Wissen und Gesundheit
06.06.2017

Als Copy und Paste noch Handarbeit waren

Unser Bild von früher ist lückenhaft, denn nur zehn Prozent der antiken Literatur haben es ins Heute geschafft. Warum, das beleuchtet eine Schau im Papyrusmuseum.

Wir schreiben 376 n. Chr. oder vielleicht auch 402 oder 478. Politische Umbrüche haben die Welt an der Schwelle von der Antike zum Mittelalter, wie die Epochen später genannt werden sollten, fest im Griff. Und auch die Papyrusrollen, auf denen Geschichtsschreiber politische Entwicklungen und Dichter ihre Epen niedergeschrieben haben, sind längst brüchig und von fleißigen Schreibern auf beständigeres Pergament übertragen worden. Die Entscheidung, welche Bücher es wert waren, abgeschrieben zu werden, war davon abhängig, was den Einzelnen interessierte und vom Zeitgeist, wie man heute sagen würde. Die Folge: Viele Werke berühmter Literaten, Philosophen und Historiker des Altertums sind für immer verloren.

Wege des Wissens

Ehe Gutenbergs Buchdruck die Wissensbewahrung revolutionierte, waren die Menschen auf Papyri und Pergament angewiesen. In der neuen Schau "Wege des Wissens" zeichnet die Österreichische Nationalbibliothek (ONB) mit Hilfe von uralten Handschriften und Papyri nach, wie sich Homer und Vergil ihren Weg bis in die Gegenwart bahnen konnten, während andere Autoren längst vergessen sind. "Und diese verlorenen Literaten sind keineswegs nur zweit- oder drittklassige Autoren gewesen", bedauert Papyrologe Bernhard Palme. Der Direktor des Papyrus-Museum der ONB schätzt, dass nur zehn Prozent der antiken Literatur erhalten geblieben sind. Noch viel geringer ist die Zahl des überlieferten Alltagswissens. Man lande wohl im Promille-Bereich, meint Palme.

"Wissen war schon immer eine kostbare Ressource", sagt Johanna Rachinger, die Direktorin der ONB. "Doch damals war der Zugang zu Bildung und Wissen viel schwieriger und komplexer". Um die neueste Nachricht zu erfahren oder an ein bestimmtes Buch zu gelangen, musste man über weit gespannte Kontakte und ein entsprechendes Netzwerk verfügen – ein Gegenbild zur aktuellen Wissensgesellschaft, analysiert Rachinger mit Blickrichtung Internet, wo praktisch alle Informationen für alle frei zugänglich sind.

"copy and paste"

In der Schau zeigen die Forscher mehr als 50 Exponate und illustrieren so, wie Texte in Zeiten, als "copy and paste" noch mühevolle Handarbeit war, erhalten geblieben sind. "Im Wesentlichen verdanken wir der fleißigen Abschreibe-Arbeit vieler Mönche, dass die antike Literatur überhaupt erhalten geblieben ist", erinnerte Papyrologe Palme. Was nicht in die mittelalterlichen Werte und Weltanschauungen passte, verschwand. Das war leicht, denn abgeschrieben wurde fast nur in Klöstern. Das christlichen Abendland eliminierte das heidnischen Rom. Mit Tinte und Feder.

Durch den Filter gerutscht

Hin und wieder schlüpfte den Kopierern aber auch etwas durch: Die "Naturgeschichte" von Plinius dem Älteren aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. ist so ein Fall. "Naturalis historia", eine bemerkenswerte Enzyklopädie, galt irgendwann als überflüssig. Doch das Pergament war zum Wegwerfen zu schade und wurde daher recycelt. Teile davon wurden im Papyruscodex "De trinitate" ("Über die Dreifaltigkeit") wiederentdeckt – zerschnitten und zur Verstärkung mitgebunden. Auch so funktioniert Wissensweitergabe, zeigt die Ausstellung "Handschriften und Papyri".

Superstars der Papyrii

Übrigens: In der ONB lagern die "Superstars unter den spätantiken Klassikern, etwa die berühmte Livius-Handschrift", sagt Daniela Mairhofer von der Universität Princeton, die die Schau kuratiert hat. Auch ein Papyrus-Briefe aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. sei herausragend. In dem Schreiben, das formal bereits vertraut wirkt – es hat einen Absender, Empfänger und Gruß in den ersten Zeilen; der lateinische Abschiedsgruß "Vale" und ein Datum bilden den Abschluss – warnt ein gewisser Diaconus den Römer Macedo: "Ich kann es nicht vermeiden, Dir zu schreiben, dass Du kräftig angeschwärzt wirst bei Iucundus und Dido vom Freigelassenen des Domitius. Deshalb, mein Kamerad, gib Dir Mühe, Dich bei ihnen zu rechtfertigen. ... er lästert über Dich nicht wenig", steht da zu lesen. Üble Nachrede scheint also auch den alten Römern nicht fremd gewesen zu sein.

Dass der Brief seinen Adressaten erreichte, war in der Antike ein Glücksspiel. Damals gab es keine öffentliche Post, private Briefe wurden Reisenden in die Hand gedrückt, erzählt Palme. "Ob die ankamen und dem Richtigen überreicht wurden, war allerdings ungewiss." Mit etwas Glück wurde der Brief über den konkreten Anlassfall hinaus aufbewahrt und ist so heute eine wichtige Quelle für das längst vergangene Alltagsleben.

Info: "Handschriften und Papyri. Wege des Wissens", bis 14. Jänner 2018, Papyrusmuseum der ONB (Heldenplatz, 1010 Wien)

Wie man altem Papyrus seine Geheimnisse entlockt

Papyrus ist als Wissensspeicher eigentlich ungeeignet. In den Wüstengebieten Ägyptens überdauerten Papyri, doch in Europa verrottete und verschwand, was nicht rechtzeitig kopiert wurde. Unglaublich aber wahr:

Dieser unansehnliche Knödel ist ein wertvolles antikes Schriftstück. Wird Papyrus entdeckt, ist er meist verschrumpelt und überaus porös. Bei der Konservierung stehen Experten also vor Herausforderungen. Das Verfahren, das bis heute angewendet wird, haben sie bereits in den 1970er-Jahren entwickelt:
Alles beginnt mit der so genannten Nassreinigung – Festigungsmittel wird in den Papyrus eingebracht, um die Fasern wieder geschmeidig zu machen.

Jetzt kann der Papyrus geglättet werden. Bis das Blatt völlig trocken ist, bleibt es zwischen Löschpapier in der Presse. Danach wird die Oberfläche mit einem Pinsel oder mit Skalpell unter der Lichtlupe oder dem Mikroskop gereinigt. Fehlende Stellen werden mit antikem Papyrus, der eingestampft wurde, ausgebessert. Zum Schluss legt man das restaurierte Blatt auf säurefreies Papier zwischen zwei Glasplatten.

Und erst jetzt kann die eigentliche Arbeit beginnen: das Entziffern des Geschriebenen.