Wissen und Gesundheit
30.11.2016

Eigenliebe ist gesund

Sich mit sich selbst zu beschäftigen, ist normal und Teil der jugendlichen Identitätsbildung © Bild: Getty Images/franckreporter/iStockphoto

Kein Grund zur Sorge um die Jugend, sagen Experten. Sie muss sich mit sich selbst beschäftigen.

"Mehr Gelassenheit!" Petra Missomelius hat genug von den digitalen Apokalyptikern. "Wir kennen das doch aus der Geschichte – es gab immer Aufgeregtheit angesichts neuer Medien", sagt die Medienkulturwissenschaftlerin von der Universität Innsbruck. Über diese neuen sozialen Medien und eine "Generation Selfie" auf der Suche nach dem Ich zwischen gewiefter Selbstinszenierung und krankhafter Eigenliebe diskutierten Experten Montagabend bei einem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" in Wien.

Tenor: Der sinnvolle Umgang mit neuen Medien wird gerade erst gesellschaftlich ausverhandelt. Missomelius: "Es braucht Zeit, bis sich der Gebrauch einspielt." Jedenfalls habe es schon als Film und Fernsehen im Mainstream ankamen, Stimmen gegeben, die den bevorstehenden kulturellen Untergang prophezeiten.

Pathologisch? Gesund?

Heute sind es die eingangs angesprochenen digitalen Apokalyptiker, die das Abdriften ganzer Bevölkerungsschichten in "Selfie-Sucht" und "Social-Media-Wahn" heraufdämmern sehen. Vor allem die Jugend sei den Verlockungen von Instagram, Snapchat und YouTube willenlos ausgeliefert. Und überhaupt: Das Internet mache blöd, und die derzeit praktizierte Selbstdarstellung sei pathologisch, narzisstisch, krank. Etwas, das der Psychiater von der Medizinischen Universität Wien, Nestor Kapusta, aber nicht bestätigen kann: "Es ist durchaus gesund, das Erlebte, das, was einen Jugendlichen innerlich beschäftigt, mitzuteilen." Es sei nur eine andere Möglichkeit der Kommunikation.

Das bestätigt auch die Jugendkulturforscherin Beate Großegger: "Es ist gut und nützlich, dass sich Jugendliche mit sich selbst beschäftigen, das ist ganz normal und Teil der jugendlichen Identitätsbildung." Hier können sie sich ausprobieren, feststellen, wie sehe ich mich, wie sehen mich die anderen?

Man dürfe nur einen Fehler nicht machen, warnt Großegger: "Zu glauben, dass Junge von der realen in die Online-Welt ausweichen. Für sie ist es ein Sowohl-als-auch."

Ja, die Art wie man sich ausdrückt, habe sich geändert: Früher "präsentierten sich Jugendliche gegen den Strich gebürstet, gegen den Mainstream. Heute ist es genau umgekehrt", analysiert Großegger. "Es ist für Jugendliche wichtig, marktgängig aufzufallen." Der Trend zu Selbstmarketing und Konformitätsdruck in den sozialen Medien sei enorm. "Auch die Kultur des Erlebens hat sich gewandelt. An die Stelle des unmittelbaren Erlebens ist das mittelbare getreten – nur das, was man auch online herzeigen kann, zählt."

Das, was die Menschen ins Netz lockt, ist so alt, wie die Menschheit selbst: "Das Bedürfnis, mit dabei zu sein, dazuzugehören, gehört zu werden, treibt uns an", sagt Psychiater Kapusta.

Daher sei der Begriff "soziale Medien" eigentlich falsch: ",Gesellige Medien‘ wäre richtiger", sagt Großegger und zitiert aus einer ihrer Studien: "Für Jugendliche aus benachteiligten Milieus ist des unendlich wichtig, geliked zu werden und auf Facebook viele Freunde zu haben", erzählt die Jugendforscherin. Und weiter: "Wir wollen alle geliked werden, aber einige haben es eben nötiger ..."

"Das Bedürfnis, etwas mitzuteilen und gehört zu werden, ist oft einfach zu groß", ergänzt der Psychiater. Schwierig werde es dann, wenn der Selbstwert dauernd Bestätigung und Likes brauche. Dafür eignet sich wohl Instagram recht gut: Dort lebt man vom und mit dem optimierten Bild. Keiner käme auf die Idee, ein nicht geschöntes Foto zu posten. Snapchat dagegen ist ganz anders – spontan und ein Spiegel der Stimmung. Es zeigt ein nicht optimiertes identitätsstiftendes Bild, möglicherweise voller Unzulänglichkeiten, weshalb Snapchat einem kleinen Kreis der guten Freunde vorbehalten ist, erklärt Großegger, was derzeit bei der Jugend hip ist.

