Wissen und Gesundheit
22.09.2017

Erste Gentherapie am Auge vor der Zulassung

Einsatz für seltene, genetisch bedingte Sehstörungen. Zulassung der ersten Therapie in den USA bereits beantragt, weitere werden folgen.

In den USA ist kürzlich erstmals eine Gentherapie gegen eine bestimmte Leukämieform zugelassen worden. Jetzt rechnen Augenexperten mit einem baldigen Start der ersten Gentherapie auch am Auge, erklärten Augenfachärzte beim Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) in Berlin.

Anfällig für Erbkrankheiten

Der komplexe Lichtsensor der menschlichen „Augenkamera“ namens Retina oder Netzhaut ist anfällig für Erbkrankheiten. „Mehr als 250 verschiedene genetische Sehstörungen sind bekannt, die meisten davon glücklicherweise selten“, erläutert DOG-Präsident Professor Thomas Kohnen. Ein Beispiel sind Mutationen in einem speziellen Gen (RPE65). Dieses enthält die Information für ein Enzym, das zur Reaktivierung des Sehpigments benötigt wird – ein Ausfall des Enzyms führt zu einer allmählichen Zerstörung der Sinneszellen in der Netzhaut.

An 137 Patienten erprobt

Hier ist in den vergangenen Jahren eine Gentherapie an 137 Patienten erprobt worden. Dabei werden intakte Versionen des RPE65-Gens in Virenhüllen verpackt und über eine Kanüle unter die Netzhaut injiziert. „Die Virenhüllen dienen als Genfähren“, erläutert Birgit Lorenz, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Gießen. Nach der Infektion werden die intakten Versionen des Gens im Zellinneren abgeladen. Dort stehen sie dann zur Produktion des fehlenden Enzyms zur Verfügung.

Vielversprechende Ergebnisse

Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. „Die Behandlung hat sich in allen publizierten Studien als sicher erwiesen“, berichtet die DOG-Expertin, operationsbedingte Komplikationen seien sehr selten aufgetreten. Eine einmalige Injektion reicht vermutlich aus, um die Proteinfunktion lebenslang wiederherzustellen.

Die Therapie kann bereits abgestorbene Sinneszellen nicht wiederbeleben. Sie kann jedoch das weitere Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. „In den Studien kam es vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen zu einer Verbesserung des Sehens“, erklärt Lorenz. Die Sehschärfe insgesamt konnte zwar nicht sicher verbessert werden. Bei einigen Patienten komme es jedoch zu einer Vergrößerung des Gesichtsfeldes. In den USA hat der Hersteller bereits die Zulassung bei der dortigen Behörde FDA beantragt. „Parallel dazu wird der Antrag bei der Europäische Arzneimittel-Agentur EMA vorbereitet“, so Lorenz. Damit steht die Entwicklung von Gentherapien für angeborene Augenkrankheiten, die vor zehn Jahren begonnen wurde und mittlerweile auch in Deutschland vorangetrieben wird, vor einem ersten Erfolg.

Die Makula erhalten

Eine weitere Gentherapie wird derzeit bei der Chorioideremie erprobt. Ursache sind Mutationen im CHM-Gen auf dem X-Chromosom. Die betroffenen Patienten, alle männlich, leiden an einer angeborenen Nachtblindheit und einer Gesichtsfeldeinschränkung, die von außen nach innen fortschreitet. „Die Gentherapie zielt darauf ab, die Makula zu erhalten“, erklärt Lorenz. Die Makula ist im Zentrum der Netzhaut der Ort des schärfsten Sehens. Ohne sie können Patienten keine Details erkennen und nicht lesen. Bisher wurden 44 Patienten jeweils an einem Auge behandelt, darunter sechs in Tübingen. „Die ersten Langzeitergebnisse sind günstig“, fügt die Gießener Ophthalmologin hinzu. Nach dreieinhalb Jahren hat sich bei zwei von sechs in Oxford behandelten Patienten das Sehvermögen verbessert, während die Erkrankung im unbehandelten Auge weiter fortschritt.

Therapie gegen Farbenblindheit

Darüber hinaus blicken Experten mit Spannung auf den Verlauf einer Gentherapie zur Farbenblindheit. Seit 2015 werden in Tübingen, München und New York Patienten behandelt, bei denen es aufgrund von Mutationen im Gen CNGA3 zum Ausfall der Zapfen kommt, die in der Netzhaut für das Farbensehen zuständig sind. Die Folge ist Achromatopsie, eine extreme Farbenblindheit. „Da die Stäbchen für das Schwarzweißsehen im Hellen nicht funktionieren, sind die Patienten bei Tag quasi blind, wenn sie nicht die Augen zukneifen, um möglichst wenig Licht in die Augen fallen zu lassen“, beschreibt Lorenz das Krankheitsbild. Auch hier könnte eine Gentherapie helfen, die Zapfen wieder funktionstüchtig zu machen. Die ersten Ergebnisse der Studie, die in Deutschland initiiert wurde, werden für das Frühjahr 2018 erwartet.