"Die Grippe hat uns voll erwischt"

Tropfen und schniefen: Taschentuch schlägt Hochzie
Foto: Zentralbild/Patrick Pleul

Deutlicher Anstieg in den vergangenen Tagen, der Höhepunkt ist noch nicht erreicht.

Am Wochenende und in den Nächten seither hatten wir um rund 30 Prozent mehr Anrufe als im langjährigen Durchschnitt, die Zahl der Hausbesuche lag um 20 Prozent über dem Durchschnitt.“ Allgemeinmediziner Paul Prem, ärztlicher Leiter des Wiener Ärztefunkdienstes, kann die Aktivität der Grippe-Viren an der Zahl der Anrufe sofort ablesen. Am vergangenen Wochenende waren es pro Tag bis zu 1000: „Wir haben derzeit 13 Fahrzeuge und zusätzlich sechs Ärzte an den Telefonen im Einsatz. Außerhalb einer Grippewelle sind es acht Autos und vier telefonierende Ärzte. Die Grippewelle hat uns voll erwischt.“

oesterreich.jpg Foto: KURIER Allein in Wien erkrankten in der Vorwoche 10.800 Menschen neu an Grippe und grippalen Infekten. „Österreichweit sind es mindestens drei Mal so viele – und das ist eine konservative Annahme“, sagt der Sozialmediziner Univ.-Prof. Michael Kunze. „Zählt man alle Erkrankten zusammen, nähern wir uns einer Zahl von bisher 100.000 Grippe-Kranken.“ Bis zum Ende der Saison müsse man mit 300.000 bis 400.000 Erkrankten und rund 1000 grippebedingten Todesfällen rechnen.

saison.jpg Foto: KURIER Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht, sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz vom Department für Virologie der MedUni Wien: „Ich gehe von einem weiteren Anstieg der Erkrankungszahlen in den nächsten ein bis drei Wochen aus.“ Wie lange dann die Aktivität der Viren hoch bleibt, lässt sich nicht vorhersagen: „Im Durchschnitt dauert eine Grippewelle acht Wochen, es können aber auch zehn oder zwölf sein.“ Da die Erkrankungszahlen steigend sind, sei auch eine Impfung zum jetzigen Zeitpunkt immer noch sinnvoll.

Nicht bagatellisieren

Mediziner Prem warnt davor, eine echte Virusgrippe zu bagatellisieren: „Es gibt immer wieder unverbesserliche Patienten, die glauben, sie müssen unbedingt in die Arbeit, weil z. B. ein Kollege auf Urlaub ist. Die meisten davon legen sich nach einem Tag aber reumütig ins Bett.“ Wer trotz Influenza zur Arbeit geht und den Körper nicht schont, riskiere Komplikationen wie eine Herzmuskel- oder Lungenentzündung. Zum Glück seien derartige Komplikationen heuer aber nicht häufiger wie in den Vorjahren.

häufigkeit.jpg Foto: KURIER Von einer ungewöhnlichen schweren Grippewelle, wie es sie heuer in den USA gab, könnte Österreich verschont bleiben: Denn ein Großteil der Infektionen in Europa wird vom Schweinegrippevirus A(H1N1)pdm09 ausgelöst. Und dieses sorgt in der Regel für etwas mildere Krankheitsverläufe als das A(H3N2)-Virus, das in den USA vorherrschend ist. „Allerdings gab es 2009 gerade bei Jüngeren teilweise schwere Lungenkomplikationen auch durch das Schweinegrippevirus“, erinnert Kunze. Mit diesem Virus haben sich im Jahr der Pandemie 2009 laut einer neuen Studie an die 20 Prozent der Bevölkerung infiziert: „Diese könnten bis heute zumindest eine teilweise Immunität haben “, sagt Sozialmediziner Kunze. „Bei ihnen könnte eine neue Infektion wie eine Auffrischungsimpfung wirken, sicher sein kann man aber nicht.“

Beim Wiener Ärztefunkdienst ist man jedenfalls schon auf weitere intensive Nächte vorbereitet. Prem: „Um Punkt 19 Uhr, wenn wir die Leitungen für die Annahme von Visiten öffnen, hatten wir zuletzt bis zu 400 Anrufe in einer Sekunde.“

Studie

Die Erderwärmung könnte zu schwereren Grippewellen führen: Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Arizona State University. Diese hat, beginnend mit der Saison 1997/1998, die Intensität von Grippewellen mit den Klimadaten verglichen. Fazit: Auf einen warmen Winter folgt im Jahr darauf eine deutlich heftigere Grippewelle.

„Es scheint so, dass sich in einem warmen Winter weniger Menschen mit einem Influenza-Virus infizieren“, so Studienleiter Sherry Towers. Das führe aber dazu, dass ein größerer Teil der Bevölkerung ohne schützende Antikörper in die nächste Saison gehe – dies löse aber einen frühen und heftigen Beginn der Grippewelle aus. Hinzu komme, dass bei einem frühen Beginn noch viele Menschen ohne Impfschutz sind.

Dieses Muster zeigte sich übrigens auch heuer: 2011/ 2012 war der viertwärmste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen in den USA, die Grippewelle 2012/2013 eine der schwersten der vergangenen Jahre.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?