche Lehrer haben aufgegeben." Und auch in den Zeitungen schleichen sich immer mehr Flüchtigkeitsfehler ein. Ein Umstand, den der eine oder andere KURIER-Leser bereits zurecht kritisiert hat.

„Gemma Billa?“

Deutlicher wird Andreas Hock, Journalist und Autor aus Deutschland: Der 43-Jährige hat ein Buch geschrieben, in dem er den Niedergang der deutschen Sprache beklagt. "Wenn wir so weitermachen, züchten wir eine Generation von Analphabeten heran." Einen großen Teil des Problems sieht auch er in modernen Kommunikationskanälen wie WhatsApp. "Es gibt Studien, wonach 14- bis 20-Jährige noch nie einen Brief geschrieben haben. Man schreibt ja nicht einmal mehr falsch, sondern drückt Gefühle nur noch mit gelben Gesichtern aus."

Er wünscht sich, im Bus wieder vollständige Sätze zu hören (Stichwort: "Gemma Billa?"). "Natürlich muss sich Sprache verändern. Der Unterschied zu früher ist, dass man damals die Regeln noch kannte und sich absichtlich abgrenzte. Heute weiß man es schlicht nicht besser." Hock befürchtet, dass Grammatik weiter an Bedeutung verlieren wird und fehlerhafte Mails in der Berufswelt eines Tages Alltag sein werden: "Menschen mit einer gepflegten Sprache werden immer weniger werden."

Steht das Abendland also vor dem Untergang? Nein, beruhigt Erwin Rauscher. "Schüler haben dafür andere Fähigkeiten." Zum Beispiel fänden sie sich in der globalisierten Welt besser zurecht als ihre Großeltern.

Das sind die österreichischen (Un-)Wörter ’17

Jedes Jahr bestimmt eine siebenköpfige Jury aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten jene Wörter, die das Land im vergangenen Jahr besonders geprägt haben.

  • Wort des Jahres "Vollholler" nach einer Reaktion von Bundeskanzler Christian Kern auf den Vorschlag von Sebastian Kurz, die Mittelmeerroute zu schließen: "Das ist, ehrlich gesagt, der nächste populistische Vollholler." Platz 2: "Fake News", Platz 3: "Frauennationalteam".

Unwort des Jahres "Alternative Fakten", eine ursprünglich amerikanische Wortschöpfung, die Lügen verharmlost.

  • Jugendwort des Jahres "Hallo, I bims", eine bewusst fehlerhafte Schreibweise, die auf einer Satire-Seite im Netz entstanden ist. Platz 2: "Lauch", ein intellektuell unterbegabter Mensch.

Spruch des Jahres "Mei Wien is net deppert", ein Ausspruch von Bürgermeister Michael Häupl zum Wahlverhalten der Wiener.

  • Unspruch des Jahres "Ein Wort noch..." bezieht sich ebenfalls auf den Wahlkampf: Mit dieser Aussage leiteten Politiker in den unzähligen TV-Duellen meist einen ganzen Vortrag ein.

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( kurier.at ) Erstellt am 08.12.2017