Klimawandel: Nicht nur der Körper, auch die Psyche leidet

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Foto: AP/Vadim Ghirda Die Tage über 30 Grad werden auch bei uns mehr.

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter und seine Kollegen warnen: Wir müssen uns auf Unwetter und heiße Tage einstellen.

24 Hitzetage verzeichneten Meteorologen heuer bereits bis Ende Juli in Wien. Sie liegen damit über dem langjährlichen Mittel von 21 Tagen. Als Folgen des drohenden Klimawandels werden heiße Phasen zunehmen.

Das hat deutliche Folgen für die Gesundheit, sagt Umweltmediziner Ass.-Prof. Hans-Peter Hutter, MedUni Wien. "Schon in 30 Jahren werden wir pro Jahr 15 Hitzewellen haben, also durchschnittlich 45 Tage mit mehr als 30 Grad." Er warnt, die Auswirkungen dieser hohen Temperaturen vor allem auf die Psyche wurden bisher unterschätzt.

Ohnmachtsgefühl

Hans-Peter Hutter… Foto: /MedUni Wien/Felicitas Matern Von einer Hitzewelle sprechen Experten, wenn gewisse Kriterien erfüllt sind. Dazu zählt vor allem, dass die Temperaturen an drei aufeinanderfolgenden Tagen mindestens bei 30 Grad liegen. Jährlich treten derzeit im Schnitt fünf solcher Hitzephasen auf. Das fordert die Menschen enorm – und wohl jeder kennt dieses Gefühl der Ohnmacht, das sich mit der Zeit einstellt: Die Temperaturen liegen tagelang über 35 Grad, auch die Wohnungen heizen sich auf mehr als 30 Grad auf – und es ist kein Ende in Sicht. "Lange Hitzeperioden sind zermürbend.

Es gibt keinen Ausweg aus einer ohnehin bereits belastenden Situation, man hat die Entscheidung nicht selbst in der Hand. Das verursacht zusätzlichen Stress", erklärt Hutter. Ein Teufelskreis. Jede Art von Stress ist eine zusätzliche Belastung. Die Folge: "Durch den Hitzestress haben wir weniger Abwehrmechanismen." Ebenso reagiert das Gehirn: "Je heißer es ist, desto schwieriger wird es, sich zu konzentrieren."

Was bereits gesunden Menschen zu schaffen macht, trifft Menschen mit Vorerkrankungen noch stärker. "Wir haben festgestellt, dass sich bei Hitze bestimmte mentale Probleme einstellen. Etwa Ängste oder depressive Episoden können dadurch getriggert werden." Dafür reiche oft schon der Wetterbericht im Fernsehen oder eine Schlagzeile, die eine "Rekordhitze" ankündige. Für vorbelastete Menschen sei es in solchen Situationen besonders schwierig, erlernte Bewältigungsstrategien abzurufen.

Ältere leiden

Wer ebenso sehr unter Hitzeperioden leidet sind, ältere Menschen. "Sie sind hitzempfindlicher. Das ist vielen auch gar nicht bewusst. Älteren mangelt es in häufig an einem Problem- und Risikobewusstsein", sagt Hutter. Das haben bereits viele Studien gezeigt. Besonders drastisch zeigte sich die gesundheitliche Dimension in der extremen Hitzewelle des Jahres 2003. Europaweit kam es zu bis zu 70.000 hitzebedingten Todesfällen. "Die Zunahme von Hitzeperioden, bedingt durch den Klimawandel, stellt eine zentrale Herausforderung für erfolgreiches Altern in europäischen Städten dar", betont Hutter. "Die erhöhte Gefährdung Älterer resultiert vor allem daraus, dass bei ihnen das Gesamtkörperwasser ebenso wie die Durstwahrnehmung verringert sind", sagt Hutter. Dazu kommt, dass sie oft Medikamente einnehmen, die den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen.

Offenes Fenster

Gerade für diese Bevölkerungsgruppe wären also Verhaltensempfehlungen besonders wichtig. Aber erreichen sie die Adressaten? Wenn man Senioren in der Glut-Mittagshitze am offenen Fenster sitzen sieht, zweifelt Hutter daran. Mit Forschern der Universität für Bodenkultur untersuchte er zwischen 2011 und 2014 Wissen und Verhalten von insgesamt 600 über 65-Jährigen und 300 Personen zwischen 18 und 55 Jahren in Wien.

Ziel der Studie war auch, Anpassungsstrategien zu eruieren, die das Ausmaß der Hitzebelastung verringern. "Oft geht es nur um Kleinigkeiten, die bereits helfen würden." Hier sei die Gesellschaft gefordert, denn alten Menschen fehle oft die Kraft zur Umsetzung. "Im Sinne der Nachbarschaftshilfe könnte man etwa der alten Nachbarin etwa beim Jalousien herunterlassen helfen."

