Wissen
01.12.2017

"Frauen sollen über den Brustkrebs sprechen"

Elizabeth Hurley (52) über ihre Mission, die Krankheit aus der Tabuzone zu holen.

Vor 25 Jahren starb Elizabeth Hurleys geliebte Großmutter an Brustkrebs. Im selben Jahr startete Evelyn Lauder eine Kampagne, um das Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen. Zwei Jahre später wurde die Schauspielerin ("Liz" wird sie nicht mehr so gerne genannt) zur internationalen Botschafterin von Pink Ribbon ernannt.

Für ihr Engagement wurde die Mutter eines 15-jährigen Sohnes am Mittwochabend bei der Women-of-the-Year-Gala im Wiener Rathaus geehrt. Zuvor traf sie der KURIER zum persönlichen Interview: über Tabus, die keine mehr sind, Bio-Fleisch und den Angelina-Jolie-Effekt.

KURIER: Sie setzen sich seit 20 Jahren für die Enttabuisierung von Brustkrebs ein. Wie hat sich das Bewusstsein über die Jahre verändert?

Elizabeth Hurley: Es hat sich ungeheuer viel getan, es ist eine andere Welt. Als ich begonnen habe, für Estée Lauder zu arbeiten, sagte Evelyn Lauder zu mir: "Überall auf der Welt sterben Frauen an Brustkrebs, aber niemand spricht darüber. Das will ich ändern!" Niemand hat damals über die Krankheit gesprochen, niemand wusste viel darüber. Brustkrebs war nie auf den Titelseiten der Magazine, kein Thema im Fernsehen, es gab keine pinke Schleife. Dass ich heute mit Ihnen hier sitze und über Brustkrebs spreche, wäre vor 25 Jahren nicht möglich gewesen. Wir wissen heute viel mehr über die Krankheit – etwa, dass es verschiedene Brustkrebs-Typen gibt und nicht jede Behandlung bei jeder Frau anschlägt. Wir haben bessere Medikamente, eine höhere Überlebensrate. Vor allem ist Frauen heute bewusst, dass sie eine höhere Überlebenschance haben, wenn der Krebs rechtzeitig erkannt wird. Also gehen sie eher zur Mammografie und tasten sich selbst ab.

1992 starb Ihre Großmutter an Brustkrebs. Welche Rolle spielte ihr Tod bei Ihrer Entscheidung, sich zu engagieren?

Als mir Evelyn von der Kampagne erzählte, kam mir das alles sehr bekannt vor. Sie sagte, die Leute sprechen nicht über Brustkrebs, und ich wusste, dass meine Großmutter auch nie darüber gesprochen hatte. Sie hatte Angst und schämte sich davor, zum Arzt zu gehen oder ihrer Familie davon zu erzählen. Auch als sie endlich eine Diagnose hatte, sprach sie nicht darüber – und wir, ihre Familie, ebenso wenig. Es war wie eine Verschwörung des Schweigens. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich sie viel besser unterstützen können. Ich sehe es als meine Mission, dafür zu sorgen, dass die Menschen keine Mamas oder Omas mehr mit diesen Ängsten oder dieser Scham haben. Sie sollen darüber sprechen, zum Arzt gehen und die bestmögliche Behandlung bekommen.

Stehen Sie in Kontakt mit Brustkrebs-Patientinnen? Was raten Sie diesen Frauen?

Es ist fast unmöglich, niemanden zu kennen, der Brustkrebs hat oder hatte. Ich kenne viele Frauen persönlich, die betroffen sind. Es gibt tolle Selbsthilfegruppen – mit anderen darüber zu sprechen, die in derselben Lage sind, hilft. Für Angehörige gibt es so viele kleine Dinge, die sie tun können, um diese schreckliche Situation ein wenig besser zu machen: Lebensmittel einkaufen, während die Frau bei der Chemotherapie ist, ein paar Stunden die Kinder nehmen, selbstgekochtes Essen oder ein gutes Buch vorbeibringen.

Sie appellieren an Frauen über 40, ein Mal im Jahr zur Mammografie zu gehen. Was tun Sie persönlich, um gesund zu bleiben?

Die jährliche Mammografie ist so wichtig, weil 95 Prozent aller Brustkrebsfälle geheilt werden können, wenn die Krankheit früh genug entdeckt wird. Vor 40 sollten Frauen ihre Brust jeden Monat selbst abtasten und sensibel für Veränderungen sein. Wir wissen, dass der richtige Lebensstil wesentlich dazu beiträgt, gesund zu bleiben: gesundes Essen, viel Bewegung und, ganz wichtig, Entspannung. Ich selbst hatte zehn Jahre einen Bio-Bauernhof. Mein Sohn hat in den ersten zehn Jahren seines Lebens nur Fleisch aus meiner eigenen Haltung gegessen. Das fühlte sich großartig an. Ich liebe es, daheim frisch zu kochen. Bei uns gibt es keine verarbeiteten Lebensmittel. Ich muss aber gestehen, dass ich heute ein Wiener Schnitzel gegessen habe, als ich ins Hotel gekommen bin. Es hat großartig geschmeckt. Und eine Sachertorte muss ich auch noch probieren. (lacht)

Wir alle kennen den Angelina-Jolie-Effekt: Nachdem sie öffentlich über ihre vorsorgliche Brustamputation gesprochen hatte, taten es ihr viele Frauen gleich. Was können Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, bewirken, wenn es um das Thema Gesundheitsvorsorge geht?

Studien haben gezeigt, dass es hilft. Trotzdem ist es eine sehr individuelle Entscheidung, ob man darüber sprechen möchte oder nicht. Ich finde es lobenswert, wenn eine öffentliche Person bereit ist, über sehr private Gesundheitsprobleme zu sprechen. Für Betroffene kann das sehr hilfreich sein: Sie wissen, dass sie nicht alleine sind, sondern Teil einer Gruppe. Sie wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die leiden. Und sie wissen, dass es Menschen gibt, die ihnen helfen.

Auch wenn das Bewusstsein für die Krankheit in den vergangenen Jahren gestiegen ist – was muss noch getan werden?

Wir brauchen mehr Geld für die Forschung, damit wir endlich eine Heilung finden.

25 Jahre Pink Ribbon

1992 kreierte Evelyn Lauder (Schwiegertochter von Kosmetikunternehmerin Estée Lauder) die rosa Schleife und gründete die "Estée Lauder Breast Cancer Research Foundation", eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die Spenden für die Aufklärung und Forschung sammelt.

Fakten

Im Schnitt erkrankt in Österreich jede achte Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Ca. 1 Prozent der Brustkrebs-Patienten sind Männer. Seit 2014 läuft in Österreich das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm, bei dem Frauen zwischen 45 und 69 eine Einladung zur Mammografie erhalten. Infos: pinkribbon.at