Wissen und Gesundheit
22.08.2017

Das Tagebuch von der Intensivstation

Pflegefachkräfte im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital schließen die Erinnerungslücken ihrer Patienten.

"Sie waren letzte Nacht sehr unruhig. Wenn ich Sie mit Ihrem Namen ansprach, öffneten Sie die Augen. Ich frage Sie, ob Sie sich unwohl fühlen. Sie schüttelten den Kopf. Wir drehten Sie auf die Seite und Sie entspannten sich sofort."

"Heute haben Sie eine tiefe Narkose bekommen und es ist alles gut gegangen. Ich betreue Sie nun die zweite Nacht und hoffe, Sie sind entspannt."

„Heute haben Sie bei der Pflege die Augen geöffnet. Ich habe Ihnen erklärt, wo Sie sind – und was passiert ist“

Mit handgeschriebenen kurzen Texten beenden Astrid Wilfinger und Albert Krumpel – beide erfahrene diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger – oft ihren Dienst. Sie arbeiten als Intensivpfleger auf der Abteilung für Anästhesie und Operative Intensivmedizin im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital (Sozialmedizinisches Zentrum Süd). Dort starteten vor fünf Jahren engagierte Mitarbeiter in Eigenregie das Projekt " Intensivtagebuch". Seit 2013 wird es im Routinebetrieb durchgeführt. Auch in anderen Spitälern gibt es mittlerweile ähnliche Projekte.

Posttraumatische Belastungsstörung

Intensivpatienten leiden auch noch nach dem Aufenthalt oft an Konzentrationsstörungen, Ängsten, Depressionen oder Albträumen – dem "post-intensive-care-Syndrom". Auch Erinnerungslücken aus der Zeit der künstlichen Beatmung und des künstlichen Tiefschlafs begünstigen diese posttraumatische Belastungsstörung. "Das Intensivtagebuch soll den Patienten eine Aufarbeitung der nicht bewusst erlebten Zeit während der Intensivbehandlung ermöglichen", so die Intensivpfleger.

Bei Patienten, die länger als 48 Stunden im künstlichen Tiefschlaf sind, entscheiden Pflegefachkräfte und Ärzte darüber, ob ein Tagebuch begonnen wird. Die Einträge werden so geschrieben, "als würde man den Patienten direkt ansprechen oder sich in einem Brief an ihn wenden. Diagnosen und Therapien werden aber nicht festgehalten". Lebensbedrohliche Situationen hingegen schon: "Solche Notfälle sind laut, es kann hektisch sein. Das bekommen die Patienten unterbewusst mit." Auch Untersuchungen werden festgehalten: "Die Patienten spüren, wenn wir mit ihnen im Spital an einen anderen Ort fahren."

Die Tagesbücher werden so lange geschrieben, bis sich die Patienten zwei Tage lang zurückerinnern können: "Auch wenn die Patienten bereits bei Bewusstsein sind – die ersten Erlebnisse werden oft vergessen." Einige Tage nach der Verlegung wird den Patienten das Tagebuch überreicht.

Einordnung

"Wir hatten einen Patienten, der hat sehr gerne klassische Musik gehört. Aber nach dem Spitalsaufenthalt ist er bei einer bestimmten Stelle eines Stücks immer zusammengezuckt – diese Stelle weckte in ihm unangenehme Assoziationen an ein ganz spezielles Geräusch eines Geräts auf der Intensivstation", erzählen Wilfinger und Krumpel. Das Tagebuch hilft Patienten, Dinge, an die sie sich erinnern, zu objektivieren und einzuordnen. Träume etwa: "Haben Sie gewisse Dinge nur geträumt – oder tatsächlich erlebt? Das Tagebuch hilft, das auseinanderzuhalten." Drei bis fünf Minuten dauert das Verfassen eines Eintrags im Schnitt: "Natürlich ist das noch ein zusätzlicher Aufwand, der am Ende eines Dienstes dazukommt. Aber wir sehen, wie es den Patienten hilft – und das motiviert."

Tagebücher unterstützen auch die Angehörigen.

Intensivtagebücher können die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung bei Intensivpatienten halbieren und damit die Lebensqualität deutlich verbessern – das zeigte eine Studie aus Großbritannien. „Auch den Angehörigen helfen sie, diese Zeit zu verarbeiten“, sagt Projektleiter Albert Krumpel.

Viele Angehörige verfassen auch selbst Einträge für das Tagebuch: „Es vereint Patient und Familie. Es unterstützt dabei, die Zeit der Bewusstlosigkeit zu rekonstruieren.“

Zusätzlich zum Tagebuch erhalten die Patienten auch eine Audio-CD, welche die häufigsten Geräusche auf einer Intensivstation wiedergibt: etwa das Einspannen einer Medikamentenspritze, der Alarmton einer Pumpe oder des Beatmungsgerätes. „Nicht jeder will sich gleich mit der Zeit auf der Intensivstation auseinandersetzen, oft lesen die Patienten die Einträge erst ein halbes Jahr später“, sagt Krumpel.

Ihre Erfahrungen mit bisher rund 150 Tagebüchern hat die Projektgruppe „Intensivtagebuch“ genützt, um einen eigenen Standard auszuarbeiten – den sie gerne auch anderen Spitälern zur Verfügung stellt: Was schreibt man wie? Was auf keinen Fall? (persönliche Befindlichkeiten etwa). Krumpel: „Unsere Erfahrung zeigt auch: Die positive Wirkung auf die Patienten hält sehr lange an.“