Wissen und Gesundheit
30.08.2017

Experten kritisieren Drogen-Test auf YouTube

Videos, in denen drei junge Holländer illegale Substanzen ausprobieren, könnten andere zum Drogenkonsum verleiten.

"Schere, Stein, Papier!" Weil Nellie das Spiel verliert, ist dieses Mal sie an der Reihe: Ihr Kollege Bastiaan überreicht ihr vor laufender Kamera einen winzigen MDMA-Kristall, Nellie schluckt – und wartet, bis die Wirkung der Partydroge einsetzt.

Bastiaan, Nellie und Rens rauchen, schlucken, schnupfen – jede Woche einer. "Wir testen Drogen, damit ihr es nicht müsst", erklären sie auf ihrem YouTube-Kanal "Drugslab" (Drogenlabor), der fast 500.000 Abonnenten hat. Und: "Wir tun das im Namen der Wissenschaft, um zu sehen, welche Effekte Drogen auf den Körper haben." Was illegal klingt, ist ein Bildungsprogramm, das vom öffentlich-rechtlichen niederländischen Fernsehen mitfinanziert wird.

Die drei feschen Moderatoren fügen sich perfekt ins hippe Setting: Getestet wird in einem bunten Labor inklusive Cannabispflanze, Holland-Flagge und Schultafel, auf der die chemische Formel der zu testenden Substanz steht. Auf einem Monitor sieht man, wie sich Körpertemperatur und Herzfrequenz der Testperson im Laufe des Trips ändern. Für den Ernstfall steht ein Sanitäter bereit. Probiert wird, was die Zuseher in den Kommentaren unter den Videos vorschlagen: Ecstasy, Kokain, Cannabis. Tabu sind nur Heroin und Crystal Meth.

Zwar liefern die drei alle möglichen Informationen über die Substanz – so richtig abschreckend wirken die elfminütigen Videos aber nicht, meint Kurosch Yazdi, Leiter der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin der Kepler Uniklinik: "Der Grat zwischen seriöser Aufklärung, die Drogenkonsum hoffentlich einschränkt, und Verherrlichung ist hier extrem schmal", sagt der Experte (aktuelles Buch: "Die Cannabis-Lüge", Schwarzkopf-Verlag).

Er habe Verständnis dafür, dass Aufklärungskampagnen neue Wege bestreiten müssen, um Herzen und Köpfe der Jugendlichen zu erreichen. "Ich bezweifle aber, dass diese Videos geeignet sind. Ist ein junger Mensch eher geneigt, Drogen zu nehmen, fühlt er sich durch die Videos bestärkt und überhört den warnenden Anteil der Sendung."

Denn dieser geht im fröhlichen Setting des kontrollierten Rauschs fast unter. Am Beginn jedes Videos erklären die Moderatoren, wie die Droge wirkt und geben Empfehlungen zum "sicheren" Konsum. Bastaan rät etwa, die Reinheit von MDMA immer testen zu lassen und erklärt, wie viel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht geeignet sind. Danach ist zu sehen, wie sich Nellies Pupillen weiten und sie zu tanzen beginnt. "Alles fühlt sich so warm und geschmeidig an", schwärmt die 30-Jährige.

"Bei den Videos steht die Unterhaltung klar im Vordergrund", meint auch Steve Müller, Leiter der Drogen-Beratungsstelle Checkit! in Wien. "Was fehlt, sind klare Infos zu Risiken und Nebenwirkungen. Außerdem ist es problematisch, wenn eine Person die Wirkung von Drogen testet: Das heißt nämlich nicht, dass sie bei der anderen Person auch so wirken." Auch Checkit! testet Drogen: Auf Partys und Festivals untersuchen Chemiker die Substanzen auf ihre Inhaltsstoffe. "Der Unterschied ist, dass wir da sind, wo Drogen ohnehin konsumiert werden. Die Gefahr bei den Videos aber ist, dass man dadurch andere zum Drogenkonsum bringt."

Ein solcher Kanal wäre in Österreich nicht möglich, glauben beide Experten. Die Niederlande seien ob ihrer liberalen Drogenpolitik auch kein Vorbild, betont Yazdi: "Diese Haltung hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass von fast allen Drogen dort pro Kopf mehr konsumiert wird als in den meisten anderen Ländern Europas." Das Gerücht, dass die Niederländer weniger Cannabis konsumieren würden, weil es erlaubt sei, sei schlichtweg falsch, meint Yazdi. "Tatsächlich konsumieren nicht nur prozentuell mehr Jugendliche Cannabis, dieses ist im Durchschnitt auch deutlich stärker." Seit kurzem zeichne sich aber eine Trendwende ab: Sämtliche Coffee Shops, die sich im unmittelbaren Umkreis von Schulen befinden, werden geschlossen. Es bleibt abzuwarten, wie viele Drogen im "Drugslab" noch getestet werden.

Seriöse Beratung und Information finden Sie hier:

www.checkyourdrugs.at

www.praevention.at