Wissen und Gesundheit
02.11.2017

Welche Konzepte die Alpen retten sollen

Der Umweltschützer Matthias Schickhofer kritisiert in seinem neuen Buch die Industrialisierung der Alpen und präsentiert Vorschläge für sanfte Bewirtschaftung.

Auf dem Rücken seines Vaters unter dessen Regenponcho hat er sein erstes Gewitter im Hochgebirge erlebt. Auf den Sechsjährigen aus dem Waldviertel muteten die Niederen Tauern an wie Alaska. "Diese unglaubliche Weite ohne Wald und menschliche Behausung" fasziniert den Buchautor, Fotografen und Umweltschützer bis heute. Doch ist das Idyll ernsthaft bedroht. Matthias Schickhofer macht sich Sorgen um seine lieb gewonnene Natur- und Kulturlandschaft. In seinem neuen Buch Schwarzbuch Alpen beschreibt er ausführlich, wie "die globale Kommerzialisierung" dem hochsensiblen Alpenbogen im Herzen Europas mehr und mehr zusetzt.

"Massentourismus, Zersiedelung, wuchernde Shoppingcenter, Hochleistungsstraßen – die industrielle Ausbeutung der Alpen hat längst ihre Grenzen erreicht", hält Schickhofer im Gespräch mit dem KURIER fest. "Das Paradies geht langsam kaputt. Und der Klimawandel wird die Lage zusätzlich verschlimmern." Die Kritik des langjährigen Greenpeace- und WWF-Aktivisten an Betreibern von Skiliften, Beschneiungsanlagen, Bespaßungsparks, kurzfristig planenden Bürgermeistern und Hoteliers, Bau- und Energiewirtschaft ist nicht neu. Spannend sind auch Schickhofers Vorschläge, wie man das Ökosystem erhalten könnte. Und da liefert der Alpen-Freund doch einige interessante Hinweise.

Ski foan!

Zunächst: Der kantige Kritiker will den Österreichern nicht ihren Nationalsport und die damit verknüpften Arbeitsplätze nehmen. Skilifte sollen weiterhin Menschen auf den Berg bringen. Bestehende Anlagen dürfen auch gerne energieeffizient modernisiert werden. Doch er spricht sich strikt dagegen aus, neue Lifte in unverbaute Berglandschaften zu betonieren und sich damit den Kreditgebern und einer zunehmend unsicheren Wetterlage mit Kopf und Kragen auszuliefern.

Schickhofer kritisiert explizit die lokalen Entscheidungsträger in Kitzbühel, die im Frühjahr Schnee mit dem Lkw in höhere Lagen bringen lassen, um ihn dort zu konservieren und zu Winterbeginn wieder auf den Pisten zu verteilen. "Dieses Vorgaukeln einer heilen Welt wird auf Dauer nicht funktionieren." Und er lobt den Bürgermeister von Lunz am See, der sich an diesem Verdrängungswettbewerb nicht beteiligen möchte und auf sanften Tourismus setzt.

Sanfter Tourismus?

Da gibt es für den Autor, der nicht nur mit seiner Kamera, sondern auch mit dem Notizblock in den Alpen unterwegs ist, eine ganze Reihe von bemerkenswerten Initiativen. Sein Steckenpferd: "Nationalparks gelten längst als Premium-Marken im Tourismus und locken auch zunehmend mehr Gäste an." Die Erklärung dafür liegt für ihn auf der Hand: "Vor allem Menschen, die in Städten wohnen, sehnen sich nach echten Naturerlebnissen."

So ist es im Bayrischen Wald gelungen, eine zuvor wenig frequentierte Naturlandschaft an der Grenze zu Tschechien für Erholungsuchende attraktiv zu machen.

Wandern im Advent

Alles zu seiner Zeit, so das Credo des Schwarzbuchschreibers. Wenn bis Weihnachten kein Schnee fällt, warum dann nicht die Wander- und Radwandersaison ausweiten? Und wenn dann im Jänner endlich Schnee fällt, warum dann nicht mit den besonders bei Italienern beliebten Schneeschuh- und Skitouren Alternativen zum Pistenfahren anbieten? "Wir leben inzwischen in einer diversifizierten Welt. Die Gäste von heute wollen an einem Tag Ski fahren gehen, am nächsten Tag schwimmen und am dritten Tag einen Ausflug unternehmen."

Auch das Konzept der "Bergsteigerdörfer" weist aus Sicht von Schickhofer in die richtige Richtung: Zwanzig Alpendörfer aus Österreich (von Lunz am See über Grünau im Almtal bis Vent im Ötztal), eines in Südtirol und zwei in Deutschland haben sich unter dieser Dachmarke zusammengeschlossen und vermarkten ihre relative Ursprünglichkeit und auch ihr Bekenntnis zu den Zielen der Alpenkonvention.

Dass Matthias Schickhofer nicht den Teufel an die Wände der Alpen malt, zeigt eine Studie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, die in dieser Woche bekannt wurde: Demnach verlor die Pasterze am Großglockner in nur einem Jahr zwei Meter an Eisdicke – und die kleinen Gletscher am Sonnblick ebenfalls zwei Meter. Überall schmilzt der alpine Raum schnell dahin.

Der Autor

Matthias Schickhofer, 50, ist Umweltschützer und Fotograf. Die Alpen und ursprüngliche Wälder sind seit seiner Kindheit seine „Seelenlandschaften“. Seit Jahren schon setzt er sich für den Erhalt des Naturerbes ein. Aktuell engagiert er sich auch gegen die intensiven Abholzungen in den rumänischen Karpaten.

Das Buch

Schwarzbuch Alpen. Warum wir unsere Berge retten müssen. Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Alpen- raum. Brandstätter- Verlag, 22,90 €. Euro.