App statt Mitteilungsheft: Wollen wir das?

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In Estland kommunizieren Lehrer via Smartphone: Eltern erfahren so Noten, Stundenpläne und Hausübungen.

In Estland ist der Traum vieler Helikopter-Eltern wahr geworden. Über eine App erfahren sie alles über das Schulleben ihres Kindes: Noten, Fehlstunden oder Schularbeitstermine. Johannes Kopf, Chef des österreichischen Arbeitsmarktservice (AMS), der gerade das baltische Land besucht, ist erstaunt. "Ich bin nicht sicher, ob ich das gut oder doch seltsam finde", schreibt er auf Facebook.

Seltsam findet das System, das vor rund 15 Jahren eingeführt wurde, vor Ort niemand. Kristi Klaasmagi, Geschäftsführerin der Initiative Teach for Estland und zweifache Mutter, sagt, warum: "Ich sehe, welche Hausübungen die Kinder haben, ich kann sie direkt über das Handy krankmelden und ihre Noten einsehen. Das finde ich sehr praktisch."

Leselisten

Doch wird so nicht den Kindern die Verantwortung für die Schule abgenommen? "Mein Sohn in der zweiten Klasse muss sich weiterhin aufschreiben, was er zu tun hat, aber ich kann ihn gezielter danach fragen. Mein Sohn in der sechsten Schulstufe hat einen eigenen Zugang zur App, bei der er Aufgaben einsehen kann. Dort sind auch die längerfristigen Projekte aufgelistet und Leselisten für die nächsten drei oder vier Monate", berichtet Klaasmagi.

Schwänzen

Für die Wiener Kinderpsychologin Martina Bienenstein ist diese Form der Kommunikation eine zweischneidige Sache: "Gerade für berufstätige Eltern können diese Tools eine Entlastung sein. Sie führen aber auch dazu, dass Kinder nicht mehr für die Schule selbst verantwortlich sein müssen – die Mutter wird schon darauf achten, was die Hausübung ist." Die völlige Überwachung würde dem Kind auch nicht gut tun, denn zur gesunden Persönlichkeitsentwicklung gehöre, dass Schüler ein bisschen schwindeln – also nicht jede Hausübung erledigen oder einmal zu spät in die Schule kommen. "Es ist eine wichtige Erfahrung zu erleben, welche Konsequenzen ein Fehlverhalten hat."

Es geht also um Selbstverantwortung und Autonomie des jungen Menschen. Das sei eine wichtige Lektion für Eltern, die intensiv damit beschäftigt sind, den Überblick über die Schulorganisation zu bewahren, stellt Elli Hartl, Mutter eines elfjährigen Sohnes, fest: "Manchmal kommt man sich vor, als würde man selbst wieder zur Schule gehen."

Lernplattformen

Einen Trend zur digitalen Kommunikation beobachtet der Leiter der virtuellen Pädagogischen Hochschule, Stefan Schmid: "Wir bekommen viele Anfragen von Lehrern: ,Welche Apps kann ich für den Schulalltag nützen?‘ Es gibt in Österreich einige Anbieter von Schul-Apps wie SchoolFox oder School.Update, aber bei der Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern ist noch viel Ausbaupotenzial. Bei der digitalen Organisation sind wir durchaus weit: Viele Schulen verwenden den elektronischen Stundenplan, in dem Änderungen aktuell kommuniziert werden und man sich für Elternsprechtage oder Sprechstunden anmelden kann. Manche benützen es auch für die Hausübungen. Außerdem sind die zwei großen Lernmanagement-Plattformen Moodle und LMS weit verbreitet." Dort arbeiten Lehrer und Schüler online, laden Arbeitsblätter herunter und Hausübungen hoch.

Facebook-Server

Wichtig sei die Frage, wo die Daten liegen, betont Schmid: "Fast jede Lerngruppe richtet sich eine WhatsApp-Gruppe ein, um zu kommunizieren. Aber da läuft alles über die Facebook-Server. Bei den großen Lernplattformen bleiben die Daten am Server der Schule oder des Ministeriums." Ein neues Start-up wurde kürzlich mit dem "Teacher Award" ausgezeichnet, erzählt er: "Beim eduMessenger wird die Kommunikation so eingerichtet, dass die Daten bei der Lernplattform bleiben, aber er funktioniert so interaktiv wie WhatsApp."

Die papierlose Schule gibt es aber auch bei den digitalen Pionieren nicht, erzählt eine Mutter: "Bei uns werden Hausübungen, Fehlstunden, Schulveranstaltungen längst online kommuniziert. Aber die Beurteilungskriterien am Jahresbeginn muss ich immer noch auf dem Zettel unterschreiben."

Wie funktionieren die Apps? Was bisher ins Mitteilungsheft des Kindes geschrieben wurde, kann nun über Apps wie SchoolUpdate oder SchoolFox kommuniziert werden. Mehr noch: Fotos, Veranstaltungen, Hausübungen, Krankmeldungen und kurzfristige Informationen und Beurteilungen. Ein Vorteil für die Kommunikation: Die Nachrichten können in andere Sprachen übersetzt werden. Die Schule meldet sich zum Programm an, oft ist es mit der internen Verwaltungssoftware kombiniert. Die Eltern laden sich die App gratis auf ihr Handy oder greifen über den Computer zu.

( kurier.at ) Erstellt am 11.01.2018