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Alzheimer-Früherkennung
03/27/2013

Ein tiefer Blick in das Gehirn

Ein neues Verfahren macht es möglich, typische Veränderungen nachzuweisen.

von Ernst Mauritz

„Wäre es nicht eine Beruhigung für die Angehörigen, wenn man schon beim Auftreten erster Gedächtnisprobleme Gewissheit hätte, was die genaue Ursache ist?“ Die österreichische Physikerin Britta Fünfstück leitet bei Siemens den Bereich „molekulare Bildtechnik“. – „Eines der zukunftsträchtigsten, medizintechnischen Felder des Konzerns“, wie die deutsche Wochenzeitung Die Zeit schrieb – also die Diagnose von Krankheiten auf der Ebene kleinster Strukturen mittels bildgebender Verfahren. Und da ist es seit kurzem möglich, bestimmte Veränderungen im Gehirn, wie sie auch bei Alzheimer auftreten, bereits zu Lebzeiten sehr genau nachzuweisen. Die Bedeutung für einen routinemäßigen Einsatz ist aber noch umstritten.

Bestimmte Eiweißablagerungen im Gehirn – sogenannte Beta-Amyloid-Plaques – sind bei Patienten mit Demenzerkrankungen wie Alzheimer recht häufig und können nach dem Tod im Rahmen einer Autopsie nachgewiesen werden.

„Biomarker“

Seit kurzem ist in der EU eine diagnostische Substanz (von Eli Lilly) zugelassen, die bereits zu Lebzeiten den Nachweis dieser Plaques deutlich vereinfacht, wie Fünfstück kürzlich bei einem Wien-Besuch erläuterte:

– Ein „Biomarker“ wird dem Patienten gemeinsam mit einem kurzlebigen radioaktiven Substanz injiziert.

– Im Gehirn heftet sich diese Substanz ganz spezifisch an diese alzheimertypischen Eiweißablagerungen und markiert sie dadurch (deshalb der Begriff „Biomarker“).

– Anschließend werden in einem PET-CT hochauflösende Aufnahmen des Gehirns des Patienten gemacht. Durch die radioaktive Strahlung sind die Areale mit den möglicherweise krankhaften Ablagerungen als dunklere Stellen (siehe Grafik) gut zu erkennen.

– „Damit der Arzt nicht nur nach der Intensität der Graustufen urteilen muss, ob das Gehirn noch oder nicht mehr gesund ist, gibt es von uns eine Software, die die Belastung des Hirns mit den Ablagerungen auch quantifiziert, also mengenmäßig berechnet“, sagt Fünfstück. „Dahinter liegen die Vergleichsdaten zahlreicher gesunder und kranker Patienten.“ Alarm wird erst ausgelöst, wenn gewisse Schwellenwerte überschritten sind.

„Bei wem keine derartigen Ablagerungen nachgewiesen werden, der kann sich sicher sein, keine Demenz zu haben“, sagt Fünfstück. „Das kann viele Familien sehr beruhigen.“

Doch nicht alle Experten teilen diese Ansicht: „Natürlich ist es auf jeden Fall ein großer Fortschritt“, sagt der Alzheimer-Spezialist Univ.-Prof. Peter Dal-Bianco von der MedUni Wien. „Aber für eine Anwendung im klinischen Alltag ist es viel zu früh – das haben kürzlich auch renommierte US-Experten erklärt.“

Für eine Alzheimerdiagnose reiche diese Methode alleine nicht aus, betont auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA in London: Denn einerseits treten diese Plaques nicht nur bei Patienten mit Demenzsymptomen auf: „Sie können auch bei älteren Personen ohne Symptome festgestellt werden.“

Und: „Es gibt auch Menschen, die für eine Demenz typische geistige Beeinträchtigungen zeigen, ohne dass sie Plaque-Ablagerungen in einem Ausmaß zu haben, wie dies häufig bei Alzheimer der Fall ist“, sagt Dal-Bianco. „Das wissen wir aus einer Studie mit Nonnen, bei der nach dem Tod der Studienteilnehmerinnen auch die Gehirne untersucht wurden.“

Trotzdem bringe dieser neue Blick ins Gehirn einen großen Fortschritt: Denn weltweit laufen Studien mit Impfstoffkandidaten, die diese schädlichen Eiweißablagerungen schrumpfen lassen sollen. „Mit dieser neuen Diagnosemethode können wir überprüfen, ob diese Versprechungen auch eintreten und die Plaques tatsächlich weniger werden.“ Wobei das alleine nicht ausreichen wird, um den Erfolg neuer Therapien zu beurteilen, betont Dal-Bianco: „Entscheidend ist ja nicht, ob der Patient Plaque-frei wird, sondern ob es ihm tatsächlich besser geht.“

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