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Ergotherapie
06/18/2013

Schlaganfall: Nicht alle erhalten Reha-Kassenleistung

Schlaganfälle nehmen zu – aber es gibt zu wenige Ergotherapeuten mit Kassenvertrag. Dies führt zu einer Zwei-Klassen-Medizin, warnen Experten.

von Ingrid Teufl

Zwei Schlaganfallpatienten mit ähnlichem Krankheitsbild sind bei der Gebietskrankenkasse versichert. Beiden hat der Kassen-Chefarzt Ergotherapie bewilligt, um die motorischen und kognitiven Ausfälle des Gehirnschlags zu kompensieren. Leider sind sie Steirer.

Denn dass sie tatsächlich beide diese Therapie als Kassenleistung erhalten, ist in der Steiermark nicht selbstverständlich, sagt Marion Hackl, Präsidentin des Berufsverbands der Ergotherapeuten (Ergotherapie Austria). Mancherorts, wie etwa in der Steiermark oder Wien, stellt die Kasse nur eine bestimmte Stundenanzahl zur Verfügung. Die bisher vom Land Steiermark angebotenen 9000 bis 10.000 Stunden entsprächen lediglich fünf Vollzeittherapeuten, so der Ergotherapeuten-Verband. In der Steiermark wäre damit lediglich ein Fünftel der Patienten versorgt. Mit einer zusätzlichen unangenehmen Konsequenz, wie das ORF-Magazin Hohes Haus jetzt aufgezeigt hat: „Wir Therapeuten müssen entscheiden, welcher Patient ärmer dran ist und die Kassenleistung erhält – und welcher nicht.“ Hackl spricht von einer Zwei-Klassen-Medizin. „Wer es sich leisten kann, zahlt einen Selbstbehalt.“

Anders als diese sogenannten „Pool-Lösungen“ setzt etwa Oberösterreich auf normale Verträge mit 48 Ergotherapeuten. Auch in Niederösterreich, wo derzeit verhandelt wird, sind 30 bis 40 Planstellen vorgesehen. Irmgard Himmelbauer, im Verband für die selbstständigen Ergotherapeuten zuständig: „Solche Pool-Lösungen funktionieren nur, wenn dafür ausreichend Stunden veranschlagt werden. Das ist aber in mehreren Bundesländern nicht der Fall.“

Lange Wartezeiten

Und deshalb gibt es nicht nur für Schlaganfall-Patienten oft lange Wartezeiten: „Als Kindertherapeutin in Wien habe ich eineinhalb Jahre lang keinen Kassenplatz zur Verfügung.“

Gerade nach Schlaganfällen ist es mit ein, zwei Stunden Einzeltherapie nicht getan. Bis zu 30 Einheiten, manchmal sogar jahrelange Betreuung, sind nicht selten. „Wenn es um längerfristige Therapien geht, den Alltag wieder zu bewältigen, wird gespart“, ärgert sich Himmelbauer. „Aber jeder Blutdrucksenker wird anstandslos 20 Jahre verschrieben.“

Die Notwendigkeit von Schlaganfall-Reha im niedergelassenen Bereich betont auch Prim. Andreas Winkler, Leiter der Reha-Klinik Bad Pirawarth, NÖ. Jährlich werden dort rund 1500 Schlaganfallpatienten betreut. „Der Großteil davon braucht Ergotherapie. Wenn es keine Kassenplätze gibt, erhalten die Patienten nicht, was sie brauchen. Wichtig wären Gesamtlösungen, alles andere bedeutet eine zusätzliche Belastung der Patienten.“

Aus dem Gesundheitsministerium heißt es dazu: „Durch die Gesundheitsreform müssen erstmals Bund, Länder und Sozialversicherungen die Versorgung gemeinsam gestalten. Dabei geht es ganz zentral darum, Behandlungsprozesse von einzelnen Patienten zu optimieren.“ Das Thema Schlaganfall sei hierfür ein gutes Beispiel. „Die rasche und hochqualitative Versorgung im Krankenhaus, die anschließende Rehabilitation und die Nachversorgung beim niedergelassenen Arzt müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein.“

Bei der steirischen Gebietskrankenkasse weist man die Kritik der Ergotherapeuten zurück. Es gäbe ausreichend Betreuungseinrichtungen. „Aber wir sind für weitere Gespräche offen.“

Hilfe für ein selbstbestimmtes Leben

Ergotherapie Behandelt werden physische, psychische und soziale Beeinträchtigungen als Folge von Krankheiten, Unfällen oder Entwicklungsstörungen. Jährlich kommt es in Österreich zu 25.000 Schlaganfällen, 60.000 Menschen leiden an Spätfolgen.

Einsatzgebiete Ergotherapeuten helfen in vielen Bereichen, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Einsatzgebiete finden sich in Neurologie und Psychiatrie ebenso wie in Kinderheilkunde (Pädiatrie) und Altersmedizin (Geriatrie): www.ergotherapie.at

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