Wissen und Gesundheit
08.05.2017

Deutschmatura: Vernichtendes Urteil der IG Autoren

Warum sich die Literaten über die Aufgaben bei der Deutschmatura so empören

Und schon wieder gibt es Kritik an der Zentralmatura im Fach Deutsch. Und wieder kommt sie von der IG Autorinnen Autoren. Sprecher Gerhard Ruiss ist entsetzt über die die Qualität der literarischen Aufgabenstellung: "Trotz breiten Medienechos auf unsere Analysen und struktureller Änderungen (statt beim Bifie liegt die Verantwortung dafür nun direkt im Bildungsministerium) gelingt es einem riesigen Apparat nicht und nicht, ein einziges Thema mit Literaturbezug halbwegs befriedigend aufzubereiten."

Worum geht es genau? Vernichtende Kritik gibt es an den Interpretationsvorgaben des Ministeriums für die Maturanten:

2017 sei nicht – wie etwa 2014 die wenigstens indirekt NS-entschuldigende Prosa Manfred Hausmanns – der gewählte Text an sich das Problem. Diesmal entschieden sich die Verantwortlichen für das Gedicht ‚Zeitgemäße Morgenandacht’ von Mascha Kaléko, einer 1907 geborenen Lyrikerin aus Galizien mit jüdischen Wurzeln, die 1974, als der Text entstand, in Israel lebte. Dieses Gedicht verweist durchgehend auf wenn schon nicht tagesaktuelle, so doch zeitverhaftete, in der Presse aufbereitete negative und angstmachende Ereignisse. Ein lyrisches Ich liest beim Frühstück die Zeitung und reagiert darauf.

Vorgaben

Es ist also nicht, die Auswahl der Literatur, die der IG Autorinnen und Autoren aufstößt. Sie kritisieren, dass Vorgaben gemacht wurden, wie das Gedicht zu interpretieren sei. Begründung: "Ein solcher Text bedarf natürlich zahlreicher Erläuterungen für die heutige Schülergeneration, weil zeithistorisches Detailwissen über die 70er Jahre nicht vorausgesetzt werden kann. Und damit wird es zum ersten Mal heikel: In der sogenannten Infobox beruft sich das Ministerium auf den Kommentar zur Werkausgabe der Dichterin, der die verlangte Interpretation zum Teil vorwegnimmt. Die Box informiert nicht nur, sondern legt den Kandidatinnen und Kandidaten auch eine gewisse Sicht der Dinge nahe, ohne dies aus Kalékos Werk eindeutig belegen zu können. So werden ,diverse Versuche mit todsicheren Strahlen' flugs den Atommächten USA, Sowjetunion, Frankreich und China zugeordnet. Israel, dessen heimliche atomare Aufrüstung seit den 60ern breit diskutiert (und vielfach kritisiert) wurde, die sich wohl ebenso auf globale Wahrnehmungen der Presse stützt, bleibt aber ausgenommen, obwohl die Autorin damals in Israel lebte und sich gleich die nächste lakonische Zeile, ,Aufruhr. Erpressung. Und Inflation', allein auf Israel beziehen soll, was ebenso anzuzweifeln ist."

Als Hintergrund erfahren die Schüler bei der Matura nämlich, dass Israel mit einer hohen Inflation zu kämpfen hatte.

Auch mit anderen Vorgaben ist die IG Autorinnen und Autoren nicht glücklich: "Die Verse ,Am hoffnungsgrünen Tisch der Nationen / prosten die Narren sich zu mit Whisky und Wodka. / Die Nichtmitmacher schweigen' müssen die Schülerinnen und Schüler als Anspielung auf Staaten wie die Schweiz, die nicht Mitglied der UNO waren, interpretieren. Für Ruiss "eine, gelinde gesagt, höchst unwahrscheinliche Deutung. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Kaléko zwischen den Narren unter den Nationen unterscheidet, die ohne Bedenken den atomaren Rüstungswettlauf auf die Spitze treiben, und jenen UNO-Mitgliedern, die sich daran zwar nicht beteiligen (können oder wollen), aber nicht energisch genug protestieren."

