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Wissen und Gesundheit
12/05/2011

Ayurveda: Alte Lehre modern anwenden

Vom Wellness-Hotel bis zur Kur auf Sri Lanka: Immer mehr Menschen schwören heute auf Ayurveda. Was die alte indische Gesundheitslehre tatsächlich kann.

von Ingrid Teufl

Stirngüsse mit warmem Öl, Massagen an Chakren-Punkten oder Ernährung nach der Fünf-Elemente-Lehre: Teilbereiche aus dem umfangreichen Ayurveda-Konzept haben längst Eingang in Wellness- und medizinische Anwendungen gefunden. Nicht nur Prominente loben mehrwöchige Entschlackungskuren direkt in Sri Lanka oder Südindien als ihr Lebenselixier.

Auf der Suche nach sanften Alternativen zur Schulmedizin fühlen sich viele von Ayurveda angezogen - wohl auch wegen des personalisierten Zuganges. Gesundheitliche Schwächen beruhen dieser Philosophie zufolge auf einem Ungleichgewicht im Körper. Ziel der Behandlungen ist es, das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Altes Wissen

Doch ist das bis zu 5000 Jahre alte, indische "Wissen vom Leben" - so die wörtliche Übersetzung von Ayurveda - überhaupt für uns moderne Mitteleuropäer geeignet? Die Wirksamkeit wird immer wieder aufgrund fehlender Studien angezweifelt. So kam etwa die deutsche Stiftung Warentest 2005 zum Schluss: "Die Daten über die Zuverlässigkeit ayurvedischer Diagnostik sind widersprüchlich." Auch wenn es "Hinweise auf die therapeutische Wirksamkeit einzelner Therapieverfahren" gebe. Aber: "Die Wirksamkeit des kompletten Medizinsystems des Ayurveda ist nicht nachgewiesen."

Für Ayurveda-Spezialist Ashish Bhalla stellt sich die Sachlage anders dar. "Man muss zwischen Wellness-Ayurveda und medizinischen Anwendungen unterscheiden. Der gebürtige Inder kam als Kind nach Österreich, studierte später in Wien Medizin und absolvierte zusätzlich Ayurveda-Ausbildungen in Indien und Deutschland. Heute praktiziert er in Wels, OÖ. "Ayurveda ist eine sehr komplexe, detailreiche Lehre. Gerade
im Wellness-Bereich fehlt oft das grundlegende Wissen. Es werden zum Beispiel nicht die richtigen Öle verwendet oder Ölmassagen verordnet, die für diese Person gar nicht geeignet sind. Da kann man mehr Schaden als Nutzen anrichten."

Getestet

Zu einem ähnlichen Urteil kamen 2010 auch die Tester des Relax-Guides. Mehr als 200 der knapp 1000 Hotels in Österreich bieten schließlich bereits Ayurveda-Behandlungen an. "In den allermeisten Fällen hat dies mit echtem Ayurveda gar nichts zu tun. Im besten Fall hat man davon einen gewissen verwöhnenden Effekt, physiologisch wirksam sind derartige Anwendungen nicht."

Im medizinischen Bereich gelten für Arzt Bhalla auf jeden Fall andere Maßstäbe. "Ayurveda sollte an europäische Umstände angepasst werden. Das ist für mich der einzige Weg, es hier sinnvoll anzuwenden." Auch er selbst habe seine Ausbildung "nicht eins zu eins" in die Praxis in Österreich übernommen. "Manche Therapien wende ich gar nicht an. Und die meisten Kräuter, die ich verwende, stammen aus der kühleren Himalajaregion. Dieses Klima ähnelt Mitteleuropa."

Zunehmend werden in vielen Hotels Ärzte oder Therapeuten aus Indien eingeflogen. Für Bhalla kann das - auch bei hochwertiger Ausbildung, die jedoch zum Teil in Europa nicht anerkannt sei - immer nur eine Momentaufnahme sein. "Die kontinuierliche Betreuung danach fehlt. In einer Woche saniert sich der Organismus nicht."

Info: Weiterentwicklung und Aufarbeitung

Ayurveda Die "Lehre vom Leben" wurde vor 3500 Jahren niedergeschrieben. Das Grundprinzip ist immer, Gleichgewicht für den jeweiligen Typus (Vata, Pitta, Kapha) zu schaffen. Diese "Doshas" können körperlich (z. B. Ernährung, Reinigung) und geistig (Meditation) beeinflusst werden. Im Lauf der Zeit hat sich die Ur-Lehre weiterentwickelt. Es gibt verschiedene Schulen. Im Westen ist das wegen seiner Meditationstechniken nicht unumstrittene "Maharishi Ayur-Veda" stark vertreten.

Forschung In einem Forschungsprojekt der Uni Wien werden derzeit historische Manuskripte textlich und inhaltlich auf ihre Ursprünglichkeit hin analysiert. Im Lauf der Jahrtausende waren die Texte immer wieder umgeschrieben und ergänzt worden. Von der "Ur-Version" erhofft man sich neue Erkenntnisse zur ursprünglichen Lehre.