Wissen und Gesundheit
05.04.2017

Giftgas: Wie es auf den Körper wirkt und wann es zum Einsatz kam

Die Geschichte chemischer Waffen ist lang - und bedrückend.

Es geschah am 22. April 1915, abends. Die deutsche Armee setzte an der Westfront, nahe der Stadt Ypern, Belgien, insgesamt 170 Tonnen Chlorgas frei. Es kam aus Stahlbehältern, rasch zog eine etwa sechs Kilometer breite und an die 900 Meter tiefe Gaswolke Richtung feindlichen Stellungen. Da Chlorgas schwerer wiegt als Luft, sank es in die Schützengräben und überraschte die Soldaten. Geschätzte 1200 Menschen starben, an die 3000 waren verletzt, vielfach mit lebenslangen Folgen.

Eine tödliche Waffe

Die Vergiftung mit Chlorgas verursacht Symptome im ganzen Organismus – von Atembeschwerden bis hin zu Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge. Augen, Haut, Kreislauf und Verdauungstrakt können ebenfalls betroffen sein. Darüber hinaus kann Chlor ernsthafte Schäden an den Augen verursachen, u. a. Brennen und Reizungen.Sogar das Sehvermögen kann verloren gehen. Laut Human Rights Watch wird Chlorgas bis heute eingesetzt, auch in Syrien. Diese Anwendung von Chlorgas im Ersten Weltkrieg war übrigens nicht der erste Einsatz eines chemischen Kampfstoffs. Im August 1914 verwendeten französische Truppen Bromessigsäureeehtylester, kurz Xylylbromid oder „Fliedergas“, im März 1915 wendeten es auch die Deutschen an. Dessen Wirkung ähnelt dem Tränengas. Anders bei Chlorgas. Chlorgas ist eine tödliche Waffe.

Doch die Menschen wurden erfinderischer – so kam es im Jahr 1917 zum Einsatz von Phosgen. Nicht nur: In dieser Zeit wurde erstmals Yperit (in Anlehnung an den Giftgaseinsatz bei Yppern) verwendet, heute besser bekannt als Senfgas.. Im Ersten Weltkrieg wurden insgesamt etwa 112 000 Tonnen Giftgas eingesetzt. Es dringt über die Haut in den Organismus ein.

Welcher Stoff wirkt wie? Eine Übersicht:

Nervenkampfstoffe: Ursprünglich Abkömmlinge von Pflanzenschutzmitteln, meist farblos, geschmacklos, geruchtsneutral. Einmal eingeatmet oder über die Haut aufgenommen, lähmen diese Gase langsam die Atemmuskulatur. Bekannte Stoffe sind Sarin, Soman und Tabun.

Lungenkampfstoffe: Dabei handelt es sich um flüchtige Stoffe wie Phosgen, Chlor oder Diphosgen. Diese Gase wirken erstickend, indem sie die Sauerstoffzufuhr in den Körper blockieren. Die Folge: toxisches Lungenödem, Tod durch Ersticken.

Blutkampfstoffe: Sie geraten zügig in die Atemwege oder über die Haut in den Körper und wirken extrem rasch. Die Folgen: Tod durch Ersticken. Beispiele: Cyanwasserstoff und Chlorcyan, sowie Arsenwasserstoff und Blausäure (Zyklon B).

Hautkampfstoffe: Hier handelt es sich um ölige Flüssigkeiten , die bei Hautkontakt rasch oder nach und nach zu Verätzungen und Verbrennungen führen. Die Folgen: Blasen auf der Haut, Reizungen der Augen bis hin zu schweren Entzündungen, Schäden an den Atemwegen. Beispiele: Yperit, auch Senfgas genannt.

Neutralisierende Reizstoffe: Das sind chemische Stoffe, die Reizungen der Haut und der Atemwege, starke Schmerzen in der Brust und eine vorübergehende Handlungsunfähigkeit verursachen. Sie werden etwa bei Unruhen eingesetzt – aber auch im Krieg. Am bekanntesten ist das Tränengas. Die Wirkung ist nicht tödlich.

(Quelle: Büro der Vereinten Nationen für Abrüstungsfragen / Organisation für das Verbot chemischer Waffen, OPCW)

Im Jahr 1992 kam es zur Verabschiedung des C-Waffen-Einkommens durch die Genfer Abrüstungskonferenz. Demnach ist die Herstellung, Beschaffung, der Besitz sowie die Anwendung chemischer Kampfstoffe verboten. In Kraft trat der Vertrag im April 1997.

April 2017: Bei einem der schwersten Angriffe mit Giftgas im syrischen Bürgerkrieg sind Aktivisten zufolge mindestens 58 Menschen getötet worden, darunter 19 Kinder und elf Frauen.