Fall Bötticher: Die Gefahr der Folgen

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Haben 16-Jährige Beziehungen mit wesentlich Älteren, ist die Gefahr groß, dass sie den Folgen nicht gewachsen sind.

Es geht mir nicht um eine moralische Bewertung. Ich glaube aber, dass 16-jährige Jugendliche nicht wirklich in der Lage sind abzuschätzen, worauf Sie sich in einer Beziehung mit einem deutlich älteren Partner einlassen." Das sagt die Kinder- und Jugendpsychologin Claudia Rupp zum Fall Boetticher im Gespräch mit dem KURIER.

KURIER: Was ist der Unterschied z.B. zwischen einer Beziehung einer 30- mit einem 60-Jährigen zu jener einer 16- mit einem 40-Jährigen? Rechtlich gibt es keinen.
Claudia Rupp:
Eine Jugendliche in diesem Alter hat weder die Beziehungs- noch Lebenserfahrungen, um in eine wirklich gleichberechtigte Beziehung mit einem wesentlich älteren Erwachsenen einzutreten. Die Jugend ist eine Phase der Persönlichkeitsentwicklung, in der man sich immer wieder mit Gleichaltrigen vergleicht, mit ihnen Erfahrungen sammelt - in freundschaftlichen und sexuellen Beziehungen. Das fällt aber bei einer Beziehung zu einem 40-Jährigen alles weg. Beim Altersunterschied 30/60 lassen sich zwei Erwachsene bewusst darauf ein - und können die Konsequenzen besser abschätzen.

Viele 16-Jährige haben bereits Beziehungserfahrungen mit Gleichaltrigen, was spricht dann gegen einen älteren Partner?
Da sollte man unterscheiden zwischen ersten sexuellen Erfahrungen zwischen zwei Jugendlichen, die beide etwas Neues ausprobieren, und echter Beziehungserfahrung. Ich habe unter meinen KlientInnen Erwachsene, die als Jugendliche in derartigen Beziehungen waren. Sie sagen durchgehend: ,Eigentlich war ich permanent überfordert -
emotional, intellektuell und auch sexuell.' Diese Überforderung ist das Hauptproblem: Ein 40-Jähriger hat etwa schon viele Spielarten der Sexualität erlebt. Das ist eine ganz andere Ebene. Eine 16-Jährige geht mit ihren Freundinnen in die Pizzeria, fährt wie alle anderen mit dem Rad oder Moped. Wenn Sie plötzlich mit dem Nobelauto ins Restaurant kutschiert wird, so ist das eine ganz andere Lebenserfahrung. Wenn ich noch nie in meinem Leben gelaufen bin, kann ich nicht plötzlich bei einem Marathon an den Start gehen - weil meine Voraussetzungen ganz andere als die des Marathonläufers sind. Sie sollten aber ähnlich sein, wenn eine partnerschaftliche Beziehung das Ziel ist.

Aber erlebt der Jugendliche durch diese neue Welt nicht auch eine Aufwertung - etwa unter den Gleichaltrigen?
Vielleicht kurzfristig, aber nicht auf Dauer. Eine Beziehung auf gleicher Augenhöhe ist nicht möglich, letztlich bleiben die Jugendlichen immer in einer emotionalen, sozialen und intellektuellen Abhängigkeit. Der 40-Jährige wird nicht mit den 16-jährigen Freundinnen seiner Partnerin in die Disco gehen. Zumindest nicht so selbstverständlich wie ein gleichaltriger Freund. Und irgendwann werden die anderen 16-Jährigen auch sinngemäß sagen: "Was will der Alte bei uns?" Der 40-Jährige wird im Freundeskreis auf Skepsis stoßen. Die Integration in die so wichtige Gruppe der Gleichaltrigen wird schwierig.

Und wenn die beiden nur eine geheime Beziehung führen möchten?
Das ist einerseits ein Kick, macht es aber für den Jugendlichen noch schwieriger, weil er mit niemandem darüber reden kann. Beziehung definiert sich ja nicht nur über die Zweisamkeit, sondern muss sich auch im Freundeskreis erproben. Das fällt dann zur Gänze weg.

Kann die Sehnsucht nach einer Vaterfigur dazu führen, dass eine 16-Jährige eine solche Beziehung eingeht?
Durchaus. In jeder Partnerwahl schwingt ein Stück mit, dass man auch etwas Väterliches oder Mütterliches sucht, ganz besonders aber dann, wenn der Altersunterschied so groß ist. Eine reife, erwachsene Liebesbeziehung hat aber ganz viele wesentliche andere Komponenten. Aus meiner Sicht nutzt in so einer Beziehung der Erwachsene die noch nicht abgeschlossene Persönlichkeitsentwicklung und noch nicht vollständige Reife des Jugendlichen aus.

Wie sollen Eltern in solchen Fällen reagieren?
Auf keinen Fall das Gefühl ihres Kindes missachten und sagen ,Das kann keine Liebe sein.' Niemand kann sich anmaßen, zu beurteilen, ob es Liebe oder etwa nur Schwärmerei ist. Aber Eltern sollen klar ihre Meinung sagen und offen für Gespräche bleiben. Im besten Fall bleibt eine solche Erfahrung auch nur eine unter vielen und dauert nicht sehr lange. Dann sind auch keine allzu negativen Auswirkungen zu befürchten.

Info: Wirbel in Deutschland um Boetticher

Die Affäre
Mehrere Monate dauerte 2010 die frühere Beziehung des Chefs der CDU in Schleswig-Holstein, Christian von Boetticher (40), mit einer 16-Jährigen. Er hätte CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl im Mai 2012 werden sollen. Nach Bekanntwerden der Beziehung ist Boetticher Montagabend wegen des starken medialen Drucks zurückgetreten. "Ich habe zu diesem Zeitpunkt keinerlei Beziehung zu einer anderen Frau gepflegt, sodass man nicht von einer Affäre sprechen kann", erklärte er: "Es war schlichtweg Liebe."

Die Kritik
In zahlreichen deutschen Medien wird die Rolle Boettichers kritisch gesehen. Wolfgang R. Hantel Quitmann, Professor für Klinische- und Familienpsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg sagt in der Süddeutschen Zeitung: "Die Struktur solcher Beziehungen ist nach meiner Erfahrung so gut wie immer narzisstisch. "Das heißt, es geht um das Bewundern und das Bewundertwerden."

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011