Wissen und Gesundheit
04.09.2017

Die Folgen eines Atombombenabwurfs auf die Welt

Donald Trump droht mit dem Einsatz von Nuklearwaffen gegen Nordkorea. Doch welche globalen Auswirkungen hätte der Einsatz solcher Mittel überhaupt? Was Experten sagen.

Der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea spitzt sich stündlich zu, deshalb steht die Atomkriegsuhr derzeit kurz vor zwölf Uhr. Nachdem am Sonntag das nordkoreanische Staatsfernsehen von der „erfolgreichen“ Zündung einer Wasserstoffbombe mit „beispielloser Kraft“ gemeldet hat, droht US-Präsident Donald Trump nun mit dem Einsatz von Nuklearwaffen gegen Nord-Korea.

Was aber würde ein nuklearer Erstschlag für das Land selbst, für die Welt und insbesondere Europa bedeuten? Der KURIER befragte dazu namhafte Experten:

Der Abwurf einer einzigen Atombombe über Nord-Korea hätte laut Andreas Musilek, Strahlenschutzbeauftragter am Atominstitut der TU-Wien, kaum mehr Auswirkungen als bisherige Tests mit Atomwaffen. „Das ist viel zu weit weg, da müsste man schon viele zünden“, sagt er. Musilek verweist auf die Atombombentests Anfang der 1960er-Jahren: „Da wurde eine Bombe nach der anderen gezündet“. Im Bericht „Radioaktivität und Strahlung Österreich, 2011 und 2012“ der AGES und des BM für Gesundheit heißt es dazu: „Die oberirdischen Kernwaffentests - bis Ende 1980 insgesamt 418 Explosionen unterschiedlicher Stärke - erzeugten vor allem in den 1960er Jahren eine weltweite Kontamination der Biosphäre mit künstlichen radioaktiven Stoffen“. Sowie: „Das zurzeit in der österreichischen Umwelt vorhandene Cäsium-137 stammt nicht nur aus dem Tschernobyl-Fallout, sondern etwa zu einem Zehntel aus dem Kernwaffentest-Fallout“.

Die Wirkung so einer Bombe sei laut Musilek vor allem abhängig davon, wo genau sie explodiert – würden sie von einer Abfangrakete abgeschossen, dann fände dies in der Atmosphäre oder sogar noch über der Erdatmosphäre statt, also relativ hoch oben. „Es bleibt auch eine Frage, was weiter passiert“, sagt der Strahlenexperte und bezieht sich dabei auf das Szenario eines möglichen Gegenschlags und Atomkriegs mit vielen Nuklearwaffen. Das wäre für die gesamte Welt desaströs.

Es würde nicht bei einer Bombe bleiben

Darauf verweist Nadja Schmidt von ICAN Austria, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Für sie ist die aktuelle Eskalation sehr berunruhigend: “Das ist kein Spiel mehr, zumal mit Präsident Trump noch viel mehr Unberechenbarkeit dazu gekommen ist. Wir befinden uns derzeit auf einem Niveau, vor dem wir seit Jahren gewarnt haben”. Der aktuelle Test der Wasserstoffbombe sei größer gewesen als alle bisherigen Tests, und alle bisherigen Tests waren wiederum größer als die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. “Zudem kommt, dass die Wasserstoffbombe viel kleiner ist, als etwa eine Bombe mit Uran, damit ist sie leichter auf eine Interkontinentalkrakete platzierbar”, erklärt sie. Auch sie sagt: “Eine Bombe ist nicht das Problem, aber die Natur eines Atomkriegs ist, dass es nicht bei einer Bombe bleibt. Laut der Vereinigung “Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs” könnten 60 bis 80 solcher Waffen einen nuklearen Winter und Hungerskrisen auslösen.

Schmidt: “Durch das Ausmaß an Zerstörung verursachen Atombomben durch ihr einzigartige langfristige Wirkung des sich ausbreitenden radioaktiven Niederschlags, der generationsübergreifende genetische Schäden verursacht. Eine einzige über einer großen Stadt detonierte Atombombe könnte mehrere Millionen Menschen auf einmal töten. Der Einsatz von Dutzenden oder Hunderten Atombomben würde das globale Klima verändern und als Folge große Hungersnöte verursachen.” Dies würde zwar nicht zur Vernichtung der Menschheit führen, aber das Ende der bisherigen modernen Zivilisation bedeuten.

