© Franz Ratzinger

Interview
05/13/2014

Antibiotika: Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Prof. Heinz Burgmann, Infektiologe und Antibiotika-Beauftragter am AKH Wien, über steigende Resistenzen und die Aussichten auf neue Substanzen.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die WHO warnte kürzlich davor, dass immer mehr Antibiotika unwirksam werden. Wie ernst ist das Problem?

Weltweit spitzt sich das Problem der Resistenzen immer mehr zu. Gegen bestimmte Keime sind gar keine Antibiotika mehr wirksam. In Österreich sind z.B. schon 20 Prozent der E. Coli-Bakterien gegen früher wirksame Antibiotika resistent. Sie führen zu einem Harnwegsinfekt, der für einen gesunden Menschen keine massive Infektion darstellt, bei geschwächten Patienten aber schon. Was man sich vor Augen halten muss, ist, dass Antibiotika oftmals Substanzen sind, die von anderen Lebewesen produziert werden, um sich dadurch einen Überlebensvorteil zu schaffen. Die Erreger entwickeln aber auch Gegenmaßnahmen, die sie untereinander und anverwandten Arten weitergeben.

Wie können Resistenzen verringert werden?
Antibiotika sollten so wenig und so kurz wie möglich verabreicht werden. Viele gehen zum Arzt und verlangen ein Antibiotikum, wenn sie es bei dem einen nicht bekommen, gehen sie zum nächsten. Hier braucht es ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Antibiotika nur bei bakteriellen, nicht aber bei viralen Infekten wie bei grippalen Infekten helfen. Auch im niedergelassenen Bereich und in Spitälern ist ein verantwortungsvoller Umgang notwendig. Antibiotika-Vorsorge betrifft alle - Bevölkerung, Ärzte, Krankenkassen, Apotheken und Pflege.

In den letzten Jahren sind Neuzulassungen von Antibiotika deutlich zurückgegangen. Substanzen mit neuem Wirkmechanismus gab es in 30 Jahren nur zwei. Warum?
Die Suche nach neuen Antibiotika ist vergleichbar mit der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Viele haben die Lust verloren, danach zu suchen. Antibiotika sind meist keine Cash Cows – viele der großen Pharmafirmen haben sich aus der Antibiotika-Forschung verabschiedet. Sicherlich aus Kostengründen, denn wenn ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt, dann wird es nicht gleich breit eingesetzt, sondern man sperrt es faktisch in den Panzerschrank, um Resistenzentstehung zu verhindern. Hier müssten Anreize geschaffen werden – auch von staatlicher Seite - , dass Pharmafirmen Antibiotika wieder entwickeln, etwa indem die Zulassung vereinfacht wird.

Wie kann man sich die Suche nach neuen Antibiotika vorstellen? Woran forschen Sie?

Die meisten Antibiotika werden nicht er-, sondern gefunden, oft sind es Pilze oder Bakterien, die eine Substanz produzieren. Derzeit wird viel im Naturbereich geforscht. Sehr häufig ist das Problem neuer Stoffe ihre Verträglichkeit, weil sie zwar auf die resistenten Bakterien wirken, aber gleichzeitig ein beträchtliches Nebenwirkungspotenzial haben. Sealife Pharma, eine österreichische Biotec Firma, sucht z.B. im Meer nach neuen Substanzen. Der marine Bereich dürfte in Bezug auf neue antimikrobielle Substanzen ein großes Potenzial haben. Im marinen Bereich ist fast noch gar nicht gesucht worden, es gibt aber sehr viele Mikroorganismen, die interessant sein könnten.

Wonach genau wird gesucht?
Im Meer gibt es viele Bereiche, wo ein Wettkampf stattfindet. Pflanzen und viele Tiere produzieren Abwehrstoffe, wenn sie angegriffen werden und unter Stress stehen. Diese chemischen Stoffe gilt es zu entdecken.

Sie haben schon einige Substanzen aus dem Meer patentieren lassen. Wie ist der aktuelle Stand?
Derzeit finden präklinische Studien statt. Wir haben Substanzen gefunden, bei denen wir antibakterielle Wirksamkeit nachweisen konnten. Jetzt werden diese Substanzen so verändert, dass sie auch verabreicht werden können. Wenn diese Untersuchungen fertig sind, dann sollten die ersten Versuche am Menschen stattfinden. Bis sie als Medikament zugelassen sind, kann es aber noch einige Jahre dauern.

In welchen Bereichen wird derzeit noch nach Antibiotika gesucht?
Eine Forschungsrichtung sind etwa neue Beta-Lactamase-Hemmer, das sind jene Substanzen, die von Bakterien produziert werden, um die Antibiotika zu zerstören. Man versucht also Kombinationen zu entwickeln, um die mikrobiologischen Resistenzmechanismen zu umgehen. Viel geforscht wird auch an Pflanzen, etwa im Amazonas, wo es genug gibt, die man noch nicht kennt. Es ist aber absehbar, dass in den nächsten Jahren nicht das neue Super-Antibiotikum kommen wird. Um nicht in eine Post-Antibiotika-Ära zu kommen, braucht es also wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Schritte.

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