Wissen und Gesundheit
06.11.2017

Leitfaden: Wie Kinder ihre Motorik entwickeln

Mit welchen Entwicklungsschritten ein Kind zum Kreativkünstler wird und was das Talent ausmacht.

Erst acht Jahre alt war "Mini-Monet" Kieron Williamson, als seine Bilder in einer Ausstellung um insgesamt 180.000 Euro verkauft wurden. Im Alter von sechs Jahren hatte das Ausnahmetalent seine Eltern im Urlaub mit einem perfekt gezeichneten Bild der Boote im Hafen überrascht, erzählte seine Mutter Michelle Williamson. "Wir haben mit Malerei wenig zu tun, daher ist es für uns schwierig zu wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Wir wissen nicht, wo das herkommt. Aber er ist hartnäckig und das ist es, was er tun will", erzählt die Ernährungsberaterin. Inzwischen ist der blonde Brite 14 Jahre alt und hat mit seinen Bildern – meist Landschaften – mehr als zwei Millionen Euro verdient.

Viele Faktoren

Doch was braucht es für so ein Talent? Viele Faktoren, erklärt Bewegungsexpertin Veronika Pinter-Theiss: "In uns allen sind die motorischen Fähigkeiten angelegt. Aber zum künstlerischen Arbeiten gehört noch die kognitive Leistung, einen kreativen Plan in eine ’Hand’lung umzusetzen. Und neben der Motivation, ein Projekt anzufangen, ist auch die Volition notwendig – das Durchhaltevermögen, bis das Werk vollendet ist."

Entwicklungsschritte

Bei der Entwicklung der kindlichen Motorik unterscheidet man zwei unterschiedliche Aspekte von Bewegungen: die Grobmotorik von Kopf, Schulter, Armen und Beinen. Und die Feinmotorik, zu der Tätigkeiten der Hände wie Zeichnen, Fädeln, Nähen oder Klavierspielen zählen. Was sind wichtige Meilensteine in der motorischen Entwicklung? Etwa Essen mit einem Löffel (ab elf Monaten) und beidhändiges Arbeiten wie Auffädeln von Kugeln (18 bis 24 Monate). Ab drei Jahren erleben Kinder Erfolgserlebnisse, wenn sie es schaffen, einen geschlossenen Kreis zu malen. Bis Schulbeginn sollten Kinder den Stift richtig halten und Muster zeichnen können. Auch die schwungvolle 8 – eine große Leistung von Hirn und Hand.

Gravierende Mängel

Doch es zeigen sich zunehmend gravierende Mängel in der Motorik, warnt die deutsche Bildungsforscherin Stephanie Müller: Viele Kinder könnten nicht rückwärts laufen, auf einem Bein stehen oder Schuhe mit einer Masche zubinden. Etwa 70 Prozent der Schulanfänger könnten das "Kritzel-Alphabet" nicht bewältigen: zeichnerische Elemente wie Schleifen, Schlangen- und Zickzacklinien als Vorstufen für die geschriebene Schrift, mit Buchstaben. Einem großen Teil der Volksschüler fällt das Lernen der Schreibschrift daher schwer, erklärt die gelernte Volksschullehrerin.

Zu wenig Gelegenheit

Für die fehlende Fingerfertigkeit macht sie die elektronischen Medien mitverantwortlich und warnt vor einem zu frühen Einsatz von Smartphones und Tablets als Spielzeug. Ein dreidimensionales Puzzlespiel am Boden fordert ein Kind ganz anders als eines am Bildschirm. "Dafür braucht man nur den Zeigefinger und die Daumen zum Tippen oder das Handgelenk, wenn man über das Tablet wischt."

Pinter-Theiss beobachtet noch einen anderen Grund: "Fingerfertigkeit bildet sich mit dem häufigen Tun und Werken aus. Aber wenn Erwachsene ihre Kinder immer warnen, dass sie in der Sandkiste schmutzig werden könnten, will niemand mehr etwas angreifen. Die Generation Feuchttuch ist gewöhnt, sich dauernd die Hände abzuwischen statt alles anzugreifen."

Ausprobieren

Im Atelier des Wiener Zoom-Kindermuseums wird daher dem Arbeitsprozess viel Raum gegeben, erklärt Bereichsleiterin Franziska Abgottspon: "Früher habe ich den Fokus mehr auf die Kreativität gelegt. Aber mit den Jahren habe ich erkannt, dass unsere Besucher die Gelegenheiten zum Ausprobieren brauchen. Wir beobachten im Team, dass die Kinder wichtige Fähigkeiten erst später ausbilden. Wenn also ein Kind zehn Minuten lang mit der Schere Strohhalme zerschneidet, dann fragen wir nicht mehr, was es daraus machen will. Sondern wir sehen das als Prozess, den das Kind braucht." In 20 Jahren Zoom hat sich der Zugang der Kunstakademie-Absolventin verändert: "Ich möchte nie, dass alle den gleichen Marienkäfer basteln müssen. Aber früher hätte ich es als zu wenig kreativ empfunden, wenn Kinder Bilder ausmalen. Jetzt sehe ich, dass sie das für ihre Feinmotorik brauchen." Wichtig sei, den Kindern Materialien und Werkzeuge zu erklären, so wie derzeit in der Zoom-Plastilinwerkstatt: "Dann kann ein Kind selbst entdecken, dass es auch mit einem Stift ein Muster hineinritzen kann und nicht nur mit dem Modellierwerkzeug."

Die beste Motorik-Schule ist die Küche. An Mamas oder Papas Seite lernen Kinder hier alles, was für die Feinmotorik nötig ist: Kneten für das Gefühl in den Händen. Bohnen aufheben für den Pinzettengriff zwischen Daumen und Zeigefinger. Gurken Schneiden für die Kontrolle der Handstellung. Umrühren und Schütten für das dreidimensionale Arbeiten.
Da Kinder jedoch weniger Zeit in der Küche als im Kindergarten verbringen, gibt es eine Reihe von pädagogischen Spielen, durch die die Feinmotorik verbessert werden kann:
Fädelschmetterlinge: Mit einer großen Plastiknadel fädeln die Kinder als Umrahmung der Flügel einen Faden durch ein Lochmuster. Den Faden einzufädeln und das Loch von der richtigen Seite durchzustoßen ist die Vorstufe des späteren Handarbeitens.
Angelspiele: Wer es schaffen will, mit einem baumelnden Magnet einen Fisch zu fangen, muss seine Hand zielgerichtet bewegen.
Plastilin: So wie beim Teig spüren Kinder hier auch, wie fest sie drücken müssen, um einen Effekt zu erzielen. Ergotherapeuten raten, dass Kinder mit einem Stift ein Muster in die Knete zeichnen sollen ohne zu fest zuzudrücken.
Vorschulübungen: Unzählige Blöcke und Bücher mit Aufgaben bereiten Kinder mit Spaß auf die Schule vor. Schwungübungen, Muster fortsetzen, Ausmalen, Bilder fertigzeichnen – das alles bereitet sie auf das Schreiben vor.