Wissen 12.02.2018

Forscher auf der Spur von Stress-Mechanismen

Stress löst Angst aus © Bild: Getty Images/iStockphoto/SIphotography/iStockphoto

Neuropsychologe Thomas Elbert erforscht, was im Körper passiert, wenn Menschen unter Druck geraten.

Die Bilder von flüchtenden Menschen haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Bei Thomas Elbert haben sie noch mehr ausgelöst: Der Verhaltensneurowissenschaftler von der Universität Konstanz beschäftigt sich seit langem damit, was Stress und Traumata mit Menschen machen. Er doziert über Hass und Angst und hat Feldstudien über verheerende seelische Beeinträchtigung in Kriegs- und Krisenregionen gemacht. Jetzt geht der deutsche Forscher noch weiter und sagt: "Ich will die grundlegenden Mechanismen von Stress erforschen."

Die Verknüpfung von epigenetischer Forschung an Tieren und Menschen sei dabei ein vielversprechender Ansatz. Wer sich jetzt fragt, was Epigenetik ist: Diese junge Disziplin beschäftigt sich mit den Faktoren, die das Ein- und Ausschalten bestimmter Gene beeinflussen. Elbert erklärt es so: "Epigenetik ist die Lesbarkeit des Genoms, und die verändert sich mit der Umwelt. So führt etwa Stress zu einer Fehlanpassung im Körper. Wenn der Stress dramatischer Art ist, entstehen Krankheiten bis hin zu massiven psychiatrischen Störungen." Im Interview mit dem KURIER führt Elbert aus, was Stress im Körper anrichten kann.

KURIER: Prof. Elbert, schildern Sie uns, was bei Stress im Körper passiert?

Elbert:Das Hauptverteidigungssystem des Menschen ist die sogenannte HPA-Achse, die vom Hypothalamus über die Hirnanhang-Drüse zur Nebenniere führt. Das System sorgt dafür, dass Cortisol ausgeschüttet wird, wenn man unter Stress steht. Gleichzeitig gibt es Rezeptoren, die diese Stress-Abwehr wieder ausschalten. Wie schnell das geht, hängt auch von der Umwelt ab. Wenn Sie in Österreich einen Autounfall haben, sollten sich innerhalb von einer Stunde ihre Stress-Achse wieder abgeschaltet haben. Wir erforschen die Stressachse gerade an Fischen, weil man bei Tieren den Stress leichter manipulieren kann. Ich kann ja Menschen nicht sagen: "Ich setze dich einem gefährlichen Raubtier aus." Aber ich kann Raubtier-Geruch ins Wasser geben und schauen, ob sich was ändert.

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Grafik FOTO 7activestudio/iStockphoto v. 04.01.2018, Bildnummer: 536013425, 46-105736529 © Bild: Grafik,istockphoto

Die Kultur, in der man lebt, spielt bei der Stress-Verarbeitung eine Rolle?

Ja, wir haben beispielsweise Untersuchungen in Tansania gemacht, wo in den Schulen und Familien noch viel Gewalt herrscht. Wir können aus dem Speichel von Kindern zu 95 Prozent herleiten, in welchen Ausmaß sie geschlagen wurden. In machen Umwelten ist es also besser, weniger empathisch zu sein – besser für das Überleben. Denn jede Stress-Reaktion kostet ja Kraft. Das Kind passt sich also an seine Umwelt an. Wenn es dann aber als Flüchtlingskind nach Deutschland oder Österreich kommt und in die Schule gehen soll, dann versagt es kläglich. Es hat eine andere Stress-Achse und ein anderes Endorphin-System, eine andere Form der Schmerzverarbeitung. Wir wissen heute, dass man auf die Kinder schauen muss. In schlimmeren Fällen brauchen sie auch eine professionelle Behandlung. Vor allem muss man den Eltern einen anderen Erziehungsstil beibringen – nicht draufhauen! Sonst sind die Kinder in unserem System nicht erfolgreich.

Bekommt man das in den Griff?

(Elbert zögert) Wenn sie Deutschland hernehmen: Die gute Million Flüchtlinge, die zu uns gekommen ist, ist erst der Beginn einer gigantischen globalen Flüchtlingsbewegung. Die Hälfte dieser Million hat, aufgrund der Stressoren, die sie erlebt hat, Probleme, psychisch zu funktionieren. Und wiederum die Hälfte leidet so schwer, dass sie ohne Hilfe nicht zurück ins Leben findet. Sie können diesen enormen Anpassungsprozess an eine andere Kultur und Sprache nicht leisten. Diese Erkenntnis kommt nicht nur aus der Epigenetik. Da haben wir ein großes Problem, weil wir die Behandlungsplätze nicht haben, um eine viertel Million Menschen professionell zu behandeln. Wahrscheinlich ist das in Österreich nicht anders.

Und die körperlichen Reaktionen?

Wenn wir von lebensbedrohlichem Stress ausgehen, denkt die Person die ganze Zeit, sie sei noch in dieser Bedrohung. Sie steckt in der Vergangenheit, im Krieg, fest. Diese ständige Bereitschaft, in den Alarmzustand zu gehen, aktiviert dauernd die Stress-Achse. Nachts kam man nicht schlafen. Die Folge ist der körperliche Verfall. Das können sie molekularbiologisch messen, das Immunsystem ist angeschlagen. Das wissen wir, weil wir hier in Konstanz eine Forschungs- und Modell-Ambulanz haben, wo wir Flüchtlinge untersuchen und Behandlungsmethoden entwickeln.

Wenn nun durch epigenetische Stress-Faktoren die Gen-Aktivität verändert wurde – kann man das überhaupt rückgängig machen?

Das wissen wir nicht. Das ist ein spannendes Forschungsgebiet. Was wir aber schon wissen und erprobt haben: Die Reperatur-Fähigkeit der DNA lässt sich positiv durch Psychotherapie beeinflussen.

Thomas Elbert

Thomas Elbert,  deutscher Neuropsychologe

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Thomas Elbert, deutscher Neuropsychologe von Inka Reiter (Ticket:2012011010006451) [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons… © Bild: Wikimedia Commons/Inka Reiter/CC BY-SA 3.0 de

Professor für Klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz. Auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Einsichten wurden in seinem Konstanzer Labor neue Behandlungsverfahren im Bereich der Neurorehabilitation und Psychotherapie entwickelt. Der Schwerpunkt liegt im Bereich der Arbeit mit Überlebenden organisierter Gewalterfahrungen.

( kurier.at ) Erstellt am 12.02.2018