Religion? Werte?

Kapusta bringt die aktuelle Suche nach dem Ich in einen größeren Zusammenhang: "Heute sind die Familien kleiner, es gibt weniger Interaktion, die aber für die Ausbildung der Persönlichkeit wichtig ist." Der Psychiater hält es für möglich, dass auch der Verlust von Religion und Werten mit der grassierenden Like-Sucht zu tun hat. "Vielleicht suchen wir deshalb verstärkt woanders Gruppen, die uns das, was wir tun, als gut bestätigen."

Und eigentlich ist heute schon wieder alles anders als es gestern noch war: Jugendforscherin Großegger diagnostiziert eine Trendwende: "Ein kleines Segment kritisch denkender, privilegierter Jugendlicher geht in eine ganz andere Richtung." Diese "digitale Avantgarde" wählt sehr bewusst aus, wo sie sich wem wie präsentiert – viel stärker übrigens, als das die meisten Erwachsenen tun. Großegger: "Eine große Zahl von Followern ist für sie nicht mehr wichtig."

Wenn Sie – wie auch die Autorin dieser Zeilen – zur Eltern- oder Großeltern-Generation der Selfie-Verliebten gehören und mitunter nur noch Bahnhof verstehen, könne es gut sein, auf den Rat von Psychiater Kapusta zu hören: "Lassen Sie sich von ihren Kindern oder Enkeln zeigen, wie man Fotos retuschiert oder wie Facebook funktioniert. Interesse verbindet."

Seit dem Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl ist der Ärger groß – der Ärger auf Facebook und andere soziale Netzwerke. Dort lebe man in seiner eigenen Filterblase. Jeder Nutzer bekomme etwas anderes zu sehen, ausgewählt und vorsortiert von undurchsichtigen Algorithmen, so der Vorwurf. „Soziale Medien verschärfen die politische Spaltung“, urteilte USA Today. In diesen „radikalen Filterbubbles werden gegenteilige Informationen entweder ausgeblendet oder bekämpft“. Studien bestätigen das Vorurteil, dass die Filterblase Meinungsvielfalt unterwandere, nicht und lassen kaum auf eine extreme politische Polarisierung schließen. Der Statistiker Seth Flaxman von der Universität Oxford jedenfalls fand in 50.000 anonym ausgewerteten Browser-Historien von US-Bürgern aus dem Jahr 2016 nur einen sehr mäßigen Einfluss von Algorithmen auf die Meinungsvielfalt. Entgegen der populären Vorstellung, dass viele nur noch über soziale Netzwerke Nachrichten konsumieren, surfen laut der Untersuchung typische Internetnutzer ihre bevorzugten Nachrichtenseiten meist direkt an.

Wer zusätzlich auf sozialen Netzwerken aktiv ist, hat laut Flaxman sogar eine höhere Chance, mit Meinungen der anderen Seite des politischen Spektrums in Berührung zu kommen. Generell spielt Politik in sozialen Netzwerken aber eine untergeordnete Rolle – nur etwa jeder 300. Klick auf Facebook führe zu einem substanziellen nachrichtlichen Artikel. Es dominieren Links zu Fotos und Videos, Sport und Unterhaltung.

Gegen-Weltbild

Anhand von 3,8 Milliarden geteilten Links auf Facebook konnten Datenwissenschaftler nachweisen, wie stark Algorithmen die Meinungsvielfalt konkret beeinflussen. Demnach sorgen Facebooks Sortierverfahren dafür, dass ein linksliberal eingestellter Nutzer im Schnitt acht Prozent weniger Inhalte von der anderen politischen Seite angezeigt bekommt als ohne den Filter. Bei Konservativen wird weniger als jeder 20. Beitrag ausgeblendet, der tendenziell nicht zum eigenen politischen Weltbild passt. Demnach ist der Stream von Konservativen sogar bunter als der von Liberalen.

Viel stärker als Filter-Algorithmen wirkt sich aus, mit wem man vernetzt ist und was derjenige teilt. Der Bekanntenkreis war allerdings auch schon im analogen Zeitalter ein äußerst wichtiger Faktor zur Meinungsbildung. Die Frage lautet daher, ob die Filterblase in sozialen Netzwerken tatsächlich etwas so Neues ist.