Wissen und Gesundheit
13.12.2017

Männerschnupfen: Warum er kein Mythos ist

Ein kanadischer Arzt hat erstmals alle wissenschaftlichen Daten zusammengetragen und ist überzeugt: Es sei ungerecht, die Männer als wehleidig darzustellen.

"Ich hatte am Wochenende eine Nahtoderfahrung. Ich war erkältet: Männergrippe."

"Suche Unterkunft. Egal wo, ab sofort. Der Mann bekommt Männerschnupfen."

"In meinem Lebenslauf steht unter ,besondere Fähigkeiten‘: Männerschnupfen überlebt."

"Männergrippe: Bitte ruft den Hubschrauber."

Der kanadische Arzt Kyle Sue von der Memorial University of Newfoundland hatte genug. Genug von solchen Witzen und Sprüchen in den sozialen Medien. Genug davon, immer nur als Weichei dargestellt zu werden, wenn er an einer Erkältung litt und über seine Symptome klagte: "Mir wurde immer vorgeworfen, bei einer Grippe mit meinen Symptomen zu übertreiben: Und da dachte ich mir: Das schaue ich mir jetzt näher an", sagte er zur kanadischen Rundfunkgesellschaft CBC.

Schwerwiegende Folgen...

Denn er sieht in dem wenig einfühlsamen Verhalten seiner (vor allem weiblichen) Umgebung auch eine große Gefahr: Es könnte schwerwiegende Folgen für Männer haben, "wenn ohne ausreichende wissenschaftliche Belege behauptet wird, dass sie Symptome ihrer Atemwegserkrankung als übertrieben darstellen". Eine Folge könnte etwa eine unzureichende medizinische Behandlung sein.

Und weil es bisher keine zusammenfassende Übersicht der bisher vorhandenen wissenschaftlichen Daten zu dem Phänomen gab, hat er jetzt in den Datenbanken alles Verfügbare zum Männerschnupfen zusammengetragen.

Seine Rechercheergebnisse hat Sue in der – immer mit etwas Augenzwinkern zu lesenden –Weihnachtsausgabe des British Medical Journalveröffentlicht. Die Bezeichnung "Männergrippe" – in einer abwertend gemeinten Form – sei "ungerecht", betont der Arzt. Denn: "Männer scheinen ihre Symptome nicht zu übertreiben. Sie haben eine schwächere Antwort ihres Immunsystems auf Viren." Und das führe zu stärkeren Symptomen und – bei einer echten Influenza, nicht bei Schnupfen – auch zu einem höheren Sterberisiko.

Schwächere Abwehr

So hatte sich etwa bei Mäusen gezeigt, dass das Immunsystem von Weibchen stärker auf eine Virusinfektion reagiert als jenes von Männchen. Ein möglicher Grund: Das männliche Sexualhormon Testosteron dämpft die Antwort des Immunsystems, Östrogene hingegen würden sie verstärken. Dafür könnte es auch einen evolutionären Grund geben: Nach dem Motto "live hard, die young" ("Lebe hart, stirb jung") war die Betonung der Männlichkeit durch Testosteron wichtiger als ein starkes Immunsystem: Immerhin war (zumindest in der Steinzeit) ein Tod durch Verletzung wahrscheinlicher als durch eine Infektion.

Unterstützung bekommt Kyle Sue übrigens von der Innsbrucker Forscherin Beatrix Grubeck-Loebenstein: Auch sie wies vor Kurzem auf die hormonellen Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Immunabwehr hin.

Warum ausgiebiges Ruhen immer schon wichtig war

So soll selbst das ausgiebige Ruhen des Mannes auf dem Sofa oder im Bett ein durch die Evolution bedingtes Verhalten sein: Denn das Sich-Zurückziehen in der Abgeschiedenheit und das ausgiebige Erholen schützte davor, das Opfer von Raubtieren zu werden. "Vielleicht ist heute die Zeit gekommen für männerfreundliche Zonen, ausgestattet mit großen Fernsehern und Liegesesseln, wo sich Männer in Ruhe und Sicherheit von den sie schwächenden Krankheitsfolgen erholen können", scherzt Sue.

Die kanadische Rundfunkgesellschaft hat den Forscher gefragt, was seine tiefere Motivation für seinen wissenschaftlichen Ehrgeiz gewesen sei?

"Ich wollte beweisen, dass Männer keine Waschlappen sind."