Kritik am Beurteilungsschlüssel

Vollends zum Desaster werde die Deutschmatura 2017 aber, "wenn sich die Lehrkräfte auf den nur ihnen vorliegenden Interpretationsschlüssel, die ministerielle Hilfestellung zur Beurteilung des Textes stützen. Wer das Gedicht entlang dieser Einlassungen deutet, muss scheitern. Das österreichische Bildungsministerium will also, dass die Lehrerschaft nach einem von ihm vorgegebenen Muster korrigiert, das nicht einmal die Mindestvoraussetzungen für gelungenes literarisches Interpretieren beachtet." Vernichtender kann man wohl kaum urteilen. Weiter heißt es: "Der Gestus des Textes wird völlig verkannt. Komplette Resignation, kein Aufruf zur Veränderung, eine nüchterne Aneinanderreihung der schlechten Nachrichten wird konstatiert. Nüchtern ist da aber gar nichts. Kaléko schreibt von ,der so gescheiten Statistik', spricht von Seuchen, ,im Flugzeug / mit munterer Musikbegleitung / flott auf dem Weg zu dir', räsoniert über ,zu viele Leute. Und zu wenig Menschen' oder die sich zuprostenden Narren bei der UNO. Da ist jede Menge Wut, da ist Sarkasmus, da ist sogar Augenzwinkern, wie die ministeriellen Interpreten an anderer Stelle, sich selbst widersprechend, sogar hervorheben. Wer dafür freilich keine Tentakel hat, wird eine Formulierung wie ,dem Traum kaum entronnen / überfliege ich (…) das Wesentliche im Morgenblatt' gleich eindeutig und schlicht festmachen: ,Das lyrische Ich hat offenbar schlecht geträumt'.

Auch Lehrer bevormundet

Wiederholt schwöre das Ministerium die Lehrerschaft auf „ein nicht zu beeinflussendes Schicksal“ ein, wolle ein lyrisches Ich erblicken, „ausschließlich mit negativen Schlagzeilen konfrontiert, die es als schicksalhaft erlebt“. Atomrüstung, Inflation. Hungersnot. Luftverschmutzung. Vergiftete Flüsse. Alles schicksalhaft? Selbstverständlich, schreiben die ministeriellen Deuter, weil es uns ja „in den Sternen geschrieben“ steht. Ruiss empfiehlt dem Ministerium dirngen, "die Schlusssätze ,Weh mir! Ich kann das Weltgeschehen / nicht ändern / und die Geschichte / nicht abwenden. // Ich werde die Zeitung abbestellen.' rein affirmativ als Textabsicht der Autorin zu lesen. Sollte ein Schüler, eine Schülerin auf den Gedanken kommen, die Konsequenzen des lyrischen Ich mögen nach dem Willen Mascha Kalékos zur Erkenntnis der Leser führen, eben nicht zu resignieren, es ihm eben nicht gleichzutun, werden brave Lehrkräfte das natürlich bestrafen, wie es von ihnen erwartet wird."

Weiteres Beispiel

„Am hoffnungsgrünen Tisch der Nationen / prosten die Narren sich zu mit Whisky und Wodka.“ Diese Verse legt die Interpretationsanleitung des Bildungsministeriums allen Ernstes so aus: „Nur einmal ist von Hoffnung die Rede, die wird aber Narren zugeschrieben.“ Geht es noch tiefer? Es geht, es geht: „Nachbar, verkauf deine Aktien / und bau deinen Bunker“ dichtet Kaléko, und das Ministerium dichtet: „Die Versgruppe mit dem Aufruf an den Nachbarn, in einem Bunker Schutz zu suchen“.

Fazit

Ruiss zieht ein vernichtendes Fazit: "Die Zentralmatura in Deutsch 2017 besticht, was die literarische Aufgabe anlangt, durch Inkompetenz. Es werden Lesarten verordnet, die entweder überhaupt nicht zu halten, bedenklich oder unzulässig einschränkend sind. Die müssen zudem in einem unsäglichen Korridor von 540 bis 660 Wörtern zu Papier gebracht werden."

Erneut fordert die IG Autorinnen Autoren eine grundlegende öffentliche Diskussion über die Gewichtung von Literatur im Unterricht, über die Rahmenbedingungen der schriftlichen Reifeprüfung und die Qualifikation derer, die Aufgaben entwickeln.