Wissen und Gesundheit
28.06.2017

Echtes Lächeln ist eine komplexe Sache

Forscher befragten 800 Personen und glauben jetzt: Das perfekte echte Lächeln gibt es nicht.

Wofür haben Forscher das Lächeln schon verantwortlich gemacht? Für ein längeres Leben beispielsweise. Zumindest haben Psychologen Fotos von US- Baseballspieler aus den 1950er-Jahren betrachtet und festgestellt, dass Sportler, die auf den Bildern nicht lächelten, im Schnitt nur 72,9 Jahre alt wurden, während jene, die ein breites Lächeln zeigten, beinahe ihren 80er erreichten. Eine andere Wissenschaftlergruppe will entdeckt haben, dass Lächeln den Erfolg einer Ehe voraussagen kann: Wer als Schulabgänger in die Linse des Klassen-Fotografen grinst, soll große Chancen auf eine lange Ehe haben.

Stand der Wissenschaft

Liebe, Lebensspanne, lange Ehen – man könnte meinen, das Lächeln sei bestens verstanden. Wir ziehen unsere Mundwinkel nach oben und signalisieren damit: Mir geht es gut. Und die Welt lächelt mit. Doch Forscher glauben das längst nicht mehr. Ihre Vorstellung vom Lächeln ist in den vergangenen Jahren sehr viel komplizierter geworden. Und sie beginnen gerade erst, diese Vielfalt zu entschlüsseln.

Kein perfektes Lächeln

Unter ihnen ist der US-Wissenschaftler Nathaniel Helwig, der jetzt herausgefunden hat, dass es ein perfektes Lächeln gar nicht gibt. Ein angenehmes und echtes Lächeln kann auf verschiedene Weise erzeugt werden, berichtet sein Team im Fachblatt Plos One. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Stellung der Mundwinkel, die Breite des Lächelns und wie stark die Zähne zu sehen sind.

Errechnetes Lächeln

Um das herauszufinden, ließen die Forscher mehr als 800 Personen 3D-Animationen von lächelnden Gesichtern bewerten. Die Probanden sollten angeben, was das Gesicht ausdrückte und wie echt, gelungen und angenehm sie das Lächeln empfanden. Anhand der Antworten errechneten die Wissenschaftler, was ein gelungenes Lächeln ausmacht.

Die Auswertung ergab, dass Weniger im Bezug auf Lächeln häufiger mehr ist: Ein von einem Ohr zum andern reichendes Lächeln wurde also nicht zwangsläufig als besonders angenehm und echt empfunden. Andersherum wirkte ein verhaltenes Lächeln nicht unbedingt falsch oder unangenehm. Die Kombination von drei Merkmalen entpuppte sich als Garant für ein gelungenes Lächeln: Wie stark die Mundwinkel nach oben gezogen sind, wie weit die Mundwinkel auseinander liegen und vor allem wie stark die Zähne sichtbar sind. Bei einem eher schmalen Lächeln stören stark sichtbare Zähne. Bei einem breiteren Grinsen können sie es angenehmer machen.

Maske

So ein Lächeln ist also eine komplexe Sache. Erschwerend kommt dazu, dass wir es nicht nur aus Freude einsetzen, auch Unsicherheit oder Überheblichkeit können dahinter stecken. Sogar wenn Menschen traurig sind oder in einer peinlichen Situation, lächelten sie manchmal. Dass Menschen das Lächeln auch als Maske nutzen können, musste schon der junge Hamlet lernen: "Schreibtafel her, ich muss mir’s niederschreiben, Dass einer lächeln kann und immer lächeln Und doch ein Schurke sein."

Angstgrinsen

Schon länger gibt es die These, dass Lächeln im Lauf der Evolution aus einer Unterwerfungsgeste entstanden ist: Unterlegene Affen entblößen gegenüber ranghöheren Tieren die Zähne, ohne die Kiefer voneinander zu lösen. Primatenforscher nennen es das Angstgrinsen und mutmaßen: Später könnten dominante Individuen diese Geste übernommen haben, um ihrerseits vertrauenswürdig zu wirken – auch in menschlichen Gesellschaften. Schelm, der jetzt ans Kampflächeln der Politiker in Wahlkampfzeiten denkt und sich fragt, wie man echt von falsch unterscheiden kann.

Lachfalten

Seit der französische Physiologe Guillaume Benjamin Duchenne im 19. Jahrhundert die Muskelgruppe rund um das Auge als "Muskel der Freude" charakterisierte, gelten Fältchen um die Augen als Anzeichen dafür, dass ein Lächeln "echt" ist. Doch das ist widerlegt. Ob die Augenmuskulatur beteiligt ist, sagt zwar etwas über die Intensität des Lächelns aus. Nicht aber darüber, ob sich eine Person tatsächlich freut oder amüsiert ist – oder ob sie ein Lächeln aufsetzt, um höflich zu sein. Trotzdem kann man echt von falsch unterscheiden. Man muss nur genauer hinschauen: Spontanes Lächeln baut sich meist weicher und langsamer bis zum Höhepunkt auf. Und es klingt danach auch sanfter ab.