Wissen
28.09.2017

Klimawandel bringt Umweltsünden in Grönland ans Licht

Eine im Kalten Krieg gebaute US-Militär-Basis beschäftigt ein Forscherteam, darunter österreichische Experten: Die geheimen Kriegsrelikte gelten als Umweltrisiko.

Seit vergangenes Jahr in einem Wissenschaftsmagazin eine Forschungsarbeit erschien, hat man in Grönland Angst. Angst, dass der Dreck des Kalten Krieges durch den Klimawandel an die Oberfläche kommen könnte. Denn tief unterm ewigen Eis baute das US-Militär einst ein Versteck für Atomraketen. Inzwischen gilt die längst verlassene Basis als Umweltrisiko, weil das Eis nicht so ewig ist, wie gedacht. Jetzt haben sich Wissenschaftler vor Ort umgesehen, darunter zwei Österreicher.

Iceworm

Rückblick ins Jahr 1959, auf das größenwahnsinnige US-Projekt „Iceworm“: Ingenieure der Armee bauen im Niemandsland der Eiswüste, etwa 150 Kilometer vom Flugstützpunkt Thule entfernt, einen militärischen Stützpunkt. Camp Century besteht aus 21 Tunnel, der größte 335 Meter lang, acht Meter breit, 8,5 Meter hoch - und acht Meter im Eis. Es gab Küche und Kantine, ein Theater und eine Kapelle, einen Friseur, Labors und nukleare Energieversorgung. 200 Soldaten sollten hier leben.

Von dort wollten die USA im Ernstfall - so der Plan - Raketen gegen den kommunistischen Feind abschießen. Doch soweit kam es nicht: Die Militärs hatten die Kraft der Natur unterschätzt, Soldaten waren nächtelang damit beschäftigt, Eis in den Räumen wegzufräsen, weil der Gletscher derart stark drückte. Das Projekt wurde auf Eis gelegt und 1967 aufgegeben. Brisant an der Geschichte ist die Liste der Altlasten, die in der Tiefe zurück blieben: Schätzungsweise 9200 Tonnen Baumaterial, 200.000 Liter Diesel und polychlorierte Benzole (PCB), 24 Millionen Liter Abwasser und leicht radioaktives Kühlwasser des Kernreaktors. „PCB ist vermutlich das größte Problem“, sagt der Glaziologe der Universität Zürich Horst Machguth, der 2016 die Studie veröffentlichte. Taut das Eis, so besteht ein Risiko, dass belastetes Schmelzwasser zur bewohnten Küste abfließt und für verschiedene Ökosysteme gefährlich werden kann.

Abgesunken

Heute liegt Iceworm laut den Klimaforschern vermutlich in einer Tiefe von 36 Metern, der flüssige Abfall sank mit dem Schmelzwasser sogar auf ein Niveau von 67 Metern unter die Eisoberfläche. Der Grund: Einerseits fließt das Eis – anderseits hat sich über die Jahre Schnee abgelagert. Genau weiß es aber keiner. Und hier kommt das neues Forschungsprojekt der dänischen Regierung ins Spiel: Sie hat Forscher, darunter die beiden österreichischen Gletscherexperten Jakob Abermann und Daniel Binder, beauftragt, „sich die Sache nochmals näher anzuschauen“, erzählt Binder im Interview mit dem KURIER. Ab 2100 bestehe Gefahr, dass die Station beschleunigt ausschmelze, habe die Studie ergeben. „Die Unsicherheiten sind noch relativ groß, weil wir einfach kaum Daten haben.“

Darum schnallte sich Binder trotz Sturm und extremen Wetterbedingungen in diesem Sommer die Touren-Schier an (Bild oben) und das Bodenradar-Messgerät um – los ging es über das grönländische Eis. „Bei den Messungen konnten wir in 30 bis 40 Meter Tiefe Reflexionen erkennen, die auf eine massive Infrastruktur hindeuten“, erzählt der Gletscherforscher der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Erstmals haben die Forscher einen Überblick bekommen, wie und wo die Station heute im Eis liegt.Permanente Messstationen sollen in Zukunft Temperatur, Wind, eingehende und ausgehende Strahlung, Fließgeschwindigkeit und Massenbilanz des Eises liefern. Die Daten werden täglich mittels Satellitenverbindung nach Kopenhagen übermittelt.

Weiters wurden Bohrkerne im Bereich der Camp Century gezogen. Binder: „Aus Bohrlöchern kam komischer unnatürlicher Geruch“. Die Bohrkerne wurden jedenfalls nach Kopenhagen überstellt und werden dort auf Radionukleide untersucht (Bild unten).

Wenn die Auswertung vorliegt, könne man entscheiden, was mit Iceworm passiert – und mit den anderen Altlasten in Grönland. Camp Century ist nämlich kein Einzelfall, aber der spektakulärste. Das dänische Umweltamt hat bereits vor mehr als zehn Jahren 30 Einrichtungen des US-Militärs kartiert, in denen Abfall liegt, der vermutlich die Umwelt belasten wird – wenn der Klimawandel fortschreitet.