Evolutionstheorie: Darwins Erbe im Umbau

Charles Darwin © Bild: Science Photo Library / picturedesk.com

Biologen fordern, das Konzept der Evolutionstheorie an neue Erkenntnisse und Forschungsgebiete anzupassen. Ein Streit unter Experten.

Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie? Diese Frage stellte sich zuletzt eine Reihe von Wissenschaftlern bei einem Treffen der Royal Society in London. Darunter auch Gerd Müller, theoretischer Biologe an der Uni Wien und Präsident des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung. Er wäre verblüfft, wenn sich Darwins Theorie nicht ändern würde.

Aber alles der Reihe nach. Vor zirka 70 Jahren setzten sich Zoologen, Botaniker, Paläontologen mit Mathematikern und Genetikern an einen Tisch. Sie brachten Daten und Modelle aus zuvor meist eigenständig vor sich hin wurstelnden Fachgebieten unter einen Hut. Dieser gemeinsame Hut, die Moderne Synthese, war die Fortsetzung von Darwins große Idee, dem Konzept der graduellen Evolution durch erbliche Variation und natürliche Selektion. Der damals erzielte fächerübergreifende Konsens wurde die Grundlage für die weitere Forschung im evolutionsbiologischen Mainstream.

Kein Naturgesetz

Seither hat sich viel verändert. Neue Fachgebiete und Forschungszweige wie Genomik und Epigenetik sind entstanden. Deren Vertreter saßen vor 70 Jahren noch nicht mit am Tisch. Für Gerd Müller ist es „völlig normal“, dass sich eine Theorie erweitert. Immerhin ist die Evolutionstheorie kein ewig geltendes Naturgesetz, sondern „eine komplexe Idee, die aus vielen Komponenten entsteht, die sich im Lichte neuer Erkenntnisse verändern können.“ Laut Müller ist es dafür höchste Zeit. „Die Voraussetzungen und experimentiellen Befunde der Evolutionsbiologie haben sich weiterentwickelt: Die DNA wurde entdeckt, die molekulare Charakterisierung von Genen, sowie die Entwicklungs- und Systembiologie kamen dazu, wie auch neue Erkenntnisse zur Vererbung und Nischenkonstruktion.“

Befürworter einer neuen, erweiterten Theorie werfen traditionelleren Evolutionsbiologen vor, zu sehr in den Methoden und Konzepten von damals stecken geblieben zu sein. Im Kern geht es um die Populationsgenetik. „Evolution ist die Änderung von Genfrequenzen in Populationen“ lautet ein Mantra der Verfechter der traditionellen Theorie. Kritiker sagen: Die Verengung der Evolutionstheorie auf „Gene in Populationen“ wird den Erkenntnissen der neuen Forschungsgebiete nicht gerecht.
Die Debatte ist nicht neu. Bereits vor acht Jahren diskutierten Revolutionäre über neue Ansätze. Seither befassen sich Forscher mit einem weiter gefassten Rahmenwerk, genannt „Erweiterte Synthese der Evolutionstheorie“ (extended evolutionary synthesis). Darin wollen sie „Evolutions-Driver“ einarbeiten, die nicht nur auf Genvariationen zurückzuführen sind. Denn Lebewesen entwickeln sich nicht so, dass sie in eine vorgefertigte Umgebung passen. Vielmehr tun sie es zusammen mit ihrer Umgebung, in einem Prozess, der auch die Struktur ganzer Ökosysteme beeinflusst.

Biologe Gerd Müller ist jedenfalls überzeugt, dass die neuen Ansätze künftig mehr Gewicht haben werden. Egal, ob man dafür oder dagegen ist – „wird dies automatisch passieren“. Und die Tagung in London war sicher nicht die Letzte zu diesem Thema.

Baum des Lebens

Schon vor Darwin zogen Gelehrte die Schöpfungsgeschichte in Zweifel. Er aber war es, der mit dem „Baum des Lebens“ ein schlüssige Theorie über die Mechanismen der Evolution lieferte:
– Organismen bringen meist mehr Nachkommen hervor, als nötig sind, um die Population konstant zu halten. Es muss also Selektion stattfinden (natürliche Auslese).
– Jenes Individuum, das am besten an die jeweilige Umwelt angepasst ist, hat die besten Chancen zu überleben und sich fortzupflanzen. Durch dieses „Survival of the Fittest“ bilden sich über Generationen neue Merkmale aus.
– Darauf gründet auch das Prinzip der Divergenz: Sind Populationen nur lange genug getrennt, durch Berge oder Wasser, kommt es zur Aufspaltung in neue Arten.
– Gleichzeitig erklärt der Baum des Lebens, warum alle Wesen miteinander verwandt sind. Eine lange Reihe von Generationen, überliefert durch Fossilien, verknüpft über Jahrmillionen vergangene Welten mit unserer – so die Theorie der gemeinsamen Abstammung.

( kurier.at ) Erstellt am 29.11.2016