Wie die untesrschiedlichen Wetterphänome unsere Gesundheit beeinflussen

Unwetter:

Lightning and Heavy Rain Foto: Getty Images/iStockphoto/clintspencer/iStockphoto

Posttraumatische Belastungsstörungen durch Katastrophen (Murenabgänge, Überschwemmungen)

Verletzungen durch Naturkatastrophen wie z. B. Quetschungen, Beinbruch, Behinderung bis Tod

Ausbreitung neuer Krankheitsüberträger: Gelbfiebermücken könnten Denguefieber oder Zika nach Mitteleuropa bringen, neue Viren durch Sandmücken

Durchfallerkrankungen nehmen zu, wo Trinkwasser knapp wird

Seuchen: Überschwemmungen begünstigen die Ausbreitung von Epidemien 

Hitze

Woman using water bottle to cool down. Foto: Getty Images/iStockphoto/courtneyk/iStockphoto

Kopfschmerzen

Überhitzung des Gehirns: Mögliche Folgen sind Übelkeit, Bewusstlosigkeit bis zum Tod

Herzprobleme: Hitze belastet den Kreislauf, Herzinfarktrisiko steigt

Stoffwechselerkrankungen durch Salz- und Wasserverlust

Wechselwirkungen mit Medikamenten: manche Wirkstoffe dehydrieren den Körper

Geringere Leistungsfähigkeit 

Hautkrebs durch vermehrte Sonnentage

Luftverschmutzung

Kraftwerk<br />
Bildnummer: 21880178… Foto: claudia Otte - Fotolia/claudia Otte/Fotolia

Atemwegserkrankungen: Mehr Niederschlag und Nässe führen zu Schimmel in den Räumen. Inversionswetterlagen und Ozonwarnungen nehmen zu, wir atmen mehr Schadstoffe ein

Allergien: Allergene breiten sich aus, besonders aggressiv ist Ragweed: Bereits sechs Pollen pro Kubikmeter Luft können zu Augenreizungen bis hin zu Asthma führen. Die Hausstaubmilbe wird  in höheren Lagen heimisch. Prozessionsspinner-Arten reizen die Haut

Buch

Hans-Peter Hutter, Hanns Mooshammer, Peter Wallner:
„Klimawandel und Gesundheit – Auswirkungen. Risiken. Perspektiven.“
Manz Verlag. 134 Seiten. 21,90 Euro.

Hans-Peter Hutter… Foto: /MedUni Wien

Stadtplaner und Bevölkerung müssen reagieren

Es hilft nichts: Die Menschen müssen sich auf die verändernde Umwelt mit neuen Hitzerekorden und Überschwemmungen  einstellen.  Sowohl Politik als auch jeder einzelne  müssen reagieren.  In Bundesländern wie NÖ oder Wien sind Hitzeschutzpläne bereits  ausgearbeitet. Droht eine Hitzewelle (mehr als drei Tage über 30  Grad) werden Spitäler, Feuerwehren oder die Öffentlichkeit informiert, damit sie  Vorkehrungen treffen können.
Auch stadtplanerisch ist einiges tun: Je mehr Grün in der Stadt, desto kühler ist es.    Der Hochwasserschutz muss ausgebaut und der Katastrophenschutz adaptiert werden. Insbesondere auf alte und wenig mobile Personen sollte geachtet werden, die z.B bei Überschwemmungen gerettet werden müssen.   Investitionen in den Klimaschutz sind entscheidend. Doch gerade hier ist Österreich säumig (der KURIER berichtete). Hier ist jeder einzelne aufgefordert, seinen Beitrag zu leisten, indem er etwa auf Flugreisen verzichtet, schreibt Ass.-Prof. Hans-Peter Hutter (s.o.)

Kühler Kopf

Klettert das Thermometer auf  30  Grad oder mehr, ist darauf zu achten, dass der Körper nicht überhitzt,  mahnt  der  Umweltmediziner: „Legen Sie sich ein kühles Tuch in den Nacken, nehmen Sie kühle Fußbäder und besprühen Sie sich ab und zu mit einer  Sprühflasche. Kontrollieren Sie den Flüssigkeitshaushalt  und achten Sie auf eine wasserreiche Ernährung.  Vermeiden Sie schweres Essen wie das Schnitzel, das die Verdauung belastet – dabei sammelt sich Blut im Bauchbereich und dem viszeralen Fett. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, welche  Medikamente  den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen.“
Dass man tagsüber die Wohnung abdunkelt und erst in der Nacht lüftet, sollte jedem klar sein. Ventilatoren sind besser als Klimaanlagen, die die Außenluft aufheizen. Wer draußen ist, sollte  schattige Parks  wählen – oder  in  kühle Kirchen  bzw. Supermärkten Zuflucht suchen.

(kurier) Erstellt am
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