Gynäkologe: „Altern beginnt im Muskel“

Seniorin mit Hanteln zeigt ihre Muskeln
Foto: Robert Kneschke - Fotolia Eingelagertes Fett in den Muskeln ist ein Zeichen der Alterung. Training und Vitamin D können entgegenwirken.

Ungefähr ab 40 lagert der Körper Fett in Knorpeln, Knochen und Muskeln ein, sagt Gynäkologe Huber. Gegensteuern ist aber möglich.

Die Muskulatur ist das Organ, das sich im Alterungsprozess als Erstes verändert. Darauf hat man bisher viel zu wenig geachtet.“ Das sagt Hormonspezialist Univ.-Prof. Johannes Huber. Er ist dieser Tage einer der Hauptredner auf dem Weltkongress für gynäkologische Endokrinologie in Florenz.

KURIER: Was haben die Muskeln mit der Alterung zu tun?
Johannes Huber:
Das Altern beginnt im Muskel. In unserem Körper entwickeln sich aus bestimmten Stammzellen (den mesenchymalen Stammzellen, Anm.) Muskel-, Knorpel- oder Knochenzellen. Bereits ab dem vierten Lebensjahrzehnt schlagen sie aber zunehmend einen anderen Weg ein und entwickeln sich zu Fettzellen. Diese werden dann in den Muskeln, den Knochen und den Gelenken eingelagert. Es kommt also nicht nur zu einer Verfettung im Bauchbereich und unter der Haut –, sondern auch in den einzelnen Organen. Gleichzeitig gibt es aber auch noch den altersbedingten Muskelabbau.

Was sind die Folgen?
Unsere Muskeln spielen nicht nur für die Kraft und Leistungsfähigkeit eine Rolle. Lange hat man gedacht, dass Sport über das Herz-Kreislaufsystem – bessere Durchblutung, Schutz vor Arteriosklerose – auf den Körper wirkt. Heute weiß man, dass durch den Muskelaufbau noch ganz andere Effekte eintreten: Einerseits bilden die Muskeln Botenstoffe für das Gehirn, die Nervenzellen regenerieren und so Hirnalterung und Demenz entgegenwirken. Gleichzeitig ist die Aktivität der Bauchspeicheldrüse von Stoffen mit abhängig, die im Muskel erzeugt werden. Je mehr Muskelzellen, desto geringer ist das Risiko für Demenz und Altersdiabetes.

Kann man diese Prozesse beeinflussen?
Gegen den Abbau der Muskelmasse hilft nur Bewegung. Dadurch steigt auch die Konzentration der männlichen Geschlechtshormone – und diese bremsen die Entwicklung der Stammzellen in Fettzellen. Denselben Effekt hat auch ein ausreichender Vitamin-D-Spiegel. Vitamin D – es heißt zwar so, ist aber ein Hormon – drängt die Stammzellen dazu, sich statt in Fett- in Knochen-, Knorpel- und Muskelzellen zu entwickeln. Aber 60 Prozent meiner Patientinnen haben einen zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel. Deshalb rate ich jeder zu einer Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels. Nur Vitamin-D-Tropfen einzunehmen ohne die Konzentration zu kontrollieren ist aber nicht sinnvoll. Denn es ist nicht automatisch so, dass das eingenommene Vitamin D auch im Blut ankommt.

Kann das vermehrte Einlagern von Fett in das Knorpelgewebe auch ein Auslöser von Gelenkschmerzen sein?
Viele Beschwerden wie bestimmte, nicht entzündliche Formen von Arthritis werden auch durch die Verfettung des Knorpels ausgelöst. Vitamin D kann hier eine schmerzlindernde Wirkung haben.

Merkt man das, wenn Muskelmasse verstärkt durch Fett ersetzt wird?
Wenn der Muskel mit Fett durchzogen wird, fällt das am Anfang überhaupt nicht auf. Denn das Gewicht bleibt lange Zeit gleich, aber die Körperzusammensetzung verändert sich. Deshalb rate ich ungefähr ab dem 50. Lebensjahr zur regelmäßigen Messung der Muskelmasse. Sehr genau ist die DEXA-Methode, die auch zur Feststellung des Knochenschwundes eingesetzt wird. Hier kann die Muskelmasse für einzelne Körperteile ermittelt werden.

Ich mache das routinemäßig. Manche ältere Patientinnen verlieren zwei bis drei Prozent ihrer Muskelmasse pro Jahr. Wenn ich von einer zur nächsten Messung so einen Rückgang sehe, kann das für den Betroffenen eine Motivation sein, sich mehr zu bewegen.

Studie: Bei Frauen beginnt der Muskelabbau früher als bei Männern
Die Menschen haben immer Angst vor zu viel Fett – und denken dabei zu wenig daran, dass ihr eigentliches Problem der massive Rückgang der Muskelmasse ist.“ Univ.-Prof. Sylvia Kirchengast ist Anthropologin an der Uni Wien. Sie hat mit Univ.-Prof. Johannes Huber eine Studie über den Abbau der Muskelmasse bei 139 aktiven, gesunden und noch völlig selbstständigen Menschen zwischen 59 und 92 Jahren durchgeführt:
Fast 30 Prozent der Frauen zwischen 60 und 70 hatten eine „bereits grenzwertig reduzierte“ Muskelmasse, sagt Kirchengast: „Die Sturzgefahr war bei ihnen schon stark erhöht.“ Bewusst war das den Studienteilnehmerinnen aber überhaupt nicht.“ Bei übergewichtigen Frauen wurde der Muskelschwund zusätzlich durch das Fett verschleiert.
Bei den 60- bis 70-Jährigen Männern waren nur rund 18 Prozent von einem bereits relativ starken Muskelabbau betroffen.

Anders war die Situation bei den über 80-Jährigen: Hier zeigte sich bereits bei 50 Prozent der Männer ein dramatische Rückgang der Muskelkraft. Bei den Frauen waren es hingegen „nur“ 40 Prozent.Kirchengast: „Dass die Männer im höheren Alter so stark auf- und die Frauen sogar überholen, dürfte mit dem späteren Rückgang der muskelaufbauenden männlichen Sexualhormone zu tun haben – und mit einem ,sitzenden‘ Lebensstil.“

„Das Gefährliche ist, dass der Muskelabbau ein schleichender, unauffälliger Prozess ist“, sagt Kirchengast: „Es fällt den Menschen oft gar nicht auf, dass ihre Bewegungsfreiheit langsam zurückgeht und ihr Lebensstil allmählich immer passiver wird.“ Empfohlen werden wöchentlich mindestens 2,5 Stunden Bewegung in mittlerer Intensität (z. B. rascheres Gehen) und zwei Mal muskelkräftigende Übungen (z. B. mit Hanteln, Theraband oder im Fitnessstudio).

(kurier / Interview: Ernst Mauritz) Erstellt am
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