Wissen | Gesundheit
14.07.2018

Warum Sie jetzt barfuß gehen sollten

Barfußgehen ist eine gesunde Sache, wenn man auf die Dosierung achtet und zu Beginn nicht übertreibt.

Den größten Fehler, den man beim Barfußgehen machen kann, ist der, es nicht zu tun. Denn der zeitweise Verzicht auf festes Schuhwerk bedeutet für die Füße, dass sie endlich das bekommen, was sie brauchen und wofür sie geschaffen wurden – direkten Bodenkontakt. Von ihrer Konstruktion her können sie  Unebenheiten ausgleichen, sich festkrallen, für   Standfestigkeit sorgen, können  abfedern und spüren sowie fühlen.  Durch das Tragen von Schuhen werden die Fähigkeiten nicht genutzt; vor allem verkümmert die Fußmuskulatur, die für ein intaktes Fußbett und den richtigen Gang aber essenziell ist. „Naturvölker, die ein Leben lang, bis ins hohe Alter,  ihre Füße natürlich belasten,  die sehr viel barfuß gehen,  kennen dieses Problem kaum“ weiß der Orthopäde  Manuel Sabeti. Bei Schuhmenschen allerdings entwickeln sich  zivilisatorisch bedingte Fuß-Fehlstellungen  zu einem Volksleiden. Die häufigste Deformation  ist der Senk-Spreizfuß, der entsteht, wenn das  natürliche Fußgewölbe  nicht ausreichend beansprucht und trainiert wird.

Also kann man guten Gewissens davon ausgehen, dass Barfußgehen gesund ist,  allerdings nicht ganz uneingeschränkt. „Grundsätzlich kann und sollte jeder barfußgehen, von Jung bis Alt, sofern die Füße keine schweren Schäden oder Fehlstellungen aufweisen und das Gefühl der Fußsohle in Ordnung ist“, betont Sabeti. Wer sich unsicher ist, sollte  seine Füße vorsorglich von einem Orthopäden oder Podologen anschauen lassen. Gibt der grünes Licht, sollte man so oft wie möglich auf festes Schuhwerk verzichten. Denn je jeher man damit beginnt, den Füßen hin und wieder ihre Freiheit zu gönnen, desto besser ist es für den gesamten Organismus.

Schritt für Schritt

Sommer und Urlaub – die ideale Zeit, um die Schuhe im Schrank zu lassen. Allerdings mit Vorsicht und wohldosiert.  Experten raten, es unbedingt langsam anzugehen, denn  nicht nur die Haut an den Sohlen muss sich  an die neuen Herausforderungen  gewöhnen, auch die Gelenke, Sehnen und Muskeln müssen sich darauf einstellen und dementsprechend  neu justieren.    „Man wird überrascht sein, wie schnell Ermüdungserscheinungen im Bereich des Fußes und der Wade auftreten“, so der Orthopäde. Viele Menschen übertreiben es gerade zu Urlaubsbeginn mit der Schuhabstinenz und wundern sich, wenn sie  Muskelkater oder -krämpfe plagen.

Mit den Fußmuskeln verhält es sich nicht anders als mit all den anderen Muskeln: Sie sollten nicht überanstrengt werden. Und ein Trainingserfolg stellt sich nur ein, wenn auch Pausen eingehalten werden.  „Je eine Stunde am Vormittag und am Nachmittag können für ungeübte Barfußgeher schon ausreichen“, empfiehlt Sabeti und verweist auf die rund  60 Muskeln,  100 Bänder und 200 Sehnen, die in den Füßen für einen reibungslosen Ablauf verantwortlich sind.     Die Podologin Petra Hell rät überhaupt dazu, die ersten Schritte im Wasser zu machen, vor allem Menschen mit Übergewicht. „So wird das Gewicht von den Füßen genommen. Am besten beginnt man im tieferen Wasser und arbeitet sich in seichteres vor.“

