Wissen und Gesundheit
21.09.2017

"Eltern sind zunehmend überfordert"

An der Wiener Rudolfstiftung bekommen Mütter und Väter Unterstützung, wenn alles zu viel wird.

"Tod durch Schütteln", "Baby verletzt": Oft braucht es solche Schlagzeilen, dass über Unterstützung für Eltern und Prävention diskutiert wird. Denn ein emotionales Auf und Ab mit ihrem Kleinkind erleben viele Mütter und Väter Tag für Tag. Manche Eltern führt das an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – und darüber hinweg.

Laut Österreichischer Kinderliga sind nach wie vor mehr als 50 Prozent der Kinder trotz gesetzlichem Verbot körperlicher Gewalt ausgesetzt. Hier setzen unter anderem die Frühen Hilfen an, ein Maßnahmenpaket, das darauf abzielt, Belastungen von Familien und Kindern frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Angst und Unsicherheit

Mit Überforderung ist die Kinderkrankenschwester Franziska Rumpf, Leiterin der Beratungsstelle für Eltern von Säuglingen und Kleinkindern an der Wiener Rudolfstiftung (Bild unten), fast täglich konfrontiert.

Dem KURIER erzählte sie aus ihrem Alltag und von ihren Erfahrungen: "Eltern sind zunehmend überfordert, das hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt", sagt sie. Vor allem die Angst, etwas falsch zu machen, habe zugenommen: "Da geht es meist um banale Dinge, wie Bauchschmerzen, Blähungen, Schreien."

Wenn Eltern in ihre Sprechstunde kommen, und von einem Baby erzählen, das stundenlang schreit, läuten bei ihr die Alarmglocken: "Das ist ein Thema, das sehr häufig enormen Druck erzeugt. Wir sind zwar keine Schreiambulanz, versuchen aber hier dennoch präventiv zu wirken." Ein Mix aus Aggression und Überreizung bei den Frauen sei für sie ein wichtiges Signal. Fragt sie dann nach, stellt sich meist heraus, dass die Betroffenen bereits an ihre Grenzen gekommen sind. Die wichtigste Botschaft an sie: Dass sich die Mütter (und es sind vor allem Frauen, die die Beratung aufsuchen), nicht schämen müssen, um Hilfe zu bitten.

Hilflose Väter

Auch Väter wenden sich vermehrt an die Beratungsstelle, das oft aus anderen Gründen, so Rumpf: "Sie fühlen sich hilflos, wissen nicht, wie sie unterstützen können, empfinden sich als nicht mehr wahrgenommen, weil sie nach der Geburt des Kindes einen anderen Platz im Familiensystem einnehmen". Ihnen beizubringen, wie man ein Baby massiert oder zur Ruhe bringt, hilft schon weiter. So lernen Papas mit dem schreienden Kind am Arm "Achter" zu gehen: "Weil das eine beruhigende, sich wiederholende Bewegung ist, die auf das vegetative Nervensystem wirkt". Meist aber gehe es nur darum, zu lernen, das Schreien auszuhalten.

Laut Rumpf habe sich im Lauf der Zeit viel verändert: "Oft fehlt es an Unterstützung im Rahmen eines größeren Familienverbands. Die Kleinfamilie ist auf sich selbst zurückgeworfen". Dazu kommt der Vergleich mit anderen Eltern, die angeblich alles besser machen: "Es entsteht der Eindruck, dass andere keine brüllenden Kinder haben und keine, die immer am Wochenende oder im Urlaub krank werden. Da entwickelt man bald das Gefühl, völlig alleine mit seinen Problemen zu sein – und schämt sich."

Perfektionismus sei ebenfalls Thema, eine Rolle spielen außerdem unerfüllte Erwartungen, weil nicht alles so gekommen ist, wie man sich das vor der Geburt zusammenfantasiert hat.

Mütter dürfen weinen

Wenn Franziska Rumpf etwa fragt, was einer Mutter gerade den größten Druck mache, fangen viele Frauen zu weinen an: "Beinahe jede Mutter weint, weil sie endlich einmal die Möglichkeit hat, Druck abzulassen". Das sei wichtig, denn: "Wo darf man heutzutage noch schwach sein?" Schlafentzug spielt ebenso eine große Rolle. Wer Tag und Nacht nicht schlafen, nicht ordentlich essen kann, kommt automatisch in die Erschöpfung". Das zuzugeben, sei ein wichtiger Schritt, aber: "Viele genieren sich, um Hilfe zu bitten. Ein, zwei Gespräche, ohne Bewertung, können da viel verändern." Das macht auch den Beraterinnen Mut: "Es ist ein schönes Gefühl, Eltern mit ihrem Nachwuchs beim Start in das Leben zu begleiten", sagt Sabine Caboun, die ebenfalls in der Säuglingsberatung arbeitet.

Wie wichtig es ist, Eltern ihre Angst zu nehmen, betont Karl Heinz Brisch, Autor des Buches "SAFE® - Sichere Ausbildung für Eltern", und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ängste und Sorgen würden die Bindung zum Kind blockieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Angst hatten, häufiger an Fütter-, Schrei- und Schlafstörungen leiden und noch später zu Verhaltensauffälligkeiten neigen. Alles, was Eltern die Unsicherheit nimmt, fördert das so wichtige "Bonding".

Tabellen & To-do-Listen

Wie hinderlich diese Unsicherheit und damit verbundene "Kontrolle" sein kann, erlebt auch Franziska Rumpf: "Wir sehen zunehmend Spätgebärende, die gebildet und reflektiert sind, und tausend Fragen haben. Aber auch viele Befürchtungen." Solche Eltern kämen mit Tabellen und To-Do-Listen, sie wollen für jede Frage eine klare Lösung. Was sie verlernt oder nie entwickelt haben: Intuition, ein Grundvertrauen. "Mir hat eine Mutter gesagt, sie hätte gegoogelt, wie ein Baby aussieht, wenn es gesund ist." In solchen Fällen rät die Kinderschwester dringend: "Weg mit dem Smartphone, und mehr Bauchgefühl entwickeln".

INFO:

fruehehilfen.at

Den neuen Baby-Ratgeber 2017 des Wiener Krankenanstaltenverbunds gibt es hier: www.wienkav.at,