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Wut im Bauch
11/26/2012

"Gewalt kommt immer wie aus heiterem Himmel"

Was treibt einen Mann zum Äußersten, zum Mord an der Partnerin? Frustration ist ein Grundpfeiler. Der eigentliche Gewaltauslöser ist meist eine Lappalie.

von Martin Burger

Innerhalb weniger Tage kam es in Wien und Niederösterreich zu zwei Morden und zwei Mordversuchen an Frauen. Die mutmaßlichen Täter: jeweils die Ehemänner. Die Tat: vor den Augen der Kinder verübt. Dazu kochte am Montag auch noch ein Fall wieder hoch, der eigentlich schon zu den Akten gelegt worden war, und sich nun als Auftragsmord darstellt: Ein oberösterreichischer Pensionist soll seinen 18-jährigen Enkel ange­heuert, um seine Frau zu ermorden, behauptet der Enkel. Beide sitzen in Untersuchungshaft.

Was treibt einen Mann zum Äußersten, zum Mord an der Partnerin? Gewaltforscher beschäftigen sich seit Jahrzehnten damit, die Bedingungen, Auslöser und Folgen menschlicher Aggression zu sortieren und zu erläutern. "Aggression lässt sich sowohl durch Frustration als auch durch Provokation auslösen", sagt die deutsche Psychologin Ute Habel vom Universitätsklinikum Achen. Bekannt sei, dass Wut auf eine konkrete Person enorme Energie freisetzen kann, Aggression gegen einen anderen Menschen wird immer wahrscheinlicher, je wütender jemand ist.

Ob aus der Wut auf den Chef in der Firma Aggression gegen die Frau daheim wird, hängt von der Persönlichkeit ab, von der Situation und von früheren Erfahrungen. Wer als Kind oder Jugendlicher häufig die Erfahrung gemacht hat, dass Gewalt eine erfolgreiche Strategie ist, wird daran festhalten, sagt Habel. Fatal: Das Opfer kann den Gewaltausbruch weder vorhersehen noch durch besänftigendes Verhalten zu Hause verhindern, erläutert Helga Amesberger vom Institut für Konfliktforschung. "Wenn der Aggressionslevel hoch genug ist, genügt eine Lappalie, zum Beispiel, dass sich der Mann beim Essen auf die Zunge beißt. Die Frauen, die wir für unsere Studien befragt haben, waren jahrelanger Gewalt ausgesetzt, sie haben übereinstimmend ausgesagt, dass die Gewalt immer aus heiterem Himmel gekommen ist. Sie kannten ihren Partner gut, aber trotzdem konnten sie sich nie 100-prozentig sicher sein."

Die Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie betreut alljährlich 4000 Fälle. "90 Prozent der Opfer sind Frauen", sagt Rosa Logar. Gefährlich für Frauen seien Trennungen: "Die Psychopathen sind zwar in der Minderheit. Die meisten Männer töten aus einer schrecklichen patriarchalischen Logik heraus: Du bist mein Eigentum. Wenn du mich verlässt, sollst du gar nicht leben."

Time-out

Aber: Auch Menschen, deren Aggressionspotenzial weit über dem ihrer Mitbürger liegt, sind keine Roboter. Sie können lernen, eine Auszeit zu nehmen, von ihren potenziellen Opfern weggehen und Hilfe suchen, "das setzt allerdings eine gewisse Einsicht in das eigene Problem voraus".
 

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