Diabetes: Auch die Gene spielen mit

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Foto: christandl jürg

Mediziner warnen, den sogenannten „Altersdiabetes“ als selbst verschuldete Krankheit zu sehen.

Ich lebe seit 33 Jahren mit Typ-2-Diabetes. Drei Mal in der Woche spiele ich Tennis und fühle mich nachher besser als vorher. Mein Arzt hat mir gesagt: Wenn ich mich an alle seine Empfehlungen halte, wird die Erkrankung für mich kein großes Problem sein – und so ist es auch.“ Erich Witzky, 83, war Mittwoch einer der mehr als 120 Besucher beim fünften Gesundheits-Talk von KURIER, MedUni Wien und Novartis.

„Wenn man heute einen Herzinfarkt hat, kommt das in gewissen Kreisen einer Ordensverleihung gleich“, sagte Univ.-Prof. Thomas Wascher vom Hanusch-Krankenhaus in Wien. „Typ-2-Diabetes hingegen ist überhaupt nicht positiv besetzt und wird häufig nur mit dem Lebensstil gleichgesetzt. Diabetes hat aber auch einen sehr starken genetischen Hintergrund.“ Ähnlich auch Univ.-Prof. Bernhard Ludvik, MedUni Wien: „Wir dürfen Diabetiker nicht immer nur als Menschen sehen, die alles selbst verschuldet haben.“

„Wichtig ist eine frühe Diagnose“, sagt Elsa Perneczky von der „Österreichischen Diabetikervereinigung“: „Hier könnte man am besten ansetzen und die Betroffenen sehr rasch dazu bringen, in ein Bewegungsprogramm einzusteigen.“ – Wascher: „Ein sehr übergewichtiger Patient hat vier Monate nach der Diagnose keine Medikamente mehr benötigt – er hat alle gezuckerten Getränke gestrichen und ging vier bis fünf Mal in der Woche eine Stunde Nordic Walken.“

„Sind auch schlanke Menschen mit erhöhten Leberwerten diabetesgefährdet?“, will eine Dame aus dem Publikum wissen. „Eine Fettleber und die damit verbundenen erhöhten Leberwerte sind ein Hinweis auf eine Insulinresistenz (der Körper wird unempfindlich gegen die Wirkung des körpereigenen Insulins, Anm.). Bei dieser Insulinresistenz wird Fett in der Leber gespeichert.“

Risiko Schlafapnoe

„Ist auch Schlafapnoe (Atempausen im Schlaf) ein Risikofaktor für Diabetes?“, fragt Josef Hoza von der „Selbsthilfegruppe Schlafapnoe“ – „Ja“, antwortet Mediziner Ludvik. „Viele Schlafapnoiker haben eine bauchbetonte Fettverteilung und fast immer Probleme mit dem Blutdruck. Wir wissen heute, dass Diabetes, ähnlich wie Atherosklerose, eine entzündliche Erkrankung ist.“ Durch den Sauerstoffmangel könne Schlafapnoe – ähnlich wie das Rauchen – zu einer solchen Entzündung („Inflammation“) führen, so Ludvik.

„In der Steiermark arbeiten Forscher an einer künstlichen Bauchspeicheldrüse“, meldet sich Peter P. Hopfinger von der Plattform „Diabetes Austria“: „Was ist da zu erwarten?“ – „Das ist der Traum der meisten insulinspritzenden Diabetiker“, antwortet Wascher: „Ein implantiertes Messgerät, das die Blutzuckerkonzentration misst, kombiniert mit einer Pumpe, die auf diese Messwerte selbsttätig reagiert.“ Das Problem dabei sei nicht die Pumpe, sondern die kontinuierliche Blutzuckermessung: „Hier hat es keine lang funktionierenden Sensoren gegeben.“ Doch im Vorjahr seien „hervorragende Einmonatsdaten“ von Sensoren präsentiert worden, die drei Monate implantiert bleiben. Bis es ein marktreifes System für den breiten Einsatz gebe, werde es aber noch dauern.

Pünktlich um 18 Uhr startete Gabriele Kuhn mit der Vorstellung der Experten. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Univ.-Klinik für Innere Medizin, AKH Wien, Univ.-Prof. Dr. Thomas Wascher, Hanusch Krankenhaus Wien und Elsa Pernecky, Österreichische Diabetikervereinigung. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik betonte, wie wichtig die individuelle Behandlung jedes Patienten sei. Univ.-Prof. Dr. Thomas Wascher machte Betroffenen Hoffnung. Eine Umstellung der Lebensgewohnheiten und vor allem Bewegung brächten meist Verbesserungen. Elsa Perneczky, stv. Vorsitzende der Österreichischen Diabetikervereinigung, kritisierte, dass die Kassen neue, die Lebensqualität steigernde Medikamente kaum bewillgten. Aus dem Publikum gab es viele Fragen. Neue Medikamente, die Weiterentwicklung der Insulinpumpen ("künstliche Bauchspeicheldrüse), Risikofaktoren und neue Forschungsergebnisse waren die Hauptthemen des Abends. Im Publikum durften wir auch Peter Hopfinger begrüßen. Er betreibt die Internetplattform www.diabetes-austria.com. Die Experten waren sich einig, dass eine frühe Diagnose, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Krankheit und gute Betreuung durch die behandelnden Ärzte entscheidend für Verbesserungen im Krankheitsverlauf sind. Moderatorin Gabriele Kuhn freute sich über viele interessierte Zuhörer und die ausführlichen Antworten der Experten. Der nächste Gesundheitstalk findet im April zum Thema "Netzhaut" statt.
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KURIER-Gesundheitstalk

Gesundheitstalk: "Volkskrankheit" Diabetes

Wie beugt man Diabetes Typ2 vor? Welche Behandlungsmethoden gibt es? Wie ist der neueste Stand der medizinischen Behandlung?

(KURIER) Erstellt am
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