Die stille Invasion aus dem Osten

30 Prozent aller Pollenallergien werden im Raum Wien durch Ragweed ausgelöst © Bild: APA

Ragweed verlängert die Pollensaison bis in den Herbst, breitet sich aus - und ist nicht das einzige Problem-Unkraut.

Der Vogel ist gelandet. Schnell pickt die Kohlmeise die Sonnenblumenkerne auf. Dazwischen liegen kleinere Samen, die sie ignoriert. Eine Amsel vertreibt die Kohlmeise, dabei fallen die kleinen Samen auf den festgestampften, nackten Boden unter dem Futterplatz im Wiener Türkenschanzpark.

Es sind Samen des Traubenkrauts, auch Ambrosie oder Ragweed genannt. Die Pflanze etabliert sich in Österreich. Laut Franz Essl, Botaniker am Umweltbundesamt, der die kleine Szene beobachtet hat, birgt Ragweed "den allergensten Pollen Mitteleuropas".

Laut Schätzungen der Medizinischen Universität werden 30 Prozent aller Pollenallergien im Raum Wien durch Ragweed ausgelöst. In Österreich gibt es ca. 800.000 Pollenallergiker. Uwe E. Berger, Leiter der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation der MedUni Wien: "Ohne Angstmacherei, wir haben ein ernstes Problem. Wir brauchen eine konzertierte, nationale Aktion gegen Ragweed." (siehe Interview).

Mit ihrer Blühzeit im August und September sorgt die Ambrosie dafür, dass sich die ohnehin für Allergiker belastende Pollen-Saison bis in den Herbst ausdehnt. "Ich habe mich anfangs gewundert, warum ich gerade jetzt wieder Asthma-Beschwerden wie im Frühling bekam", erzählt eine Betroffene. Ein Test brachte dann aber die Bestätigung: Ragweed-Allergie. "Um keine Atemprobleme zu haben, muss ich nun durchgehend bis in den Herbst hinein Antihistaminika einnehmen." Berger kalkuliert den finanziellen Aufwand für die Behandlung von Ragweed-Allergikern in Österreich mit knapp 89 Millionen Euro im Jahr. "Das ist auch ein immenser Faktor für das Gesundheitssystem."

Pollen-Import

Dabei ist die Ambrosie in Österreich noch nicht so häufig. Das Gros des Pollens wird mit dem Wind aus Ungarn bis nach Ost-Österreich verfrachtet, bis zu 200 Kilometer weit, sagt Essl. In der heimischen Flora tritt das Ragweed vor allem entlang von Bahngleisen und Autobahnen in Erscheinung, auch auf G'stetten und in Sonnenblumenfeldern. In Ungarn ist das konkurrenzstarke Unkraut eine Plage, die mehr als eine Milliarde Euro Spitalskosten verursacht.

Ein weiterer botanischer Bosnigl, der Riesenbärenklau, kommt in Tschechien und Deutschland massenhaft auf Brachen vor und verursacht schwere Hautverätzungen. Der Dritte im Bunde der Aliens ist das Rispenkraut (Iva), das in Nord-Serbien bereits in Feldern auftritt, aber in Österreich noch selten ist. Iva löst bei empfindlichen Menschen ähnliche Probleme aus wie Ragweed. "Der Riesen-Bärenklau ist vor allem für den Einzelnen ein Problem, um Ragweed und Iva muss sich die Gesundheitspolitik in den nächsten 20 Jahren aber wirklich Sorgen machen."

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Erstellt am 05.12.2011