Flüchtlinge

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Psychologie
07/26/2016

"Sie sind keine tickende Zeitbombe"

Schätzungen zufolge ist jeder zweite Asylwerber traumatisiert – die Wartezeit für eine Behandlung dauert bis zu ein Jahr.

von Laila Daneshmandi

Die schockierenden Ereignisse der vergangenen Tage machen es einfach, die Schuld auf "die Asylwerber" zu schieben. "Man bekommt bei der Berichterstattung das Gefühl ist, dass wir auf einem Pulverfass sitzen", sagt Dr. Barbara Preitler vom Verein Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. "Doch wir haben immer schon traumatisierte Menschen aus Kriegsgebieten aufgenommen. Und ein Trauma macht aus niemandem einen Amokläufer."

Asylwerber sind keine homogene Gruppe – es gibt gebildete und weniger gebildete, große und kleine, starke und labile Flüchtlinge. Was sie gemeinsam haben ist, dass sie schlimme Erfahrungen machen mussten. Viele haben den Bombenhagel in Kriegsgebieten erlebt, andere wurden verfolgt, gefoltert oder wurden auf der Flucht vor diesen Dingen traumatisiert.

„Man bekommt das Gefühl, dass hier ein Pulverfass lauert – ein Trauma macht aus niemandem einen Amokläufer.“

Deutschen Schätzungen zufolge braucht jeder zweite Flüchtling dringend psychotherapeutische Hilfe. Und genau daran fehlt es – allein Hemayat hat rund 400 Menschen auf der Warteliste. Oft dauert es bis zu ein Jahr bis sie einen Therapieplatz bekommen. In der Zwischenzeit können sie nur warten. Sie ziehen sich zurück, haben Albträume, Angst vor Lärm – etwa vor Türknallen oder herumtollenden Kindern.

"Eine Traumatisierung bedeutet aber nicht, dass jeder eine psychiatrische Störung hat – es heißt, dass der Betroffene schreckliche Dinge erlebt hat, die er alleine nicht verarbeiten kann", erklärt Univ.-Prof. Andrea Topitz von der Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen an der MedUni Wien. "Wenn jemand erfährt, dass sein Bruder ermordet wurde, nachdem er schon vor Jahren die restliche Familie an den Krieg verloren hat, sind das Traumatisierungen, die man sich gar nicht vorstellen kann."

Das bedeute aber nicht, dass aus ihm gleich ein potenzieller Amokläufer wird, betont Topitz. Dazu brauche es zum einen eine gewisse Persönlichkeitsstörung und zum anderen mangelndes Selbstbewusstsein, das diese Art von Aufmerksamkeit sucht.

„Wir sollten die Leute behandeln und integrieren statt sie zu kriminalisieren – das treibt sie dem IS zu.“

An dieser Stelle kritisiert Preitler von Hemayat vor allem die Medienarbeit: "Wenn über einen Amokläufer groß berichtet wird, versuchen sich hochgradig labile Menschen an diese Glocke dranzuhängen. Diese Panikmache gibt den Menschen in diesem Todesmoment Macht." Preitler spielt auf den sogenannten "Werther-Effekt" an, der einen Zusammenhang zwischen der Intensität der Berichterstattung über Suizide und Nachahmungstätern beschreibt.

Ob Vorfälle wie in Würzburg oder Ansbach durch bessere psychologische Betreuung hätten verhindert werden können, lässt sich schwer sagen. Allerdings sehen die Expertinnen wenig Zusammenhang zur Religion – vielmehr gehe es um den sozialen Zusammenhalt, sagt Preitler: "Wenn jemand überhaupt keinen Halt hat und ihn von jemandem bekommt, der falsche Inhalte vermittelt, wird es schwierig. Das hat weniger mit Religion als mit Ideologie zu tun."

Daher sei es umso wichtiger, den Menschen die Möglichkeit zu geben, stabile und sichere Beziehungen aufzubauen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln. "Heilsame Beziehungen können überall passieren, wo Menschen einander begegnen."

„Psychisch instabil“, „psychisch krank“, „suizidal“ – so wird die Seelenlage des Zug-Attentäters von Würzburg sowie des 27-jährigen Syrers Mohammad D., der für den Anschlag im bayrischen Ansbach verantwortlich ist, skizziert. Woran sich naturgemäß viele Fragen knüpfen – zwei davon lauten: Wie sehr spielt Traumatisierung bei der Ausführung nihilistischer Taten wie dieser eine Rolle? Und warum konnte jemand, der offensichtlich nicht mehr mit seinem Leben klarkam, noch ungehindert agieren?
Eindimensionale Ursache-Wirkung-Modelle liefern da keine Erklärung. Dazu ist das Puzzle solcher Taten zu klein- und zu vielteilig. Auch der Ruf nach noch mehr Sicherheit wird dem nicht gerecht. Am Ende bleibt doch nur eine Pseudosicherheit, weil kein Seelenscanner existiert, der den Blick in die Abgründe und Motivlage potenzieller Täter und sogenannter „Einsamer-Wolf-Attentäter“ (Einzeltäter, die keinen direkten Bezug zum Islamischen Staat haben) ermöglicht.

Es wird geschätzt, dass mindestens die Hälfte der Geflohenen schwer traumatisiert ist – mit damit verbundenen Folgen wie Albträume, Angst, Depressionen und Suizidalität. Laut Experten haben 40 Prozent der erwachsenen traumatisierten Flüchtlinge Suizidpläne oder einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Zu den internalisierten Gewalterfahrungen kommt das Gefühl von Heimatlosigkeit und Zurückweisung, kommen Diskriminierung, Perspektiven- und Haltlosigkeit. Da wird Radikalisierung leicht zum Ersatz, um der Ohnmacht und der Ausweglosigkeit etwas entgegenzusetzen. Für einige wenige scheint das einzige Erlösungsszenario, sich spektakulär-destruktiv zu verabschieden – mit oder ohne religiös-politisches Motiv. Umso wichtiger ist es daher, noch genauer hinzusehen und zu handeln. Eine komplexe Aufgabe, die kein Garant sein wird, dass solche Taten nicht mehr passieren. Auch der Umkehrschluss, dass jeder, der Gewalt erfahren hat, automatisch gewalttätig wird, ist falsch. Und dennoch gilt: Jeder Asylwerber, der wahrgenommen, abgeholt und integriert werden kann, ist eine potenzielle Gefahr weniger. gabriele.kuhn

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