Psychische Erkrankungen: "Auch wir sind ganz normal"

das LOKal
Foto: KURIER/Jeff Mangione Karl K. mit einer Platte des Jazzsaxophonisten Sten Getz im LOKal in der Richtergasse.

Café mit Plattenladen, Blumen- und Kleidergeschäft: Drei Non-Profit-Einrichtungen, in denen Menschen mit psychischen Problemen Arbeit finden.


"Saxophonist Sten Getz im Ronnie Scott´s Jazz Club in London. Eine großartige Life-Aufnahme aus 1971."

Jazzexperte Karl K., 62, zeigt auf ein Pickerl mit einer handgeschriebenen Nummer am LP-Cover: "Diese Platte war ursprünglich in meinem Geschäft." 1976 hatte er es gegründet, rasch wurde K. zu einer Instanz in Sachen Jazz. Doch Anfang der 80er-Jahre erkrankte er an der Bipolaren Störung – manische Hochphasen wechseln sich mit Depressionen ab (so wie auch bei dem von Joachim Meyerhoff im Akademietheater dargestellten Ich-Erzähler aus Thomas Melles autobiografischem Roman "Die Welt im Rücken").

das LOKal Foto: KURIER/Jeff Mangione Die Platte mit dem Pickerl aus dem Geschäft von Karl K. "Die manischen Phasen sind lustiger – aber ich wünsche das niemandem." In der Manie hatte er "oft Unmengen an LPs und CDs eingekauft – bis meine Frau die Reißleine gezogen hat – sonst wäre das Geschäft den Bach hinuntergegangen. Gerade beim Jazz gilt: "Was nicht in den ersten paar Monaten verkauft wird, bleibt liegen."

Es kam zur Scheidung, Karl K. schied 1996 aus dem Geschäft aus, seine Frau führte es noch 13 Jahre weiter.

das LOKal Foto: KURIER/Jeff Mangione Kaffee kann man auch im Garten des LOKal genießen.

Heute berät er wieder Plattenfreunde – fünf Mal in der Woche je drei Stunden, im Café LOKal mit angeschlossenem Plattenverkauf des Vereins LOK (Leben ohne Krankenhaus) in der Richtergasse (siehe auch Subgeschichte unten) in Wien-Neubau. Die Idee dazu stammte von ihm – er hatte in New York ein ähnliches Projekt gesehen. Musik hört er heute nur mehr via Streamingdienst: "So komme ich nicht in Versuchung, zuviel einzukaufen."

Ausgeschlossen

das LOKal Foto: KURIER/Jeff Mangione Eva Rohrer leitet die LOK-Beschäftigungsprojekte. "Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen – etwa Bipolare Störung, Schizophrenie, Persönlichkeits- oder Zwangsstörungen – sind vom ersten Arbeitsmarkt dauerhaft ausgeschlossen", sagt Eva Rohrer, Leiterin des LOKal, eines von drei Beschäftigungsprojekten des Vereins. "In den drei Geschäften haben die betreuten Mitarbeiter die Möglichkeit zu einer sinnstiftenden Tätigkeit." Im LOKal sind es 32, insgesamt 100 – maximal fünf Stunden pro Tag sind möglich.

Die Arbeit im Service oder Verkauf dient auch dem Abbau von Vorurteilen: "Unsere Kunden sehen, dass unsere Mitarbeiter nicht bedrohlich, aber manchmal anders sind. Bei uns können sie das sein – und wir schätzen sie auch dann, wenn es ihnen gelegentlich nicht gut geht."

das LOKal Foto: KURIER/Jeff Mangione Auch Thomas L. arbeitet im LOKal. Thomas L., 43, hat paranoide Schizophrenie und Angstzustände: "Manchmal höre ich Stimmen, etwa im Radio. Es ist so, als ob sie über mich reden würden. Wenn ich sage, ich bin psychisch krank, denken sich viele: ,Muss ich jetzt Angst haben? Was ist, wenn der jetzt durchdreht?‘ Aber wir sind auch ganz normale Menschen. Und hier im Lokal habe ich eine Aufgabe – und ich bekomme die Kraft, meine Probleme zu bewältigen."

Blumen und Second-Hand-Mode

Non Profit: Die drei Beschäftigungsprojekte des Vereins LOk

Diese drei Beschäftigungsprojekte des Vereins LOK geben Menschen mit psychischen Problemen Arbeit:

Das LOKal
Kleines Café (auch zum Mieten) mit schönem Garten, Verkauf von Second-hand-Büchern, Platten, CDs.

1070 Wien, Richtergasse 6 (Nähe Neubaugasse).
Mo.-Fr. 9.30 -19.00 Uhr,
Sa. 10 -17 Uhr
Telefon: 01 / 526 59 72
www.daslokal.net

unverblümt LOK
Schnittblumen, Sträuße, Gestecke (auch Fairtrade und Bio), Topfpflanzen, Balkonblumen, Kräuter- und Gemüsepflanzen, biologische Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel, Blumenerde, Übertöpfe und Saatgut. Darüber hinaus gibt es Dekorationsobjekte und Geschenkartikel aus eigener Produktion und aus jener anderer Sozialprojekte (z.B. Vasen, Übertöpfe und Filzaccessoires).

1050 Wien, Krongasse 17 (Ecke Margaretenstraße)
Mo.-Fr. 10 -19 Uhr
Telefon: 01 / 60 141 653
www.lok-unverbluemt.at

LOK Couture
Sehr gut erhaltene Second-Hand-Mode, die umweltverträglich gewaschen und gereinigt wurde: Damen- und Herrenkleidung, Schuhe, Tachen, Gürtel, Hüte, Tücher und Schals. Seit einiger Zeit gibt es auch selbst genähte und bedruckte Taschen – aus schönen Stoffen von beschädigten Kleiderspenden. Auch  ökologische Textilreinigung wird angeboten.

1150 Wien, Mariahilferstraße 187
Mo.-Fr. 9.30 - 18.30 Uhr
Telefon: 01 / 60 141 625
www.lok-couture.at

(kurier) Erstellt am
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