Aufrüttelnd: Magazin aus Tinte mit HIV-Viren

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Foto: Vangardist

Das Magazin "Vangardist" wurde mit HIV-Infizierter Tinte gedruckt - als Statement gegen irrationale Ängste.

Es ist eine spektakuläre Aktion, die sich die Macher des Gay-Lifestyle-Magazins „Vangardist“ einfallen haben lassen. Nach wie vor sind HIV infizierte Menschen stigmatisiert und verschweigen aus diesem Grund ihre Krankheit. Aus Angst, Freunde, Arbeitsplatz und den Partner zu verlieren. Oder überhaupt einen zu finden. Dagegen wollte das Magazin nun ein Statement setzen.

Vangardist4.PNG Foto: Vangardist Für die Mai-Ausgabe des Printmagazins wurden 3000 Stück des Magazins mit dem Blut HIV-positiver Menschen gedruckt. Dafür wurden der Druckerfarbe 3 Tropfen infiziertes Blut beigemengt. Der Rest der Auflage, 15.000 Stück, wurde normal hergestellt. Über den Sinn und Ziel der Aktion sprach der KURIER mit Julian Wiehl, Gründer und CEO von Vangardist.

Sie wollen mit der „Hero Edition“ des Magazins „Vangardist" ein Statement setzen – was möchten Sie mit dieser Aktion ausdrücken?

Wir wollen ein Statement setzen gegen das Stigma und die irrationalen Ängste vor HIV und Menschen mit HIV.  Deswegen haben wir die Druckerfarbe für die #HIVHEROES Edition mit dem Blut von HIV positiven Menschen vermengt. Die Ausgabe steht somit stellvertretend für all jene, die mit dem Virus leben. Wer eine Ausgabe in den Händen hält, hält auch symbolisch einen Menschen mit HIV in seinen Armen. Aber es besteht weder bei dieser Printausgabe noch bei einer Umarmung und alltäglichem Umgang mit Menschen mit HIV eine Gefahr für eine Infektion.

Ist das Stigma, das Menschen mit HIV betrifft aus Ihrer Sicht immer noch so ausgeprägt, dass sich die Betroffenen vor einem Outing fürchten müssen?

Ich glaube, dass die Medizin weiter ist als die Gesellschaft. Während man mit dem Virus medizinisch gesehen ein normales Leben führen kann, sind die Vorbehalte in der Gesellschaft gegenüber dem Virus immer noch sehr groß. Einfache Momente wie ein Zahnarztbesuch oder ein Date können dabei schon zu einer Herausforderung werden. Das ist ein Zeichen, dass es immer noch viel Halbwissen in der Gesellschaft gibt, ohne ihr dabei die Schuld dafür zu geben.  Die meisten wissen zum Beispiel nicht, dass die Viruslast bei regelmäßiger Medikamenteinnahme unter der Nachweisgrenze liegt. Sie könnten also theoretisch mit dieser Person ohne ein Ansteckungsrisiko ungeschützten Geschlechtsverkehr haben.

Welche Ängste dominieren in Bezug auf HIV-positive Menschen?

Die meisten Menschen haben sicher Angst vor einer eigenen Ansteckung und der damit verbundenen Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben. Denn lange Zeit wurden Menschen mit HIV ausgeschlossen. Die meisten Ängste sind aber unbegründet. So kann man sich nicht durch einen Kuss oder einen Schluck aus demselben Glas anstecken. Besonders vor dem Unbekannten sind die Ängste bekanntlich am größten. Man ihnen durch Dialog und Aufklärung am besten entgegenwirken.

Und wie sehen die Ängste der Betroffenen konkret aus?

HIV-positive Menschen haben heute immer noch Angst vor einem Outing. Da kommen viele Faktoren zusammen. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft, der Verlust von Freunden oder Bekannten, der Verlust des Partners oder die erschwerte Partnersuche. Aber auch der Besuch beim Zahnarzt oder im Spital kann zu einer Herausforderung werden. Dazu kommen Schuldgefühle und Selbstzweifel, die oft eine Begleiterscheinung sind.

 Was riskieren Menschen, wenn sie sich outen?

Mit einem positiven Status, der öffentlich bekannt gemacht wird, ist man oft der Willkür des Gegenübers ausgesetzt. So kann es sehr wohl vorkommen, dass sich ein Arbeitgeber von ihnen trennen will oder ihre Freunde sich von ihnen abwenden. Oft sind es vor allem die kleinen Zurückweisungen im Alltag die sehr verletzend sind.

Sie sprechen immer wieder das Thema Berührungsängste an. Man tut offen, aber wenn es drauf ankommt, dominieren dann doch Angst und Verdrängung.

Genau da setzt unsere Kampagne an. Sie können öffentlich zu HIV stehen wie Sie wollen, aber wenn Sie die Ausgabe in den Händen halten, werden sie mit Ihren Berührungsängsten konfrontiert. Dies kann einen positiven Transformationsprozess bewirken. Ängste die man einmal überwunden hat, die kommen nicht wieder.  Deshalb haben wir die Ausgabe auch #HIVHEROES genannt. Weil der Held sich seinen Ängsten stellen muss. 

Was könnte – außer solcher Kampagnen – sonst helfen? Was braucht es, damit die Gesellschaft gegenüber HIV-Positiven toleranter wird?

Viele Ängste sind ja auch falsch und werden – mythenhaft – falsch weitergegeben.  Wichtig ist der Kontakt mit der gelebten Realität. Wenn man mit Pärchen befreundet ist, bei denen ein Partner HIV-positv ist, wird einem schnell klar, wo man selbst steht. So eine Begegnung kann einem die Augen öffnen und viel toleranter machen.

Ein positiver Blick in die Zukunft: Was könnte sich ändern, würde es einfacher sein, über die Diagnose zu sprechen?

In einer Gesellschaft, wo offen über HIV geredet wird, gehört der HIV-Test einfach zum Alltag - wie die Zahnprophylaxe oder die Vorsorge-Untersuchung. Durch den medizinischen Fortschritt könnten Neuinfektionen auf ein Minimum reduziert werden und das Virus auf lange Sicht quasi aussterben. Deshalb ist für mich der Umgang mit HIV ein Gradmesser für die Reife einer Gesellschaft.

Was ist für Sie der Archetyp des Helden - in diesem Kontext?

Wie schon erwähnt ist der Held jener Mensch, der seine Ängste überwindet und so über sich hinauswächst. Die Helden sind in diesem Fall wir alle, die den Mut zusammen bringen, über HIV zu sprechen und sich für eine Gesellschaft ohne Stigma einzusetzen.

Was erhoffen Sie sich davon?

Ziel ist es, dass Menschen in ihrem Umfeld eine offene Haltung dem Thema HIV gegenüber zeigen. Dafür reicht schon ein Statement in einer Gesprächsrunde oder ein Posting auf einem Social Media Kanal um den Menschen mit HIV zu zeigen, dass wir für sie da sind. Schön wäre es, wenn wir meinungsführende Persönlichkeiten dazu bewegen könnten, eine Ausgabe in ihren Händen zu halten, um in ihrer Fangemeinde für mehr Toleranz einzutreten.

Mehr hier: hivheroes.org,  www.hivheroes.org, Facebook: hivheroes

(KURIER) Erstellt am
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