Cannabis-Medizin: "Patienten in Illegalität gedrängt"

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Foto: APA/AFP/JACK GUEZ Hanf-Anbau für eine medizinische Verwendung in Israel.

Der Schweizer Pharmazie-Professor und führende Cannabis-Forscher Rudolf Brenneisen über die Diskussion zur Wirksamkeit, die Situation der Patienten und Cannabis-Präparate in den Apotheken.

Sein Ziel ist es, die Cannabis-Pflanze zu rehabilitieren: Rudolf Brenneisen, 68, ist emeritierter Professor der Pharmazie der Uni Bern und einer der international führenden Cannabis-Forscher. Seit mehr als 30 Jahren befasst er sich mit den medizinischen Wirkungen der Pflanze. Vor kurzem war er in Wien.

Rudolf Brenneisen, pharmazeut, Cannabis-Forscher… Foto: /Christoph Liebentritt Prof. Rudolf Brenneisen

KURIER: Wie notwendig ist Cannabis in der Medizin tatsächlich? Gibt es nicht genügend Wirkstoffe, die z. B. Schmerzen effizient lindern können?

Rudolf Brenneisen: Wir sehen gerade in den USA, was eine völlig unsachgemäße und unkontrollierte Anwendung von hochtoxischen Präparaten – den Opioiden – anrichten kann. Auch wenn diese Mittel bei sachgemäßer Anwendung, wie sie in der Schweiz oder Österreich Praxis ist, kein Risiko bedeuten: Es stellt sich die Frage, ob es nicht Schmerzmittel mit weniger Nebenwirkungen gibt? Und da kommt man unweigerlich auf die Cannabis-Wirkstoffe. Für mich stehen jene Anwendungen im Vordergrund, wo die Schulmedizin ihr Pulver bereits verschossen hat und Patienten sagen, dass ihnen nichts anderes mehr hilft. Viele Patienten vertragen Cannabis auch besser als Opiate, die Gefahr einer Überdosierung ist gleich null.

Vor kurzem erklärten Schmerzmediziner, es gebe keinen ausreichenden Nachweis für die Wirksamkeit von cannabisbasierte Arzneimittel etwa gegen Tumor- oder Rheumaschmerz.

Der Mangel an guten wissenschaftlichen Daten ist ein Faktum – aber von Kongress zu Kongress bessert sich die Datenlage. Es fehlt an Forschungsmitteln und teilweise auch an der Bereitschaft der Industrie, Studien durchzuführen. Wir haben eine große Diskrepanz zwischen dem, was viele Patienten sagen – "Cannabis wirkt bei mir sehr gut" – und dem, was die Schulmedizin entgegnet: "Eine Wirkung für diese Anwendung ist wissenschaftlich nicht bewiesen." Es gibt einige Ausnahmen, etwa neuropathische Schmerzen (Nervenschmerz, Anm.) oder Krampfsymptome bzw. Schmerzen bei Multipler Sklerose, wo es wissenschaftliche Nachweise gibt. Ansonsten sind die Spannungen zwischen Erfahrungs- und Schulmedizin ziemlich groß.

ISRAEL-HEALTH-MARIJUANA-LIFESTYLE Foto: APA/AFP/JACK GUEZ Hanfanbau für medizinische Anwendung

Sollte man generell Cannabisblüten aus kontrolliertem Anbau für die Medizin freigeben, wie das in bestimmten Fällen in Deutschland möglich ist?

Die Apotheken sollten standardisierte Cannabispräparate wie Tinkturen, Tropfen und Öle, verwenden, dies auch im Rahmen der Magistralrezeptur (frisches Herstellen von Arzneien auf Rezept des Arztes durch den Apotheker, Anm.). Die ganzen Blüten sind dagegen das ideale Rohmaterial für die Extraktherstellung und Wirkstoffisolierung (THC, CBD). Auch wenn man verschiedene Blüten ein- und derselben Pflanze analysiert, werden Sie Unterschiede in der Konzentration der Inhaltsstoffe finden, die nicht tolerierbar sind. Die Natur ist einfach zu variabel. Deshalb verlangen die gesetzlichen Arzneibücher für Arzneipflanzen-Präparate zur Gewährleistung einer möglichst konstanten Dosis eine Normierung.

Aber es gibt doch bereits z. B. das Cannabis-Präparat Dronabinol mit dem Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC).

Dronabinol ist nur ein Bruchteil der Wahrheit der Hanfpflanze. Sie hat mehr als 500 Inhaltsstoffe.Trotz Trend zurück zur Natur sollten aber die natürlich oder synthetisch gewonnenen Cannabinoide THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) als Medikamente in Reinform nicht diskriminiert werden.  In den USA läuft gerade eine klinische Studie für ein Präparat (Epidiolex, Anm.) mit dem Inhaltsstoff CBD. Hier gibt es Daten, dass dieses bei einer seltenen und schweren Form der therapieresistenten Epilepsie im Kindesalter – dem Dravet-Syndrom – die Anfallshäufigkeit senken kann.

Allerdings sagen betroffene Eltern, dass Cannabispräparate (Blütenextrakt mit angereichertem CBD, Anm.) ihren Kindern noch besser helfen als nur isoliertes CBD allein. Zu fordern sind deshalb Vergleichsstudien der Einzelsubstanz gegen einen standardisierten Cannabisextrakt. Interessant ist, dass bei einem THC-CBD-haltigen Cannabispräparat weniger Rauscheffekte zu beobachten sind, als wenn man nur THC allein einnimmt. Viele Schwerstpatienten , die sich derzeit ihr Cannabismedikament illegal auf der Straße besorgen müssen, fragen mich: "Wie lange müssen wir noch auf Cannabis aus der Apotheke warten? Unsere Zeit läuft ab."

ISRAEL-HEALTH-MARIJUANA-LIFESTYLE Foto: APA/AFP/JACK GUEZ

Bauen Patienten dann Cannabis selbst illegal an?

Ich hatte unlängst Kontakt mit einer 75-jährigen Dame im Rollstuhl. Sie hat chronische Rückenschmerzen, nichts helfe ihr. Sie bestellt sich Samen in Holland, baut die Pflanzen mit Internet-Anleitungen selbst an und macht sich dann aus den Blüten einen Tee. Das machen viele so. Patienten werden in die Illegalität gedrängt.

Wie groß ist das Suchtrisiko?

Dazu ein Vergleich: In einer Studie mit 12.000 chronischen Schmerzpatienten, die Morphin bekamen, hatten weniger als ein Prozent ein Suchtproblem. Das heißt: Es kommt auf die Dosierung, die Kontrolle, das Umfeld, die richtige Darreichungsform und Indikationsstellung an. Die gegenwärtige Opioid-Epidemie in den USA ist nicht zuletzt die Folge des Missbrauchs und der Überdosierung ärztlich verschriebener Schmerzmittel.  Morphin ist – im Gegensatz zu Cannabis – wirklich hochtoxisch. Aber wenn man es – wie sich ja in Europa zeigt – mediznisch gut handhaben und vernünftig einsetzen kann, dann wird das bei Cannabis genauso möglich sein. Natürlich ist Cannabis keine harmlose Pflanze und gehört auch nicht in die Hände von Jugendlichen. Aber das darf nicht den Einsatz für medizinische Zwecke hemmen.


Zur Person: Führender Cannabis-Spezialist

Prof. Rudolf Brenneisen arbeitete unter anderem als externer Analytiker für die US-Drogenbehörde DEA und die UNO. Er war bis 2014 Forschungsgruppenleiter im Departement Klinische Forschung an der Uni Bern. Er ist Leiter der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin.

(kurier) Erstellt am
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