Sie hat genug Patienten, die tatsächlich fast nie barfuß gehen, sogar in der Wohnung tragen sie Hausschuhe oder Schlapfen. Auch exzessive High-Heels-Trägerinnen müssen oft erst wieder lernen, wie man ergonomisch richtig geht. Für diese Gruppen kann  Barfußgehen gerade zu Beginn fast zum Leistungssport werden.  
Neben dem physikalischen Aspekt kommen noch  die neuen Sinneswahrnehmungen dazu,  die der direkte Bodenkontakt mit sich bringt – und diese müssen  verarbeitet werden.  Denn wer jeden Tag in Schuhen  steckt, muss sich erst wieder daran gewöhnen, wie sich nasses Gras anfühlt und dass das auch piksen kann. Zigtausende Nervenenden an den Fußsohlen, es sind mehr als im Gesicht,  leiten die  Signale an das Gehirn weiter, wo dann der   weitere Bewegungsablauf entschieden wird.   Die Stimulation hat   Auswirkungen auf den gesamten Organismus, auch auf die inneren Organe.   Verantwortlich dafür  sind  die sogenannten Reflexbögen und Verschaltungen im Körper, die durch Sensibilisierungspunkte an  der Sohle aktiviert werden.

Das erste Mal

Für erste Erkundungen eignen sich am besten Naturböden wie Rindenmulch oder Gras.  Routiniers können sich dann mit Bedacht an  Feldwege oder Waldböden herantasten, allerdings  ist man hier mit Barfußschuhen gut  beraten – vor allem, um die Fußsohlen zu schützen.   Auch auf Asphalt barfüßig zu gehen, birgt Verletzungsgefahr. Ansonsten spricht aber nichts gegen den  Freigang, denn das Abrollverhalten des Fußes verbessert sich, je öfter man es tut.   Menschen, die regelmäßig barfußgehen, bekommen ein ganz anderes Gangbild mit kürzeren Schritten, was zu  einer Änderung der gesamten biomechanischen Kette von Sprunggelenk, Knie, Hüfte und Becken führt. „Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass in der Landephase des Fußes beim Barfußgehen der gesamte Fuß flacher eingestellt wird als  mit Schuhen. Damit  erfolgt der Druckaufbau am Fuß weniger schnell. Dieses Phänomen setzt sich durch den gesamten Körper nach oben fort“, so Sabeti. Dieses Zusammenspiel führt zu einer verbesserten Gang- und Laufökonomie, sofern  der Bewegungsapparat grundsätzlich  intakt ist.     

Aber gerade zu „Trainingsbeginn“ kann   es zu  unangenehmen Nebenwirkungen kommen – Muskelkater und  Schmerzen im Schien- oder Wadenbein, bis hin zu Sehnentzündungen sind die häufigsten und sie sind meist das Symptom einer  Überlastung.  Dann heißt es einen Gang runterschalten. „Die Dosis, wie viel und wie lange man barfuß geht, bestimmt jeder selbst. Man sollte aber nicht  walken oder laufen, das kann vor allem ungeübte  Füße überfordern, besser ist es,   sehr bewusst Schritt nach Schritt zu setzen, abrollen  und  zu spüren, wie sich das anfühlt“, rät die Podologin und empfiehlt zudem, regelmäßig zu dehnen, denn eine verkürzte Muskulatur kann   Probleme für den ganzen Bewegungsapparat schaffen  und Fehlstellungen noch fördern.

Vergleichsstudie

Kinder sollten grundsätzlich so viel wie möglich barfuß gehen, weil sie davon ihr ganzes Leben lang profitieren, wie eine Vergleichsstudie von deutschen und südafrikanischen Sportmedizinern zeigt.  Dafür wurde das Fußgewölbe von insgesamt 1015 Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 18 Jahren in beiden Ländern regelmäßig vermessen. Die Ergebnisse zeigten, dass die  Schuh-Kinder eher zu Plattfüßen neigen als die Barfußkinder. Und auch beim Laufen legten die südafrikanischen Kinder ein gesünderes Verhalten an den Tag. Das Fazit des Hamburger Sportmediziners Karsten Hollander, der das Projekt leitete: „Ob man barfuß aufwächst, hat großen Einfluss auf die Fußentwicklung, das Gangbild und die körperliche Leistungsfähigkeit“.  

Diesen Artikel sowie viele weitere zu den Themen Gesundheit, Bewegung, Psyche und Ernährung finden Sie im aktuellen KURIER-Magazin Medico. In Ihrer Trafik und im gut sortierten Zeitschriftenhandel um 4,90 Euro erhältlich oder als versandkostenfreie Direktbestellung einfach Mail an magazin@kurier.at schicken.