Klaus Renoldner, Arzt und unabhängiger Konsulent für nachhaltige Entwicklung, befindet sich gerade in York, beim Weltkongress der "Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs" - er sagt: "Auf jeden Fall hätte so ein Ereignis fürchterliche medizinische Konsequenzen für die leidende Zivilbevölkerung. Schon die kleine Bombe von Hiroshima tötete mit einem Schlag über 100.000 Menschen und vernichtete und verseuchte das Land. Heutige Atombomben haben die 50fache und noch größere Sprengkraft. Es entstehen Temperaturen von Millionen Grad, Flächenbrände und Stürme. Auch er zeichnet ein düsteres Szenario: "Bei Einsatz mehrerer Bomben sind auch Klimaeffekte zu erwarten, unter denen dann vor allem die Länder des globalen Südens leiden: Ernteausfälle und Hungersnöte".

Atomwaffen südlich von Österreich stationiert

Was viele nicht wissen: Auch in Europa sind Atomwaffen stationiert: “Rund um Österreich gibt es US-Atomwaffen, etwa 70 Kilometer südlich der Grenze, im italienischen Aviano oder im deutschen Fliegerhorst Büchel. Das wären potentielle Angriffsziele im Rahmen eines Atomkriegs”, sagt Schmidt. Den Folgen eines solchen Kernwaffenangriffs könnte sich auch das neutrale Österreich nicht entziehen, was ein Papier der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie) und der Amerikanischen NGO „Natural Ressources Defence Council“ (NRDC) zeigte, das die Auswirkungen eines Atomschlages auf eine Militärbasis in Mitteleuropa darlegte. Als fiktives Angriffsziel wurde die NATO-Luftwaffenbasis Aviano in Norditalien gewählt, die Annahme beruhte auf einem Angriff mit einer 200 kt Kernwaffe, russischer Bauart und einer bodennahen Zündung. Dies würde zur Maximierung des Fallouts führen und aufgrund der vorherrschenden klimatologischen Bedingungen wäre es in einem solchen Fall nicht unwahrscheinlich, dass eine radioaktive Wolke über Österreich ziehen würde. Österreich wäre vermutlich sogar stark betroffen.

Viele Faktoren spielen bei Auswirkungen eine Rolle

Wie die Folgen eines radioaktiven Fallouts tatsächlich aussehen würde, sei schwierig zu beurteilen, sagt Univ.-Prof. Lembit Shiver, Leiter der Abteilung „Strahlenphysik“, am Atominstitut der TU Wien: „Das hängt vom Typus und der Machart der Kernwaffe, aber auch von der Explosionshöhe ab, sowie von den Wetterbedingungen, von der Windgeschwindigkeit, Windrichtung und der Oberfläche, über der die Waffe explodiert“. Würde die Bombe über dem Boden explodieren, würde es zwei Typen radioaktiven Fallouts geben: Den frühen Fallout, innerhalb der nächsten 24 Stunden nach der Explosion und den verzögerten Fallout, der nach Tagen, Wochen bis hin zu Jahren seine Wirkung entfaltet. Insbesondere jene radioaktiven Teilchen, die in die höhere Atmosphäre gelangen seien gefährlich, sie würden mit dem Wind weitergetragen werden, bevor sie zu Boden fallen – das ist abhängig von den Wetterbedingungen. Würden mehrere Kernwaffenexplosionen eine große Zahl von Feuerstürmen hervorrufen, könnten in der Folge viel Russ und Rauch von der Sonne angeheizt werden. Diese Mischung könnte in die Stratosphäre gelangen und von dort aus global verbreitet werden – die Folgen wären eine Temperaturverringerung der Erdoberfläche, die Jahre andauern würde. Die Temperaturen würden fallen, es käme zu weniger Niederschlag – die landwirtschaftliche Produktion wäre gefährdet.

PS.: Im Juli haben mehr als 130 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York einen Vertrag ausgehandelt, der Atomwaffen verbietet. Viele wichtige Staaten haben daran nicht teilgenommen, am 20. September soll er bei der UN-Vollversammlung zur Unterschrift vorgelegt werden. "Es wäre ein Zeichen, Österreich hat den Vertrag maßgeblich mitgestaltet", sagt Nadja Schmidt von ICAN.