Ausgleich für das Rollenbild des Vaters suchen

Brigitte Rollett ist emeritierte Uni-Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Wien.

KURIER: Wie wirkt es sich auf Kinder aus, wenn beide Elternteile gleichgeschlechtlich sind?
Brigitte Rollett: Wachsen Buben bei zwei lesbischen Frauen auf, lernen sie dort natürlich eher das in der Gesellschaft akzeptierte weibliche Sozialverhalten kennen – Frauen sind bei der Durchsetzung von Interessen zum Beispiel weniger aggressiv. Das fehlende männliche Rollenbild kann man aber leicht ausgleichen, indem man sich bewusst darum bemüht, zum Beispiel im Freizeitbereich, auch männliche Bezugspersonen einzubinden – etwa einen Großvater, einen Onkel, einen Kindergärtner, wo es ihn gibt, oder einen Sporttrainer. Auch engagierte Lehrer können diese Rolle übernehmen.

Können diese Bezugspersonen tatsächlich einen Vater ersetzen?
Im optimalen Fall ja. Hier können durchaus enge Beziehungen entstehen. Ich war selbst Alleinerzieherin. Bei einem meiner Söhne hat ein Lehrer diese Rolle hervorragend ausgefüllt. Und aus allen meinen vier Kindern ist etwas geworden.

Entwicklungspsychologisch gesehen spricht also nichts dagegen, wenn zwei Frauen Kinder aufziehen?
Wenn sie es wirklich wollen und wie vorher beschrieben vorgehen – nein. Wichtig ist – aber das gilt für alle anderen Paare auch –, dass sie genau die Gründe für den Kinderwunsch hinterfragen: Dass das Kind kein Prestigeobjekt ist. Dass sie sich bewusst sind, dass es auch Trotzphasen und eine Pubertät gibt und dass sie sieben Tage in der Woche 24 Stunden für das Kind sorgen müssen. Die Einstellung zu ihrem Kind ist entscheidend.

Und sie müssen sich bewusst sein, dass es mehr Probleme zu lösen geben kann als in einer gut funktionierenden traditionellen Partnerschaft: Eben der Ersatz des männlichen Rollenbildes, aber auch die Situation, wenn das Kind einmal die Frage stellt, „wer ist mein Vater?"
Diese Frage kann sich aber auch nach einer frühen Scheidung der Eltern stellen.
Ganz genau, Alleinerzieherinnen müssen dieselben Probleme lösen – und tun dies auch. So gesehen ist es völlig egal, ob das Kind bei einer oder zwei Frauen aufwächst. Mit einer liebevollen Alleinerzieherin oder in einer gut funktionierenden gleichgeschlechtlichen Beziehung kann es den Kindern besser gehen als in einer schlecht funktionierenden heterosexuellen Beziehung ihrer Eltern.

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(kurier) Erstellt am
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